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14.07.2021

17:38

Elektromobilität

Der Überbietungswettbewerb: Wettlauf um Ladesäulen hat begonnen

Von: Daniel Delhaes

Mit dem EU-Klimapaket wächst der Druck, das Netz für E-Ladesäulen auszubauen. Vor allem Energieunternehmen investieren in den noch jungen Markt und suchen zunehmend nach Standorten.

Mehr als 40.000 gibt es in Deutschland aktuell. dpa

E-Ladesäule

Mehr als 40.000 gibt es in Deutschland aktuell.

Berlin Der Marktführer spart nicht mit Optimismus, wenn es um die elektromobile Zukunft geht. „Wir glauben, dass Elektromobilität einen entscheidenden Anteil an einer alltags- und massentauglichen, nachhaltigen Mobilität hat“, erklärte ein Sprecher von Energie Baden-Württemberg (EnBW), dem offiziell größten Betreiber von Ladesäulen in Deutschland.

Mehr als 4000 Ladepunkte unterhalten die Karlsruher und damit mehr als jeder andere im Land – zumindest laut Ladesäulenregister des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), das dem Handelsblatt vorliegt. Demnach tummeln sich rund 2400 Anbieter auf dem wachsenden Markt und bieten mit ihren Ladesäulen Strom für die inzwischen etwa eine Million E-Autos, also rein batteriebetriebene Fahrzeuge und Plug-in-Hybride. Mehr als 40.000 Ladepunkte zählt der Verband.

Das sind zwar weit weniger als die eine Million, die sich die Bundesregierung bis 2030 zum Ziel gesetzt hat, um zehn Millionen E-Mobile zu versorgen. Angesichts der ambitionierten Klimaziele der EU-Kommission, wonach die Emissionen von Neufahrzeugen ab 2035 bei null liegen müssen, dürften es sogar 14 bis 15 Millionen werden. Doch mit Schnellladestationen könnte der Bedarf sogar sinken.

„Angesichts der mittlerweile zur Verfügung stehenden Schnellladekapazitäten werden wir weit weniger als die von der Bundesregierung unterstellten eine Million Ladesäulen benötigen“, sagte der Leiter der E-Mobilitäts-Sparte von Eon, Mathias Wiecher. Der Grund seien die Ladekapazitäten je Säule, die mit bis zu 300 Kilowatt weit höher als die einst mit 50 Kilowatt prognostizierten Werte seien.

„Der Fokus im Bereich der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur verschiebt sich derzeit aber deutlich in Richtung Schnellladehubs mit mehreren Ladepunkten, die zudem höhere Ladeleistungen ermöglichen“, attestiert der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Seine Mitglieder, die Stadtwerke, stellen mehr als die Hälfte der Ladepunkte im öffentlichen Raum.

Grafik

Bis 2023 fördert der Bund den Bau von 1000 Schnellladestationen. „Die nächste Schnellladesäule muss in wenigen Minuten erreichbar sein“, sagt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Die Statistik gibt die Marktkonzentration ungenau wieder

Wie viele es am Ende auch sein werden: Vor allem die Energieversorger investieren in den noch jungen Markt. In der BDEW-Liste folgen auf dem zweiten Platz Allego, eine Tochter des niederländischen Netzbetreibers Alliander, danach kommen die Eon-Tochter Innogy und Regionalversorger wie EWE, die Stadtwerke München oder die Stromnetz Hamburg GmbH.

Doch ist die Reihenfolge nur bedingt aussagekräftig. So ist etwa Eon die wahre Nummer eins: Ergänzt um die Aktivitäten seiner Regionalversorger zählt das Unternehmen 5000 Ladepunkte.

Der Mineralölmulti Shell wird mit seiner Tochter Oil lediglich mit 20 Ladepunkten geführt, betreibt aber weit mehr Ladesäulen, etwa durch Zukäufe wie New Motion oder durch die Kooperation mit Ionity, dem Joint Venture von BMW, Daimler, Ford und VW, die ein europäisches Schnellladenetz an Autobahnen aufbauen soll. „Aktuell bieten wir rund 140 Ladepunkte an 68 Shell-Stationen an“, erklärte eine Sprecherin.

Bis 2030 sollen es 3000 Schnellladepunkte an 1000 Tankstellen sein. Das Unternehmen rechnet damit, dass ein Fünftel der Ladevorgänge in Zukunft an Tankstellen erfolgen wird. Dort müsse es schnell gehen.

