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30.11.2022

11:19

DIHK-Umfrage

Weniger Medikamente, Jobs und Investitionen: Gesundheitswirtschaft reagiert auf steigende Energiekosten

Von: Jürgen Klöckner

Die Stimmung in der Branche ist so schlecht wie nie. Manche Unternehmen drosseln gar die Produktion. Gesundheitsminister Lauterbach will gegensteuern.

Die Folgen des Ukrainekriegs treffen auch die Gesundheitsindustrie. dpa

Impfstoffherstellung

Die Folgen des Ukrainekriegs treffen auch die Gesundheitsindustrie.

Berlin Die hohen Preise für Energie und Rohstoffe setzen auch die Gesundheitswirtschaft massiv unter Druck. Nur noch jedes vierte Unternehmen der Branche schätzt seine Geschäftslage als gut ein, wie aus dem Gesundheitsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hervorgeht, der dem Handelsblatt exklusiv vorab vorliegt.

Im Frühsommer war es noch fast ein Drittel. Zugleich ist die Zahl der Unternehmen, die ihre Lage als „schlecht“ einschätzen, von 17 auf 24 Prozent stark gestiegen. Damit ist die Stimmung in der Branche zum zweiten Mal in Folge schlechter als in der Gesamtwirtschaft.

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des DIHK sagte: „Die versprochenen Entlastungen und nötigen Rettungsmaßnahmen lassen auf sich warten.“ Viele Unternehmen wüssten im Augenblick nicht, wie sie sich in der Krise über Wasser halten könnten.

Hinzu kommt, dass die Gesundheitswirtschaft so pessimistisch in die Zukunft blickt wie noch nie. 43 Prozent der Betriebe schätzen ihre Geschäftserwartungen für das kommende Jahr als „schlecht“ ein und nur noch zehn Prozent als „gut“.

Insbesondere in der Pharmaindustrie brachen die Erwartungen im Vergleich zum Frühsommer stark ein. Nur noch zwölf Prozent haben positive Aussichten, während 45 Prozent mit negativen Entwicklungen rechnen.

Lieferengpässe bei Medikamenten

Die stark steigenden Energiekosten träfen die Pharmaunternehmen, hinzu komme ein Lieferkettenproblem bei wichtigen Rohstoffen, sagte Dercks. „Das kann auch dazu führen, dass Arzneimittelproduktion zurückgefahren wird. Zuletzt hatten Apotheken erneut auf Lieferengpässe bei einer Reihe von Medikamenten hingewiesen – darunter Fiebersäfte für Kinder, Magensäureblocker, Hustensäfte und Blutdruckmittel.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will stärker gegen Lieferengpässe vorgehen und hatte ein Generika-Gesetz angekündigt. dpa

Karl Lauterbach

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will stärker gegen Lieferengpässe vorgehen und hatte ein Generika-Gesetz angekündigt.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) begründete die angespannte Lage mit enormem Kostendruck. Um Geld zu sparen, setzten Hersteller auf eine Produktion in Asien, vor allem China. Fallen Chargen aus oder Transporte verspäteten sich, habe das Folgen für das hiesige Angebot.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will deswegen stärker gegen Lieferengpässe vorgehen und hatte ein Generika-Gesetz angekündigt. Der Chef des Industrieverbands Pro Generika, Bork Bretthauer, sagte dem Handelsblatt: „Wir hoffen, dass die Bundesregierung das jetzt auch anpackt und nicht bloß kosmetische Korrekturen vorgenommen werden.“

Geplant sind Änderungen des Vergaberechts. Die Krankenkassen sollten verpflichtet werden, auch bei Herstellern für teurere Wirkstoffe einzukaufen. Bislang müssen sie bei den günstigsten Unternehmen einkaufen.

So soll die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern abnehmen. „Wir haben es mit der Ökonomie zu weit getrieben“, sagte Lauterbach am Dienstag in Berlin. Die Eckpunkte dafür will der Minister noch vor den Weihnachtsferien vorlegen. Zudem plant er Reformen mit dem Ziel einer stärkeren europäischen Arzneimittelproduktion.

Dercks sagte, dass bei solchen Eingriffen immer auch die Kosten im Blick gehalten werden müssen. „Wichtig ist für Pharmaunternehmen auch eine weitere Diversifizierung der Lieferketten bei Arzneimitteln – durch Lieferungen nicht nur aus China, sondern auch aus Indien und anderen Ländern beispielsweise in Südostasien“, sagte er. Auch schnellere Genehmigungsverfahren, etwa von Produktionsstätten, wären wichtige Anreize für eine standortnahe Arzneimittelherstellung.

Ähnlich schlecht sind die Aussichten auch in den Bereichen Medizintechnik, den Gesundheits- und sozialen Diensten sowie dem Handel mit Gesundheitsgütern. Die Erwartungen seien sogar düsterer als während der Coronakrise und der Finanzkrise 2008 und 2009, heißt es in dem DIHK-Report.

Neben den hohen Energie- und Rohstoffpreisen sehen sich die Unternehmen auch durch die Umsetzung der EU-Verordnung über Medizinprodukte (MDR) vor großen Herausforderungen.

Unternehmen investieren weniger

Dercks sagte: „Die Branche erlebt somit gerade Druck von zwei Seiten.“ 16 Prozent der Unternehmen in der Medizintechnik geben an, wegen der Entwicklung ihre Produktion und ihr Angebot zu reduzieren. In der pharmazeutischen Industrie sind es sogar 18 Prozent der Unternehmen.  

Die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern soll abnehmen. imago/photothek

Medikamente werden sortiert

Die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern soll abnehmen.

Mit 66 Prozent bleibt auch der Fachkräftemangel weiterhin ein hoher Risikofaktor und ist nach wie vor deutlich stärker ausgeprägt als in der Gesamtwirtschaft. Am stärksten sind die Unternehmen in den Gesundheits- und sozialen Diensten vom Personalmangel betroffen (80 Prozent).

Die schlechten Geschäftserwartungen machen sich auch bei der Investitionsplanung der Betriebe bemerkbar. So wollen im Vergleich zum Frühsommer nur noch 30 Prozent (davor 37 Prozent) mehr investieren. Hingegen planen 32 Prozent der Unternehmen mit weniger Investitionen, im Frühsommer waren es nur 20 Prozent.

Besonders die Betriebe der Medizintechnik fahren ihre Investitionen stark zurück. Zudem schieben immer mehr Betriebe den Personalaufbau in die Warteschleife. „Durch eine Reduzierung der Beschäftigung versucht knapp jedes fünfte Unternehmen, in der aktuellen Abwärtsbewegung gegenzusteuern“, sagt Dercks. „Viele Betriebe versuchen nun, mit weniger Mitarbeitern klarzukommen.“

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