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04.12.2018

09:30

Doppelinterview zum Digitalgipfel

„‚Made in Germany‘ als Gütesiegel“ – So kann sich Deutschland bei KI international behaupten

Von: Dana Heide

Die Digitalexperten Tanja Rückert und Hans-Georg Krabbe von ABB und Bosch fordern eine bessere Kommunikation zu den Chancen Künstlicher Intelligenz.

Digitalgipfel 2018

„Wir müssen in Deutschland endlich die KI-Spritze ansetzen“

Digitalgipfel 2018: „Wir müssen in Deutschland endlich die KI-Spritze ansetzen“

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Berlin Drei Milliarden Euro will die Bundesregierung in den kommenden Jahren in den Bereich Künstliche Intelligenz (KI) investieren. Im Vergleich zu China mit Investitionen von 128 Milliarden fällt der Betrag gering aus. Tanja Rückert, Leiterin des Geschäftsbereichs Bosch Building Technologies, und ABB-Deutschlandchef Hans-Georg Krabbe raten, in Deutschland „die Erwartungen im Rahmen halten“ und nicht nur die Höhe der Investitionen zu vergleichen.

Rückert ist zudem Lenkungskreismitglied in der Plattform Lernende Systeme und Hans-Georg Krabbe Lenkungskreismitglied der Plattform Industrie 4.0. Rund um den Digitalgipfel treffen sich das ganze Jahr über insgesamt zehn Plattformen, die Mitglieder kommen aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Zum Digitalgipfel präsentieren sie die Ergebnisse dieses Austausches.

Besonders in der zweiten Phase der Digitalisierung – der Verbindung von Anwendungs-Know-how und Künstlicher Intelligenz – könnten deutsche Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal erreichen. „Wir müssen in vier Bereiche stärker investieren“, fordert Rückert: die Förderung von Forschung und Entwicklung, das Zusammenbringen von Forschungseinrichtungen und Unternehmen jedweder Größe, die Bildung und die Kommunikation in Richtung Gesellschaft. „Je stärker wir darüber informieren, wie KI zum Wohle des Menschen eingesetzt werden kann, desto mehr Vertrauen bauen wir auf“, sagt Rückert im Interview mit dem Handelsblatt.

Allerdings sei eine breite Umsetzung von KI nur möglich, wenn der neue Mobilfunkstandard 5G flächendeckend in Deutschland eingeführt werde. „Es ist wichtig, dass es nicht darum geht, bei der Versteigerung der 5G-Frequenzen möglichst viel Geld einzunehmen. Priorität hat, dass wir möglichst schnell ein leistungsfähiges Netz in Deutschland aufbauen“, sagt Krabbe.

Industrie 4.0 lebe vom Netzwerk. Da die mittelständischen Unternehmen über ganz Deutschland verteilt sind, benötigten sie eine starke digitale Infrastruktur.

Lesen Sie nachfolgend das ganze Interview:

Der Schwerpunkt beim Digitalgipfel ist Künstliche Intelligenz. Wie sehen Sie Deutschland da aufgestellt, Frau Rückert?
Tanja Rückert: Wenn wir uns auf unsere Stärken konzentrieren, dann ist Deutschland gut aufgestellt.

Wo liegen diese Stärken Ihrer Ansicht nach?
Rückert: Unsere Stärken liegen im dem verantwortungsvollen Umgang mit und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. In Deutschland müssen wir uns auf unsere Leitbranchen konzentrieren, das sind insbesondere der Automobilbereich, und dort das automatisierte Fahren und die Entwicklung von Lösungen für den Einsatz in der vernetzten Fabrik. Ich will es aber nicht zu rosig malen. Die Skaleneffekte, die in den USA oder in China erreicht werden können, sind eine Herausforderung. Und auch was da finanziell investiert wird, erreicht Größenordnungen, bei denen wir sicher nicht die Nase vorn haben.

Die besonderen ethischen Maßstäbe der europäischen Unternehmen und der strenge Datenschutz führen aber auch dazu, dass ihnen weniger Daten zur Verfügung stehen. Steht am Ende nicht im Vordergrund, wer die fortschrittlichste Technik hat?
Hans-Georg Krabbe: Unsere Kunden fragen den Aspekt der Datensicherheit und der ethischen Maßstäbe stark nach. Wir sind beim Datenschutz aber tatsächlich auch an einem Punkt, wo wir aufpassen müssen, dass er Innovationen nicht verhindert. Künstliche Intelligenz ist nur möglich, wenn wir Daten auch zugänglich machen.

