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16.02.2020

14:53

Energiewende

Bundesumweltministerin Schulze will schnellen Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft

Von: Silke Kersting, Klaus Stratmann

Die SPD-Politikerin forciert einen schnellen Markthochlauf bei grünem Wasserstoff. Staatlicher Marktanreiz könnte etwa eine Kraftstoffquote im Flugverkehr sein.

Energiewende Deutschland: Schulze für Einstieg in Wasserstoffwirtschaft dpa

Svenja Schulze

Die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit verfolgt beim Megathema Wasserstoff ein klares Konzept.

Berlin Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) macht sich für einen raschen Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft stark. „Es geht darum, dass deutsche Anlagenbauer ihre Technologieführerschaft bei der Herstellung von Wasserstoff und den Folgeprodukten, also etwa synthetischen Kraftstoffen, halten und ausbauen können“, sagte Schulze dem Handelsblatt. Ihr Ziel sei es, „dass wir hier in Deutschland so schnell wie möglich einen Markthochlauf von Wasserstoff organisieren“, ergänzte sie.

Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt die Umweltministerin unter anderem im Flugverkehr eine Quote für synthetische Kraftstoffe vor, die auf der Basis von grünem Wasserstoff hergestellt werden. „Das sichert eine garantierte Abnahme zu stabilen Preisen“, sagte Schulze.

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Zusätzlich will Schulze die Herstellung durch gezielte Programme ankurbeln: „Wir schreiben ab 2021 jährlich die Produktion von 5000 Tonnen grünem Wasserstoff aus. Wer den Wasserstoff zu den niedrigsten Kosten herstellt, bekommt den Zuschlag“, sagte die Ministerin. Die ausgeschriebene Menge könne Jahr für Jahr bis 2030 um jeweils 5000 Tonnen steigen, um einen Markthochlauf und Skaleneffekte zu erzeugen.

Außerdem spricht sich Schulze dafür aus, den Einsatz von grünem Wasserstoff im Raffinerieprozess auf die Treibhausgasminderungsziele, die die Mineralölwirtschaft zu erfüllen hat, anzurechnen. „Die Anrechenbarkeit von grünem Wasserstoff in Raffinerien ist nach meiner Überzeugung eine attraktive Option zur Quotenerfüllung. Das reizt die Herstellung von Anlagen und die Produktion von Wasserstoff an. Das sollten wir rasch umsetzen“, sagte Schulze. Die Branche fordert das seit langem.

Lesen Sie nachfolgend das vollständige Interview:

Frau Schulze, alle Welt redet von Wasserstoff. Warum?
Wasserstoff leistet den entscheidenden Beitrag, um industrielle Produktion im postfossilen Zeitalter zu ermöglichen. Wir müssen daher die Produktion und den Einsatz von Wasserstoff so schnell wie möglich vorantreiben. Es geht darum, dass deutsche Anlagenbauer ihre Technologieführerschaft bei der Herstellung von Wasserstoff und den Folgeprodukten, also etwa synthetischen Kraftstoffen, halten und ausbauen können. Wichtig ist mir, dass wir Wasserstoff dort einsetzen, wo er am dringendsten benötigt wird.

Bei welchen Anwendungen wollen Sie den Fokus setzen?
Etwa bei der Stahlindustrie. Die Branche hat gar keine Alternative, wenn sie klimaneutral werden will. Sie muss auf Wasserstoff setzen, und zwar sehr schnell. Aber die Stahlunternehmen sind nicht die Einzigen. Auch die Zementindustrie und die Chemieindustrie sind auf Wasserstoff angewiesen. Im Luft- und im Seeverkehr ist Wasserstoff ebenfalls der zentrale Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität. Ohne Wasserstoff werden wir diese Bereiche nicht CO2-frei bekommen.

Warum geht es dann nicht richtig vorwärts?
Im Moment sehe ich ein Henne-Ei-Problem. Die Stahlbranche sagt, dass sie möglichst rasch Wasserstoff braucht. Das ist für die Branche die Basis für die Umstellung der Produktionsprozesse und damit auch Voraussetzung für Milliardeninvestitionen. Es gibt aber noch keine großindustrielle Produktion von grünem Wasserstoff, weil es dafür kurzfristig noch keine gesicherten Abnehmer gibt. Das heißt, gerade warten alle ab.

Was schlagen Sie vor?
Dass wir für feste Abnehmer sorgen. Nur dann entsteht ein Markt. Für mich ist von zentraler Bedeutung, dass wir hier in Deutschland so schnell wie möglich einen Markthochlauf von Wasserstoff organisieren.

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Wie soll das gelingen?
Ich habe konkrete Maßnahmen entwickelt, die man allesamt rasch umsetzen kann. Der Faktor Zeit ist entscheidend. Wir können nicht weiter nur verkünden, dass wir beim Thema Wasserstoff etwas erreichen wollen. Jetzt gilt es, die entsprechenden Schritte einzuleiten. Wir brauchen den großindustriellen Maßstab, und zwar so schnell wie möglich. Wir müssen zeigen, dass wir das selber können.

Welche Instrumente möchten Sie einsetzen?
Ich schlage für den Flugverkehr eine Quote für synthetische Kraftstoffe vor, die auf der Basis von grünem Wasserstoff hergestellt werden. Das sichert eine garantierte Abnahme zu stabilen Preisen.

