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23.05.2022

15:00

Energiekrise

Umstellung auf Wasserstoff: Wirtschaft sieht sich von EU ausgebremst

Von: Christoph Herwartz

Deutschlands Wirtschaft will bei der Energiewende schnell Wasserstoff einsetzen. Doch die EU-Kommission plant strenge Regeln für jene, die sich für Fördermittel interessieren.

Grüner Wasserstoff gilt als Zukunft der Energiegewinnung. dpa

Wasserstoff-Tank

Grüner Wasserstoff gilt als Zukunft der Energiegewinnung.

Brüssel Wasserstoff gilt als die Wunderwaffe der Energiewende: Er kann überall dort eingesetzt werden, wo heute noch Gas verbrannt wird. Selbst die Kohleöfen für die Stahlproduktion sollen künftig durch Wasserstoffanlagen ersetzt werden.

Doch die EU-Kommission knüpft die Produktion von grünem Wasserstoff nun an Kriterien, die manchem in der Wirtschaft unverständlich sind: So muss der Strom aus neuen Anlagen kommen und exakt in derselben Stunde produziert werden, in der auch der Wasserstoff hergestellt wird. Nur dann, wenn eine Megawattstunde weniger als 20 Euro kostet, kann der in diesem Moment hergestellte Wasserstoff auch als „grün“ bezeichnet werden. So steht es im ersten offiziellen Entwurf für einen delegierten Rechtsakt, den die EU-Kommission nun veröffentlicht hat.

Solche Kriterien seien aber schwer zu erfüllen, kritisiert die Wirtschaft. Und sie warnt: Unter solchen Voraussetzungen werde es längere Zeit dauern, bis so viel Wasserstoff produziert wird, dass ganze Branchen ihre Energiequellen umstellen können.

Seit mehr als einem halben Jahr haben die Unternehmen gebannt auf die Vorstellung der genauen Kriterien gewartet. Nun haben sie bis 17. Juni Zeit, Einwände vorzubringen. Auch EU-Parlament und EU-Mitgliedstaaten können noch Änderungen anregen.

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    BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch betont, dass eine ausgebremste Produktion grünen Wasserstoffs die Unsicherheit für energieintensive Unternehmen steigere. „Die Industrie braucht unbedingt die Sicherheit, dass ihre Versorgung bei einer Umstellung von Gas oder Kohle auf klimafreundliche Brennstoffe sichergestellt ist.“

    Auch RWE-Chef Markus Krebber findet die Verzögerung unnötig: „Mit dem aktuellen Vorschlag wird ein guter Plan durch die konkrete Regulierung ausgebremst“, sagt er.

    Gerade die deutsche Wirtschaft verbindet mit dem Thema Wasserstoff große Hoffnungen. Es geht ihr nicht nur darum, als Erster große Mengen grünen Stahl herzustellen. Es geht ihr auch darum, die dafür entwickelten Anlagen später weltweit zu verkaufen. Dazu gehören auch die Elektrolyseure, mittels derer Wasserstoff hergestellt wird, und die Direktreduktionsanlagen, in denen mit diesem Wasserstoff Stahl produziert wird.

    Je schneller große Mengen an Wasserstoff verfügbar sind, desto stärker wird die Entwicklung vorangetrieben und desto bessere Chancen rechnen sich die Unternehmen später aus. So sieht es Sebastian Bolay, Energieexperte beim DIHK: „Der Markt für Elektrolyseure kann weltweit sehr bedeutsam werden. Wenn deutsche Firmen führend bleiben, nutzt das dem ganzen Land und macht uns unabhängiger“, sagt er. „Jetzt am Anfang ist es relativ egal, woher der Wasserstoff kommt. Er muss nur schnell kommen. Aber die EU-Kommission bremst mit ihrem Rechtsakt. Über kurz oder lang werden die Unternehmen sowieso nur grünen Wasserstoff nachfragen.“

    Die Kommission fürchtet aber falsche Anreize. Denn oft wird vergessen, dass Wasserstoff aus konventionellen Quellen umweltschädlicher ist als Erdgas. „Die Wasserstoffproduktion könnte Anreize für die Stromerzeugung aus fossilen Quellen schaffen, was den Klimavorteil von Wasserstoff und seine Rolle bei der Stärkung der Energiesicherheit in der EU untergraben würde“, heißt es in einer Mitteilung.

    Klimaschützer: Enge Vorgaben haben auch Vorteile

    Matthias Buck von der Organisation Agora Energiewende sagt: „Einfach möglichst schnell möglichst viel strombasierten Wasserstoff erzeugen zu wollen, ist zu kurz gedacht.“ Wichtig sei zum Beispiel die Systemdienlichkeit: „Elektrolyseure werden ein relevanter Faktor im Stromnetz sein. Deshalb müssen sie so geplant und betrieben werden, dass sie den Netzbetrieb unterstützen. Sonst werden heute bestehende Engpässe im Stromnetz verschärft.“

    Insgesamt ist die von der EU-Kommission vorgelegte Definition nun lockerer, als es manche Beobachter erwartet hatten. Der CDU-Umweltpolitiker Markus Pieper sagt: „Die Kommission hat buchstäblich in letzter Sekunde die Kurve weg vom Wasserstoff mit Goldrand gekriegt.“

    Ein wichtiger Punkt dabei ist eine spezielle Regel für Wind-, Sonnen- und Wasserkraftwerke, die bereits gebaut sind oder vor 2027 den Betrieb aufnehmen. Bei ihnen ist eine Doppelförderung möglich: Zuerst wird ihr Bau bezuschusst, später wird es Subventionen für den mit ihrer Hilfe produzierten Wasserstoff geben. Bei Kraftwerken, die ab 2028 ans Netz gehen, soll das nicht mehr möglich sein.

    Darüber hinaus fordert Pieper andere Regeln für die Nutzung konventioneller Energieträger: „Für den Fall von Wind- oder Sonnenflauten ist ein Ersatzstrombezug aus dem allgemeinen Stromnetz noch viel zu kompliziert. Diesen Flaschenhals muss die Kommission durch vereinfachte Nachweisverfahren und Akzeptanz auch für Energie aus Kernkraft oder Gas zur Wasserstoffproduktion noch auflösen.“

    Klimaschützer Buck weist dagegen darauf hin, dass eine enge Definition auch Vorteile für die Wirtschaft haben kann: „Nur eine robuste Definition von grünem Wasserstoff garantiert, dass in Deutschland ‚klimaneutral‘ erzeugter Stahl wirklich ohne Treibhausgasemissionen daherkommt. ‚Klimaneutralität‘ ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal in grünen Zukunftsmärkten.“

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