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19.09.2019

18:08

DIW-Studie

Ökonomen warnen vor massenhafter Altersarmut

Von: Donata Riedel

Nach einer Studie des DIW wird die Altersarmut trotz Maßnahmen wie der Mütterrente ansteigen. Auch eine Erhöhung der Grundsicherung werde kaum helfen.

Immer mehr Rentner könnten später auf Suppenküchen oder andere Versorgungseinrichtungen angewiesen sein. dpa

Armutsrisiko

Immer mehr Rentner könnten später auf Suppenküchen oder andere Versorgungseinrichtungen angewiesen sein.

Berlin Anders als bei den letzten Rentenreformen der Großen Koalition kümmert sich die Bundesregierung mit ihrem Plan, niedrige Renten aufzustocken, um ein tatsächlich drohendes gesellschaftliches Problem. Die bisherigen Reformen, höhere Mütterrenten und Rente mit 63, bewerteten Ökonomen dagegen unisono als Wohltaten, die nicht gegen Altersarmut helfen, sondern bereits gut abgesicherten Bevölkerungsgruppen einen Zuschlag gewähren.

Die Altersarmut, das sehen auch die meisten Ökonomen ähnlich wie die Bundesregierung, wird in den 2030er-Jahren stark steigen, weil die Rentner aus der Babyboomer-Generation öfter Zeiten der Arbeitslosigkeit erlebten, vor allem im Osten häufig nur niedrige Löhne beziehen und öfter alleinstehend sind als die Generationen vor ihnen.

Das DIW hat die Größe des Problems zusammen mit der Bertelsmann Stiftung gerade berechnet: Der Anteil jener, die Anspruch auf Grundsicherung – die Sozialhilfe für Rentner – haben werden, wird von heute neun Prozent auf zwölf Prozent steigen. Gleichzeitig scheuen Ältere offenbar tatsächlich den Gang zum Sozialamt: Nur jeder Dritte, der Anspruch auf Grundsicherung hätte, beantragt sie auch.

Das DIW simulierte in der Studie auch die Effekte der in der Koalition umstrittenen Reformmodelle. Der Koalitionsvertrag, an dem die CDU festhalten will, sieht eine Erhöhung der Grundsicherung um zehn Prozent vor: „Das kann den Anstieg der Altersarmut kaum bremsen“, bemängeln die Studienautoren.

Das Reformkonzept von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wiederum, nach dem niedrige Renten ohne Bedürftigkeitsprüfung aufgestockt würden, kritisierte das DIW als zu wenig zielgenau: 85 Prozent derjenigen, die dann mehr Geld bekämen, sind demnach weit davon entfernt, Sozialhilfe-Ansprüche zu haben. „Um die Zielgenauigkeit zu stärken, könnte die Heil-Reform um eine einfache Einkommensprüfung ohne Vermögensprüfung und eine etwas flexiblere Auslegung der Versicherungszeiten ergänzt werden“, schlug Christof Schiller von der Bertelsmann Stiftung vor.

Ifo-Präsident Clemens Fuest wertete diesen Vorschlag als Schritt in die richtige Richtung. „Eine Einkommensprüfung ist besser als gar keine Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage der Empfänger, auch wenn problematisch ist, Vermögen nicht zu berücksichtigen“, sagte Fuest dem Handelsblatt, und: „Die Einkommensprüfung sollte auf jeden Fall das Einkommen des Partners beinhalten.“

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht sich durch die Bertelsmann/DIW-Studie bestätigt: „Der Verzicht auf eine Bedürftigkeitsprüfung führt in der Diskussion um eine Rentenaufstockung in die Irre“, hatten die IW-Renten-Experten Jochen Pimpertz und Maximilian Stockhausen gemahnt. Sie hatten allerdings keine Einkommensprüfung – etwa anhand der Steuererklärung – vorgeschlagen, sondern einen Freibetrag in der Grundsicherung. Der als demütigend empfundene Gang zum Sozialamt trotz jahrzehntelanger Berufstätigkeit bliebe dann allerdings.

Fuest sprach sich dafür aus, dass Maßnahmen gegen Altersarmut an mehreren Punkten ansetzen: So sollte die Höhe der Grundsicherung überprüft werden, ob sie hinreichend vor Armut schützt. Und wie die IW-Autoren verlangt er, während des Arbeitslebens die Weichen neu zu stellen: Das Hartz IV-System brauche bessere Anreize für Erwerbstätigkeit, es müsse „bessere Sparanreize für potenzielle Grundsicherungsempfänger“ geben sowie einen „Deutschen Bürgerfonds“ als vierte Säule der Alterssicherung: Diesen Fonds sollte der Bund aus Krediten finanzieren, die er in der Niedrigzinsphase günstig aufnehmen kann, um dann aus den Kapitalerträgen die Rentenversicherung aufzustocken.

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Kommentare (3)

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Frau Susanne Margit

20.09.2019, 11:41 Uhr

Dann soll die Regierung den Rentensatz wieder auf 75% hochsetzen. Damit ist vielen gedient und spart Verwaltungskostne.

Herr Esboern Schmidt

20.09.2019, 11:51 Uhr

Die Rentner wählen zum Dank dafür ja überwiegend die etablierten Parteien.

Herr Mario Wa

20.09.2019, 12:48 Uhr

...auf Grund der guten medizinischen Versorgung, der höheren Lebenserwartung und der eigenen guten körperlichen Verfassung im Alter, wird folgendes passieren. Grundrente mit 75 Jahren voller Bezug...davor, je nach eigenen körperlichen Möglichkeiten und ärztlichem Gutachten, Grundrente Teilbezug zum Arbeitsverdienst. Wer nicht arbeiten kann=ärztliches Gutachten. Wer nicht arbeiten will oder möchte=Rente mit Teilbezug. Sie lachen ? Es wird noch viel schlimmer kommen....

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