Suche nach Standorten für Ladesäulen

Markführer EnBW unterhält bundesweit nach eigenem Bekunden mit „rund 600 Standorten das größte Schnellladenetz Deutschlands“. Bis zu 300 Kilowatt beträgt die Ladeleistung, bis 2025 will das Unternehmen „bundesweit 2500 EnBW-eigene Schnellladestandorte“ aufbauen. 100 Millionen Euro will EnBW dafür investieren und betont, dass so mehr Standorte entstünden, als die Mineralölunternehmen Tankstellen haben.

Angesichts knapper Flächen kooperiert EnBW etwa mit dem Handel. So baut der Konzern an 50 Standorten der Drogeriemarktkette dm Schnelllader auf. Für insgesamt 1000 Standorte seien Machbarkeitsstudien beauftragt.

Parkplätze des Handels sind wertvoll für jeden Ladesäulenbetreiber, um den künftigen Bedarf zu decken, wie es beim VKU hieß. Daher müssten „auch Flächenpotenziale des Einzelhandels und der Wohnungswirtschaft in den Blick genommen werden“. Unternehmen wie Ikea bieten schon an jedem Standort Lademöglichkeiten an. Es sei nicht nur Aufgabe der Politik, sondern auch der Unternehmen, erklärte eine Sprecherin das Engagement. Laden können die Kunden kostenlos.

Der Mineralölkonzern BP will mit Aral selbst „der führende Anbieter für ultraschnelles Laden unterwegs sein“, wie eine Sprecherin erklärte. Profitieren sollen davon Kunden der neuen E-Mobilitäts-Marke „Aral pulse“. Sie soll „das schnellste, zuverlässigste und größte Ladenetz anbieten“.

Bis Ende 2021 will Aral 500 Schnellladepunkte an mehr als 120 Aral-Tankstellen schaffen. „Aktuell sind es 136 Ladepunkte an 32 Stationen. Auch 2022 soll der Roll-out in einem ähnlichen Tempo weitergehen.“ Dazu kooperiert BP mit Volkswagen. Das Ziel: europaweit Ladesäulen an 4000 BP- und Aral-Tankstellen, der Großteil in Deutschland und Großbritannien. In Deutschland unterhält BP rund 2400 Tankstellen.

Das Bundeskartellamt beobachtet die Entwicklung genau und hat eine Untersuchung des Marktes angekündigt. Schließlich ist es selbst für Konzerne wie Shell oder BP nicht leicht einzusteigen: Je nach Standort vergeht von der Entscheidung zum Bau bis zur Fertigstellung im Durchschnitt ein Jahr. „Davon allein sechs Monate für den Netzanschluss mit dem jeweiligen Netzbetreiber vor Ort“, heißt es bei Shell. Konkurrent BP berichtet von ähnlich langen Verfahren.

Der Großteil der gemeldeten Ladesäulen ist denn auch in Besitz von regionalen Stromanbietern oder Stadtwerken sowie Gemeinden und Städten – und weniger von privaten Unternehmen, etwa Mineralölunternehmen, Supermärkten wie Lidl oder Aldi, Autohäusern oder Hotels. So führt das Ladesäulenregister gerade 300 Autohäuser sowie 115 Hotels und vor allem sehr viele Anbieter mit nur einem oder zwei Ladepunkten.

Noch sind Ladesäulen ein Zuschussgeschäft

Nachdem sich die Energiebranche jahrelang zurückgehalten hat, steigen nun angesichts der wachsenden Zahl von Elektroautos auch die Chancen, mit einer Ladesäule Geld zu verdienen. „Die Unternehmen wollen weiter kräftig in die Elektromobilität investieren“, erklärte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae.

Und das, obwohl es noch ein Zuschussgeschäft ist. „In der Fläche rechnet sich der Betrieb einer Ladesäule immer noch nicht“, sagte Eons E-Mobilitäts-Chef Wiecher. „Die Bereitschaft der Kunden, an einer Ladesäule mehr zu bezahlen als an der heimischen Wallbox, muss noch gesteigert werden.“ Daher will Eon auch Kunden direkt zu Hause oder am Arbeitsplatz mit Angeboten gewinnen.

Der Ökostromanbieter Lichtblick beklagt angesichts der Aktivitäten der Energieversorger fehlenden Wettbewerb. „Meistens sind es die regionalen Stromversorger, die sich das Monopol der Ladeinfrastruktur sichern“, erklärte Chefjurist Markus Adam kürzlich. Die Marktanteile lägen „regelmäßig über 60 Prozent, in sehr vielen Fällen über 70 Prozent und mehr“. Die Stromversorger profitierten „von den Synergieeffekten aus der Zusammenarbeit mit den Stromnetzbetreibern – in der Regel Tochter- oder Schwesterunternehmen im gleichen Konzern“.

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