Glauben Sie wirklich, dass der ethische Umgang mit Künstlicher Intelligenz so wertgeschätzt wird, dass europäische Firmen damit auch die Nachteile ausgleichen können, die sie gegenüber amerikanischen oder chinesischen Firmen haben?
Rückert: Ich sehe „Künstliche Intelligenz made in Germany“ als eine Art Gütesiegel und als einen möglichen Wettbewerbsvorteil, wenn wir das jetzt richtig angehen.
Krabbe: Wir müssen noch deutlicher machen, welchen Vorteil unsere Kunden haben, wenn sie sich ethisch verhalten. Wir müssen auch kommunizieren, dass die Produkte von deutschen Firmen besonderen Ansprüchen hinsichtlich der Qualität und der Datensicherheit genügen. Wenn wir das besser rüberbringen, dann könnten wir tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil haben.

China investiert 128 Milliarden Euro in KI, die Bundesregierung hat jüngst beschlossen, die Künstliche Intelligenz mit drei Milliarden Euro zu fördern. Reicht das?
Rückert: Die KI-Strategie geht in die richtige Richtung. Ich glaube, dass die drei Milliarden Euro ein guter erster Schritt sind. Man muss die Erwartungen im Rahmen halten, zumal der Ausbau eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Aus meiner Sicht müsste die Bundesregierung aber noch stärker in Netzwerke und Bildung investieren.
Krabbe: Natürlich sind drei Milliarden im Vergleich zu den Summen, die China oder die USA investieren, ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wenn wir das Geld richtig einsetzen, dann ist es ein guter erster Schritt.

Leitet seit Juli 2018 den Geschäftsbereichs Building Technologies bei Bosch. Bosch

Tanja Rückert

Leitet seit Juli 2018 den Geschäftsbereichs Building Technologies bei Bosch.

Wo muss das Geld aus ihrer Sicht eingesetzt werden?
Krabbe: Pilotprojekte müssen stärker gefördert werden. Wir haben ja konkrete Beispiele, wo Künstliche Intelligenz einen Mehrwert bietet, etwa bei der Steuerung von Schiffen oder der Fehlersuche in Produktlebenszyklen. Davon gibt es sehr viele weitere Möglichkeiten, die aber oft nicht allein aus der Firma heraus oder allein aus dem Netzwerk von Forschungseinrichtungen und Unternehmen heraus gestemmt werden können.

Warum braucht es da die Unterstützung vom Staat? Sollten die Unternehmen das nicht alleine hinbekommen?
Krabbe: Große Firmen wie Bosch haben mit der Förderung von konkreten neuen Anwendungen von KI weniger ein Problem. Die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen haben diese Kraft jedoch nicht. Dabei ist es entscheidend, dass auch diese Firmen mitmachen. Wenn es uns gelingt, das Anwendungs-Know-how, das diese Firmen groß gemacht hat, mit Künstlicher Intelligenz zu verbinden, dann haben wir ein Alleinstellungsmerkmal für Deutschland.
Rückert: Wir müssen in vier Bereiche stärker investieren: Der erste ist, wie Herr Krabbe sagte, die Förderung von Forschung und Entwicklung. Der zweite ist das Zusammenbringen von Forschungseinrichtungen und Unternehmen jedweder Größe. Der dritte ist Bildung: Wenn wir den Bereich stärken, haben wir einen Wettbewerbsvorteil. Der vierte ist Kommunikation in Richtung Gesellschaft. Je stärker wir darüber informieren, wie KI zum Wohle des Menschen eingesetzt werden kann, desto mehr Vertrauen bauen wir auf. Wenn uns das gelingt, dann können wir Ängste, die es teilweise in der Bevölkerung zu KI gibt, abbauen.

Hat die Bundesregierung erkannt, dass das die wichtigsten Punkte sind?
Rückert: Die Bundesregierung hat auf jeden Fall erkannt, dass es mehr Kommunikation zum Thema Künstlicher Intelligenz bedarf, da wird auch die Plattform Lernende Systeme unterstützen, so steht es in der KI-Strategie. Wichtig sind greifbare Beispiele. Zum Digitalgipfel veröffentlichen wir eine Landkarte mit Beispielen.

Die Bundesregierung will zeigen, dass sie das Thema Digitalisierung ernster nimmt und hat viele neue Gremien aufgesetzt. Macht Ihnen das Hoffnung im Vergleich zur vergangenen Legislaturperiode?
Krabbe: Wir freuen uns alle, dass die Digitalisierung in den Mittelpunkt gestellt wird, dass viele konkrete Punkte in der Digitalstrategie angesprochen wurden und dass Geld in die Hand genommen wird. Wir müssen aber aufpassen, dass man sich nicht verzettelt und der eine auf den anderen wartet. Ich hoffe, dass die vielen Aktivitäten auch gut koordiniert werden.

Seit 2015 Vorstandsvorsitzender von ABB Deutschland. Andreas Henn

Hans-Georg Krabbe

Seit 2015 Vorstandsvorsitzender von ABB Deutschland.

