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25.04.2022

12:18

Digitalisierung in Schulen

Hemmnis Bürokratie: Was Schulen daran hindert, digitaler zu werden

Von: Heike Anger

Bei der Digitalisierung kommen die Schulen kaum voran. Aber was hat die Schulbürokratie damit zu tun? Eine Studie zeigt, was sich ändern müsste.

Als die Schulen geschlossen waren, lernten viele Schülerinnen und Schüler zu Hause, hatten dabei aber massive Probleme. imago images/Jochen Tack

Homeschooling während des Lockdowns im Januar 2021

Als die Schulen geschlossen waren, lernten viele Schülerinnen und Schüler zu Hause, hatten dabei aber massive Probleme.

Berlin Deutschland ist wegen der Coronapandemie deutlich digitaler geworden. Doch während geflüchtete Kinder aus der Ukraine von hier aus am Onlineunterricht in ihrem Heimatland teilnehmen können, steht die Digitalisierung der deutschen Schulen in vielen Fällen noch aus.

Das legt auch eine neue Studie nahe, die vom mmb Institut im Auftrag der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit erstellt wurde und dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Darin heißt es: „Es fehlt unter anderem an der Netzinfrastruktur, an einer geeigneten Geräteausstattung, an IT-Unterstützung und fachkundigem Lehrpersonal.“ Vor allem erweise sich die „Schulbürokratie“ als Hemmnis, mit ihren „langwierigen, strategisch unverbundenen und im Alltag schlecht abgestimmten, einander gegenseitig blockierenden organisatorischen“ Prozessen.

Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, meint: „Die mangelnde Digitalisierung der Schulen hat sich in der Coronapandemie bitter gerächt.“ Trotz mancher Fortschritte in den letzten zwei Jahren sei das Problem nicht gelöst.

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    „Vor allem die Schulverwaltungen müssen sich jetzt endlich bewegen und die vielen Hebel umlegen, die noch die Digitalisierung der Schulen behindern“, fordert Paqué. Dazu gehöre vor allem, den Schulen mehr Freiraum für eigene Entscheidungen zu geben – etwa um das Geld des Digitalpakts zu nutzen.

    Unterschiedliche Interessen hemmen die Digitalisierung

    Tatsächlich lässt sich die mangelnde Digitalisierung der Schulen kaum durch fehlende finanzielle Mittel erklären. Denn seit 2019 gibt es den Digitalpakt Schule, der wegen der Pandemie mittlerweile mit 6,5 Milliarden Euro ausgestattet ist.

    Ziel ist der „flächendeckende Aufbau einer zeitgemäßen digitalen Bildungsinfrastruktur“. Doch nach im März veröffentlichten Angaben des Bundesbildungsministeriums sind bis Ende 2021 nur rund 1,2 Milliarden Euro abgeflossen. Bereits bewilligt, aber noch nicht ausbezahlt seien laut Ministerium 2,4 Milliarden Euro.

    Die Kinder können oft besser mit den Geräten umgehen als die Lehrkräfte, auch das ist ein Problem. dpa

    Geografieunterricht mithilfe von Laptops und Tablets

    Die Kinder können oft besser mit den Geräten umgehen als die Lehrkräfte, auch das ist ein Problem.

    Die mmb-Forscher haben auch die Prozesse der Schulbürokratie untersucht und fragen, wie Schulen, Politik und Verwaltung effektiver zusammenarbeiten können. Das Fazit: Bislang verhalten sich Schule, Schulverwaltung, Kommune und Bundesland jeweils „eigensinnig“. Vernetztes Denken und Agieren fehlten.

    „Lehrende denken an die Anschaffung von Geräten, die gut zu ihren didaktischen Vorstellungen passen“, resümieren die Studienautoren. Schulträgern wären hingegen förderrechtskonforme Geldverteilungen wichtig, Datenschutzbehörden die Vorgaben der DSGVO.

    Landesbehörden, so heißt es in der Studie, agierten oftmals „aus großer Flughöhe, entsprechend ihren bildungspolitischen Leitlinien und Vorgaben“. Dazu kommt: Die Schulen selbst können manche Probleme gar nicht lösen. So sei das beim Breitbandausbau oder Fachkräftemangel im IT-Sektor, der eine „entscheidende Bremse“ der schulischen Digitalisierung darstelle.

