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26.03.2021

07:59

Energiewende

Biomasse soll Kohlekraftwerke klimaneutral machen – Ministerium erarbeitet Förderprogramm

Von: Klaus Stratmann

Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache, die Kraftwerke gehen schrittweise vom Netz. Doch mit Biomasse könnten sie eine neue Perspektive bekommen. Die Betreiber brauchen Klarheit.

Biomasse statt Kohle: eine Alternative für den Strommarkt? dpa

Kohlekraftwerk in der Abendsonne

Biomasse statt Kohle: eine Alternative für den Strommarkt?

Berlin Die Betreiber von Kohlekraftwerken wollen ihre Anlagen künftig mit Biomasse befeuern. Sie sehen darin einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zur Stabilisierung des gesamten Stromerzeugungssystems. Ein dem Handelsblatt vorliegendes Gutachten des Beratungsunternehmens Enervis stützt die Argumentation.

Die Umrüstung von Kohlekraftwerken auf Biomasse könne „nicht nur einen substanziellen Beitrag zur schnellen Senkung von CO2-Emissionen leisten, sondern dient auch dazu, mit weitgehend vorhandener Infrastruktur gesicherte Leistung im System zu halten“, heißt es in dem Gutachten. In Auftrag gegeben haben es die Kraftwerksbetreiber EnBW, Enviva und Onyx Germany.

Die Umrüstung sei technisch machbar und werde international praktiziert, schreiben die Enervis-Experten weiter. Als Alternative komme nur der Neubau von Kraftwerken in Betracht. Die Argumentation rührt an ein Grundproblem des Kohleausstiegs. Mit dem Abschied von der Kohle fehlt in großem Umfang gesicherte Kraftwerksleistung, die immer dann zur Verfügung stehen muss, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Zusätzliche Gaskraftwerke gelten für die kommenden Jahre als bevorzugter Ersatz für die wegfallenden Kohlekraftwerke. Sie lassen sich sehr flexibel einsetzen und können perspektivisch auch mit klimaneutralem Wasserstoff betrieben werden.

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Standort erkennen

    Ob sie aber zur rechten Zeit zur Verfügung stehen, erscheint im Moment fraglich. „Niemand ist bei den derzeitigen Spielregeln im Markt bereit, in neue Gaskraftwerke zu investieren“, sagt Peter Feldhaus, Chef von Onyx Power. Tatsächlich müssten die Investitionen innerhalb weniger Jahre erfolgen. Doch es tut sich derzeit nichts.

    Daher erscheint die Umstellung bestehender Kohlekraftwerke auf eine Befeuerung mit Biomasse interessant. Das sieht auch Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, so: „Mit einer Umstellung von Kohlekraftwerken auf Biomassefeuerung ließe sich sehr kurzfristig gesicherte Leistung zurückgewinnen. Das hilft bei der Stabilisierung des Gesamtsystems und ist zudem klimafreundlich“, sagte Westphal dem Handelsblatt.

    Außerdem seien die Nutzung des Kraftwerksstandorts und großer Teile des Kraftwerks selbst unter dem Blickwinkel der Ressourcenschonung absolut nachhaltig. „Wir sollten möglichst rasch Lösungen anbieten, damit die Umstellung auch wirtschaftlich darstellbar ist“, empfiehlt der SPD-Politiker.

    Das Enervis-Gutachten macht dazu konkrete Vorschläge. Ohne Förderung sei die Umstellung unter heutigen Marktbedingungen unwirtschaftlich, schreiben die Gutachter. Sie haben sich in anderen europäischen Ländern, etwa Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden, umgeschaut und empfehlen Differenzverträge, im Fachjargon Contracts for Difference (CFD) genannt.

    Öffentliche Hand garantiert einen bestimmten Preis

    Das System dahinter: Der Betreiber vereinbart mit der öffentlichen Hand einen bestimmten Preis je produzierter Kilowattstunde Strom, der sich an den Betriebs- und Umstellungskosten orientiert. Je nachdem, ob die erzielten Erlöse am Strommarkt dann über oder unter dem vereinbarten Preis liegen, werden Mindererlöse ausgeglichen, Mehrerlöse muss der Betreiber an die öffentliche Hand zahlen.

    Der Vorteil ist, dass die Erlöse des Betriebs im Grundsatz von der Preisentwicklung am Strommarkt abgekoppelt sind. Das macht den Betrieb kalkulierbar und senkt die Finanzierungskosten. Für die Verbraucher sinkt zugleich das Strompreisrisiko. CFD-Modelle entsprechen zudem den Anforderungen des europäischen Beihilferechts.

    Die Enervis-Gutachter haben Modellrechnungen für die Umstellung von  vier Referenzkraftwerken angestellt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Förderung bei einer Laufzeit der Differenzverträge von zehn Jahren durchschnittlich 3,7 Cent je Kilowattstunde betragen müsste. Der Wert liegt nach Angabe der Gutachter in etwa in der Größenordnung vergleichbarer Förderungen in Dänemark und Großbritannien.

    Ergänzung der Wind- und Sonnenenergie

    Peter Feldhaus verweist auf einen Vorteil der Umstellung, der vor dem Hintergrund der ehrgeizigen Pläne der Bundesregierung zum Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft relevant ist. „Wir gehen in unseren Betrachtungen von 3500 Volllaststunden für die mit Biomasse befeuerten Kraftwerke aus. Damit würden sie ideal mit Wind- und Sonnenenergie harmonieren. Wenn man einen küstennahen Standort wählen würde, würde man beispielsweise Wind-Offshore-Anlagen, die eine Auslastung von etwa 4000 Volllaststunden haben, beim Betrieb von Elektrolyseuren ideal ergänzen“, sagt der Chef von Onyx Power. „Dadurch lässt sich eine effiziente und klimaneutrale Wasserstoffelektrolyse über das ganze Jahr betreiben. Das sichert den Elektrolyseuren eine hohe Auslastung und trägt zur Kostendegression bei grünem Wasserstoff bei“, argumentiert Feldhaus.

    Feldhaus braucht allerdings Klarheit über die Rahmenbedingungen, damit er loslegen kann. „Für uns ist entscheidend, dass die Politik schnell entscheidet, um unsere Investitionen tätigen zu können. Wir brauchen vor der Sommerpause ein klares Signal“, sagt er.

    Förderprogramm soll eine Milliarde Euro schwer sein

    Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einem Förderprogramm, das die Umstellung bestehender Kohlekraftwerke auf hocheffiziente und flexible Gas- oder Biomasseverstromung unterstützt und ein Volumen von einer Milliarde Euro haben soll. Dabei werden verschiedene Auflagen gemacht. So müsse „sichergestellt werden, dass es sich um nachhaltige, effizient genutzte und treibhausgasneutral erzeugte Biomasse handelt“, teilte das Ministerium auf Anfrage mit.

    Die Verfügbarkeit von nachhaltiger Biomasse ist bei der Umstellung nicht der begrenzende Faktor. So wächst der Markt für Holzpellets, einer verbreiteten Variante für den Biomassebetrieb von Kraftwerken, seit Jahren kontinuierlich. Brancheninsider sagen, der Holzpelletmarkt sei „noch bei Weitem nicht am Ende“.

    Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht unrealistisch, dass sich die Potenziale für eine Biomasse-Umstellung von Kohlekraftwerken auch tatsächlich nutzen lassen. Nach Branchenangaben kommt dafür in Deutschland eine installierte Kraftwerksleistung von bis zu vier Gigawatt (GW) in Betracht. Damit wiederum wäre ein erheblicher Teil der prognostizierten Lücke an gesicherter Kraftwerksleistung geschlossen.

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