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03.06.2019

16:34

Digitalisierung

Legal Tech: Wenn die Großkanzlei zum „Lab“ wird

Von: Heike Anger

Die Großkanzlei Freshfields startet mit einem Zukunftslabor für Legal Tech. Die Digitalisierung soll die Juristen-Branche revolutionieren.

Die internationale Großkanzlei gibt in Berlin einen Ausblick auf die Zukunft der „Legal Tech“. Freshfields

Working Space bei Freshfields

Die internationale Großkanzlei gibt in Berlin einen Ausblick auf die Zukunft der „Legal Tech“.

Berlin Große graue Filzlampen hängen über dem Konferenztisch, die Heizungen sind mit Holzpaletten verkleidet, und auf den rohen Betonwänden prangt ein stilisierter Engel im Graffitistil. Es ist der Erzengel Michael, seit dem 18. Jahrhundert das Logo der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields.

Hier, in einem hip sanierten Berliner Fabrikgebäude, soll das bunt aufgesprühte Firmenzeichen für den digitalen Wandel stehen: Im neu eröffneten Freshfields „Lab“ startet die globale Initiative der Kanzlei für Legal Tech. Es geht also um automatisierte Rechtsdienstleistungen und den Einsatz Künstlicher Intelligenz.

„Hier gibt es keine Anzüge, und die Hierarchien bleiben vor der Tür“, sagt Isabel Parker aus London, die Co-Leiterin des Labs. Denn in den Teams arbeiten die Anwälte mit Mandanten, Softwareentwicklern und Datenspezialisten zusammen.

Tatsächlich wächst vor allem für Großkanzleien die Notwendigkeit, sich mit der Digitalisierung zu befassen. Denn ihre Mandanten kommen mit komplexen Fällen, Masseanklageverfahren wie etwa beim VW-Dieselskandal und weltweiten Untersuchungen von Geschäftsaktivitäten.

Die großen Datenmengen sprengen dabei oft den Rahmen des menschlich Machbaren – bei Milliardenstreitwerten. Zudem müssen Lösungen oft kurzfristig her. Das lässt sich oft nur noch mit dem Einsatz neuer Technologien bewältigen. Dass Legal Tech stark auf dem Vormarsch ist, zeigt ein Blick auf die fünf umsatzstärksten Kanzleien Deutschlands.

So sind auch bei Freshfields die Zeiten längst vorbei, da sich Parallelfälle in einer Excel-Tabelle erfassen ließen. „Jüngst gab es einen Fall, da mussten 175 Millionen Dokumente ausgewertet werden, darunter Klageschriften, Schriftsätze der Gegenseite, Urteile“, berichtet Partner Bertram Burtscher. „Da haben 13 Leute Algorithmen programmiert und trainiert, um das in den Griff zu bekommen.“

Allein Fristen bei rund 1.000 Gerichten im Blick zu behalten sei für einzelne Anwälte unmöglich. Mit Blick auf die Haftung müssten die Kunden bei Legal Tech indes akzeptieren, dass es keine 100-prozentig sicheren Lösungen gebe, dafür aber eine dramatische Reduzierung von Risiken.

KI scannt Vertragsinhalte

Für den Bierkonzern AB Inbev hat Freshfields jüngst eine große Menge von Daten analysiert, um für den Mandanten zu prüfen, ob weltweit bestimmte Standards eingehalten werden. Mit dem neuen Lab sollen solche Lösungen künftig strategischer entwickelt werden. Dafür hat die Kanzlei nun ein „signifikantes Investment“ getätigt.

Bei CMS Deutschland, der Nummer zwei im deutschen Rechtsmarkt, leitet Frederik Leenen den Bereich Legal Tech. Der computeraffine Anwalt sitzt mit seinem Team auf dem Berliner Euref-Campus. Nebenan hat etwa Nike eine Entwicklungsabteilung.

Global Player und Start-ups „transportieren hier Spirit“, wie Leenen es ausdrückt. Er ist vor allem für interne Effizienzsteigerungen zuständig und scannt permanent, welche Anbieter welche technischen Lösungen schon bereithalten.

Für seine Kollegen hat er etwa eine Software eingeführt, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz bestimmte Informationen aus Verträgen herausziehen kann. „Bei Unternehmenstransaktionen werden mittlerweile digitale Datenräume eingerichtet“, berichtet Leenen. „Die für solche Fälle trainierten Algorithmen suchen darin dann nach bestimmten Mustern.“

Beispiel: In vielen Verträgen gibt es „Change of Control“-Klauseln. Wechselt der Gesellschafter, können etwa Kreditgeber Kündigungsrechte geltend machen. Das birgt erhebliche Risiken. Solche Klauseln können sich an untypischen Stellen im Vertrag verbergen und ganz unterschiedlich formuliert sein.

Mit einfachen Suchbegriffen kommt der Anwalt also nicht weiter. „Die Software arbeitet mit Erkennungsmustern“, erklärt CMS-Experte Leenen. Innerhalb einer Minute kann ein Dokument eingelesen werden. Um ausreichende Kapazitäten zu schaffen, hat CMS extra in einen starken Server investiert, der nun vornehmlich über Nacht die Dokumente analysiert. „Dann gibt es auch keine rechtlichen Probleme mit Cloud-Diensten, bei denen die Server womöglich noch im Ausland stehen“, sagt Leenen.