    Richtlinien und Musterverträge statt individuelle Anschaffungen

    Den Digitalisierungsbedarf empirisch zu erforschen ist zudem fast unmöglich. Schleppende Bearbeitung, Ausfall von Mitarbeitern, lange Abstimmungsprozesse: Genehmigungsverfahren in den Landesministerien für Schüler- oder Lehrerbefragungen seien „extrem langwierig“. Die Bildungsforscher plädieren deshalb für eine Zweiwochenfrist und eine Art „Sendungsverfolgung im Amt“.

    Und um die Schulen digitaler zu machen, ließe sich laut Forscher an folgenden Punkten ansetzen:

    • Beschaffung von Geräten und digitalen Lernmedien
    • Fortbildung von Lehrkräften und IT-Support
    • Beantragung der Mittel aus dem Digitalpakt

    Computer, Laptops, Tablets, Beamer, Drucker, Whiteboards oder Datenbrillen sind demnach die Voraussetzung für digitalisierte Lernprozesse. Bei der Beschaffung hakt es aber zwischen den Schulen und den Schulbehörden. Gleiches gilt bei den digitalen Lernmitteln, also der Software.

    Sie muss nun dafür sorgen, dass die Schulen schneller digitalisiert werden. imago images/Metodi Popow

    Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger

    Sie muss nun dafür sorgen, dass die Schulen schneller digitalisiert werden.

    Die Studienautoren empfehlen: Die Behörden sollten Richtlinien für die Hard- und Softwarebeschaffung herausgeben, wie sie von Schulverantwortlichen auch immer wieder gewünscht werden. „Eine solche Richtlinie sollte sich nicht scheuen, auch Empfehlungen für konkrete Produkte oder Hersteller zu geben – wie dies bei den Schulbüchern schon lange der Fall ist.“

    Zudem müsse auch das Vergaberecht geprüft werden: „Es kann nicht die Aufgabe von Schulleitungen sein, sich um die Ausschreibung einzelner Anschaffungen zu kümmern.“ Die Schulbehörde könne etwa Musterverträge mit Softwareherstellern aushandeln.

    Schulträger sind mit Digitalpakt überfordert

    In der Studie heißt es außerdem: „Selbst wenn geeignete Geräte bereitstehen, hilft das wenig, wenn diese nicht gewartet werden können und das Lehrpersonal sie nicht bedienen kann, darf oder will.“ Um Lehrkräfte mit den Geräten vertraut zu machen, schlagen die Studienautoren schulinterne Fortbildungen der Lehrer untereinander vor, sogenannte Mikro-Fortbildungen. Das spare Zeit und Geld.

    Zudem bräuchten Schulleitungen und Lehrkräfte, aber auch Schulträger, Unterstützung von Fachpersonal. So könnten „kleine, agile, interdisziplinäre“ Teams in die Schulen gehen, um ihnen bei der Entwicklung von Medienkonzepten und den Schulträgern bei der Entwicklung von Medienentwicklungsplänen zu helfen.

    Denkbar sei auch, einen eigenen Ausbildungsberuf der Schul-IT-Fachkraft zu schaffen. Zudem könnten IT-Fachkräfte im öffentlichen Dienst besser bezahlt werden, damit die Schulen mit der Privatwirtschaft konkurrieren können.

    Bliebe der Digitalpakt: Hier fühlen sich der Studie zufolge die Schulträger überfordert. Denn nach der Beschaffung der Geräte und Infrastruktur für den Betrieb müssen sie auch für Reparatur und Support aufkommen. Und die Schulen beschreiben es als „sehr fordernd“, Medienbildungskonzepte für die Antragstellung zu verfassen.

    Hier ließe sich über einen erleichterten Beschaffungsprozess nachdenken, sagen die Bildungsforscher. Das könne beispielsweise durch die Zuteilung eines freien Budgets an Schulen erfolgen, sodass eigenverantwortlich digitale Endgeräte, Lernsoftwaremoder Support-Dienstleistungen eingekauft werden können: „Ziel wäre hier, den Schulen mehr Freiraum zu ermöglichen, die eigene Ausstattung schneller und flexibler verbessern zu können.“

    Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat bereits angekündigt, gemeinsam mit Ländern und Kommunen die Hürden beim Digitalpakt abbauen zu wollen. Im Koalitionsvertrag sichern SPD, Grüne und FDP zu, das Prozedere deutlich „zu beschleunigen und zu entbürokratisieren“.

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