Nicht so wie in der vergangenen Legislaturperiode, als die Ministerien aneinander vorbei gearbeitet haben.
Krabbe: Da ist schon eine gewisse Sorge – aber auch eine Hoffnung, dass man aus diesen Fehlern gelernt hat und sie nicht nochmal macht. Es wäre schade, denn wir haben jetzt eine gute Chance, die Digitalisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz gemeinsam voranzutreiben.

Sie sagten, dass die großen Konzerne in Deutschland gut bei KI aufgestellt sind. Erhebungen zeigen aber, dass deutsche Konzerne im Vergleich zu ihren internationalen Wettbewerbern wesentlich seltener KI-Start-ups kaufen. Woran liegt das?
Krabbe: Ich kannte diese Statistik noch nicht. Wenn es so wäre, wäre das erschreckend und das müsste adressiert werden.
Rückert: Die Frage ist: Ist die Übernahme eines Start-ups immer das richtige Vorgehen? Ich halte es für wichtiger, dass große Unternehmen wie Bosch oder ABB sich mit Start-ups austauschen und mit ihnen kooperieren.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier äußert jedenfalls immer wieder die Sorge, dass auch deutsche Start-ups früher oder später in die USA wandern und so das Know-how verloren geht.
Krabbe: Das hat oft auch etwas mit Rahmenbedingungen in Deutschland zu tun: Welchen Datenzugang habe ich, welche Auflagen? Natürlich ist der Finanzmarkt in Amerika auch deutlich größer als in Europa.
Rückert: Die erste Welle der Digitalisierung war stark von Consumer-Software geprägt, da haben viele US-Unternehmen die Nase vorn. Aber jetzt geht es um tiefes Fachwissen zu Geräten, Hardware, Sensoren. Das ist eine Stärke, die wir in Deutschland haben. Denn das erlernt man nicht so leicht.
Krabbe: Wir sehen schon das Problem, dass wir in Deutschland Nachholbedarf haben, digitale Geschäftsmodelle zu fördern. Aber wir haben da auch schon einige Verbesserungen erreicht.

Bei den schnellen Internetleitungen hinkt Deutschland stark hinterher. Wie sehr schadet das dem Standort?
Krabbe: Das ist ein großes Problem. Industrie 4.0 lebt vom Netzwerk. Wir sind dezentral aufgestellt, die mittelständischen Unternehmen sind über ganz Deutschland verteilt und wir brauchen eine starke digitale Infrastruktur, um die Kraft dieses Netzwerks voll zum Tragen zu bringen. Wir haben da einen deutlichen Nachholbedarf und es wird dringend Zeit, dass wir in flächendeckendes schnelles Internet investieren.
Rückert: Ich bin momentan oft zwischen Heidelberg und München unterwegs. Wie oft da die Telefonverbindung zusammenbricht, das kann man sich gar nicht vorstellen. Das, was man sich bei der KI vorgenommen hat, ist gut. Aber wenn wir führend sein wollen, dann ist die Verfügbarkeit von 5G und Breitband eine technische Grundvoraussetzung.

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Am 26. November hat der Beirat der Bundesnetzagentur dem Vorschlag für die Vergaberichtlinien der Behörde für den 5G-Ausbau zugestimmt. Demnach wird es den flächendeckenden Ausbau zunächst nicht geben. Ist das ein Problem?
Krabbe: Wenn wir als Land den Anspruch haben, bei KI führend zu sein, dann sollten wir auch den Anspruch haben, flächendeckend vorzugehen. Es ist wichtig, dass es nicht darum geht, bei der Versteigerung der 5G-Frequenzen möglichst viel Geld einzunehmen. Priorität hat, dass wir möglichst schnell ein leistungsfähiges Netz in Deutschland aufbauen.
Rückert: Und wir brauchen es in der Fläche, da führt kein Weg dran vorbei. Bei den neuen Geschäftsmodellen geht es viel stärker um Zusammenarbeit. Wenn da ein Unternehmen nicht an die digitale Infrastruktur angeschlossen ist, dann haben wir ein Problem.

Hat es ein Umdenken gegeben im Zuge der Digitalisierung bei der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen?
Rückert: Absolut. Es hat ganz klar ein Umdenken stattgefunden. Vor fünf oder sechs Jahren wäre es in einem solchen Gespräch noch viel mehr um Eigentumsrechte gegangen. Heute geht es um Offenheit in Ökosystemen, aber auch um die Art und Weise, wie Software und Hardware angeboten wird. Wir können und wollen das nicht mehr alles alleine machen. Darum gibt es auch Allianzen wie die Plattform Industrie 4.0 und die Plattform Lernende Systeme, wo sich Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammentun.

Frau Rückert, Herr Krabbe, vielen Dank für das Interview.

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