Darüber hinaus entwickelt CMS spezielle Tools, mit denen Unternehmen juristische Sachverhalte digital überprüfen können. „Der Mandant kann wählen“, erklärt Eric Loewenthal, der bei CMS den Bereich Produktentwicklung leitet und Legal Tech in der Beratungspraxis verankert. „Es gibt Unternehmen, die sich eine analoge Beratung wünschen, Unternehmen, die sich für unsere digitalen Produkte entscheiden oder eine hybride Lösung in Anspruch nehmen, bei der eine digitale Erstprüfung mit anwaltlicher Beratung kombiniert wird.“ Das bedeute zugleich auch neue Service- und Preismodelle für die Mandanten.

So hat die Kanzlei ein digitales Beratungsangebot zur Vermeidung von Risiken beim Einsatz von Fremdpersonal aufgebaut. Mit Hilfe des CMS-Tools können die Fachabteilungen eines Unternehmens auf Basis eines dynamischen Fragebaums klären, ob Aufträge als Werk- oder Dienstvertrag vergeben werden können. Hier seien die Erfahrungen eingeflossen, die die Kanzlei vormals in „händischen“ Prüfungen gewonnen habe, erklärt Loewenthal.

Legal Tech ist kein Selbstzweck

Die Anwaltssozietät Hengeler Mueller betreibt ein „Legal Tech Center“, um spezielle Lösungen für die Mandanten anbieten zu können. „Voraussetzung ist immer, dass der Einsatz der Tools effizienzsteigernd ist“, betont Pierre Zickert, Manager Legal Tech bei Hengeler Mueller. „Im Einzelfall können mit einem Klick 2.000 Textstellen auf 400 Seiten angepasst und Entwürfe in wenigen Sekunden erstellt werden.“

Derzeit testet und beobachtet die Kanzlei auch Deal-Plattformen sowie Dienste im Bereich der Due-Diligence-Automatisierung bei Unternehmensbewertungen. Jeder Anwalt wird verpflichtet, eine Legal-Tech-Ausbildung zu durchlaufen.

Bei Linklaters haben Legal-Tech-Tools mittlerweile auf vielfältige Weise Eingang in die Mandatsarbeit gefunden. Zum Einsatz kommen etwa Künstliche Intelligenz zur Datenorganisation und -analyse oder Transaktions-Tools für virtuelle Datenräume. „Wir sehen sehr viel Bewegung in diesem Bereich“, sagt Christian Storck, Global Co-Head of Innovation bei Linklaters. „Um da stets vorne mit dabei zu sein, müssen wir die aktuellen Entwicklungen immer im Blick haben und neue Lösungen schnell einsetzen können.“

Dafür wurde ein globales Team aufgebaut. Zudem wurden regionale Ansprechpartner benannt, die den Einsatz von Legal-Tech-Anwendungen steuern. „Der Einsatz von Technologie bei komplexen Transaktionen wird heute von vielen Mandanten als selbstverständlich vorausgesetzt“, berichtet Storck. Den Anwälten wird darum auch ein Trainingsprogramm angeboten: „Coding for Lawyers“.

Wie Fin Techs vor zehn Jahren

Die Kanzlei Noerr berichtet, zum einen konsequent in die Digitalisierung der internen Prozesse zu investieren und zum anderen in den Bereich Legal Tech, in dem eigenentwickelte Lösungen und im Markt etablierte Tools zum Einsatz kommen. Darum kümmert sich ein Team aus Rechts- und IT-Experten.

So kommt in Massenverfahren etwa ein Tool zur automatisierten Erwiderung von Klagen zum Einsatz sowie die Eigenentwicklung „Case Tracker“ zur Ressourcenplanung, Fortschrittsüberwachung und Kundenberichterstattung. „Legal Tech kann die Effizienz und die Qualität der Mandatsbearbeitung erhöhen. Ist das der Fall, setzen wir entsprechende Tools ein“, erklärt Kolja Dörrscheidt, Mitglied des Noerr Legal Tech Teams. Das müsse aber in jedem Mandat vorab geprüft werden. „Legal Tech ist kein Selbstzweck“, betont Dörrscheidt.

Einen anderen Weg ist Baker & McKenzie gegangen, derzeit die Nummer 14 im deutschen Kanzleimarkt. Die Sozietät ist im vergangenen Jahr bei „Reinvent Law“ in Frankfurt eingestiegen, ein „Legal Innovation Hub“. Zu den Mitgliedern gehören auch Bosch, Daimler, ING Diba und ZF Friedrichshafen.

Partner sind Legal-Tech-Unternehmen und Universitäten. „Die Kanzleiwelt befindet sich mit Legal Tech dort, wo sich die Banken mit Fin Tech vor zehn Jahren befunden haben“, meint Matthias Scholz, Partner von Baker McKenzie. „Heute sieht man, wie wichtig es ist, diese Herausforderung ernst zu nehmen und sie anzunehmen.“

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