In welcher Größenordnung?
Ich setze mich für die zügige Einführung einer aufsteigenden Quote für Kerosin in Höhe von zwei Prozent bis 2030 ein.

Das wird die Kerosinpreise in die Höhe treiben.
Der Preiseffekt dürfte überschaubar sein. Die Herstellungskosten sind im Moment noch hoch. Mit der Skalierung erreichen wir aber eine Kostendegression. Und ein Anteil von zwei Prozent am Kerosin hat einen überschaubaren Preiseffekt. Ich halte das für vertretbar.

Okay, aber das wird nicht reichen.
Aber es wird schon eine beachtliche Menge bringen. Zusätzlich schlage ich Förderprogramme vor. Wenn Wasserstoff in der Industrie wirklich ankommen soll, braucht beispielsweise die Stahlindustrie Unterstützung. Die Unternehmen werden das allein im Wettbewerb nicht hinbekommen. Um es konkret zu machen: Wir schreiben ab 2021 jährlich die Produktion von 5000 Tonnen grünem Wasserstoff aus. Wer den Wasserstoff zu den niedrigsten Kosten herstellt, bekommt den Zuschlag. Die ausgeschriebene Menge können wir Jahr für Jahr bis 2030 um jeweils 5000 Tonnen steigern, um einen Markthochlauf und Skaleneffekte zu erzeugen. Dadurch entstehen bis 2030 bis zu fünf Gigawatt Elektrolyseleistung. Ein solches Ausschreibungsprogramm könnte die Programme des Umweltministeriums zur Dekarbonisierung sinnvoll ergänzen.

Die Verfügbarkeit von Wasserstoff ist nicht das einzige Problem. Die betroffenen Branchen stehen vor Milliardeninvestitionen.
Das stimmt. Und darum plädiere ich für projektbezogene Zuschüsse. Sie sollen die Mehrkosten von Dekarbonisierungstechnologien ausgleichen. Wir zahlen den Unternehmen einen CO2-Preis, der deutlich über den CO2-Preisen im europäischen Emissionshandel liegen kann. Dieser Preis gleicht die Differenz zwischen dem Zertifikatepreis im Emissionshandel und den tatsächlichen Vermeidungskosten aus. Solche „Carbon Contracts for Difference“-Modelle geben den Anreiz, in großtechnischem Maßstab in Wasserstofftechnologien zu investieren. Da muss der Staat gezielt helfen.

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Die Unterschiede zwischen Zertifikatepreis im Emissionshandel und tatsächlichen Vermeidungskosten beim Einsatz von grünem Wasserstoff sind immens. Was kostet das alles?
Natürlich muss der Staat erst mal Geld in die Hand nehmen, um eine neue Industrie zu etablieren. Klar ist, dass man darauf achten muss, die Prozesse effizient zu gestalten und Doppelförderungen zu vermeiden. Der Staat darf sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Wettbewerbsverzerrungen zuzulassen.

Macht die EU-Kommission mit?
Die EU-Kommission hat wie wir ein Interesse daran, dass die Stahlindustrie in Europa erfolgreich ist und nicht abwandert.

Wie stehen Sie zu einer CO2-Grenzsteuer?
Ein solches Instrument kann sinnvoll sein. Allerdings darf man die Komplexität des Themas nicht unterschätzen. Es ist nicht trivial zu messen, wie viel CO2 in Stahl aus Indien oder einem anderen Land steckt. Die erste Wahl wäre daher, dass auch andere große Volkswirtschaften selbst eine effektive CO2-Bepreisung einführen. Da bin ich mir mit der EU-Kommissionspräsidentin einig. Zudem rate ich einer Exportnation wie Deutschland gerade in der jetzigen handelspolitischen Situation zur Vorsicht, wenn es um Instrumente geht, die von anderen auch als protektionistisch wahrgenommen werden könnten.

Die Mineralölwirtschaft fordert seit Langem, dass der Einsatz von grünem Wasserstoff auf die Treibhausgasminderungsquote angerechnet wird. Wie stehen Sie dazu?
Die Anrechenbarkeit von grünem Wasserstoff in Raffinerien ist nach meiner Überzeugung eine attraktive Option zur Quotenerfüllung. Das reizt die Herstellung von Anlagen und die Produktion von Wasserstoff an. Das sollten wir rasch umsetzen.

Der Bund könnte nicht nur finanziell fördern, sondern selbst als Abnehmer auftreten.
Stimmt. Darum schlage ich vor, dass die öffentliche Hand ihre Beschaffung entsprechend ausrichtet. Der Bund sollte als zuverlässiger Abnehmer den Markthochlauf mit anschieben.

An welche Anwendungen denken Sie dabei?
Schon allein in der Bundeswehr gibt es bei der Luftwaffe oder in der Marine große Anwendungsmöglichkeiten.

Sie sprachen eben von grünem Wasserstoff, der mittels Strom aus erneuerbaren Quellen durch Elektrolyse hergestellt wird. Wie stehen Sie zu blauem Wasserstoff, bei dessen Herstellung aus Erdgas CO2 anfällt, das unterirdisch gespeichert werden muss?
Warum sollten wir in Zukunft blauen Wasserstoff nutzen, wenn die Klimabilanz schlecht ist und die Kosten zur Herstellung hoch sind? Zudem habe ich bei blauem Wasserstoff eine große Sorge: Er bringt sofort eine Debatte über CCS, also die unterirdische Speicherung von CO2, die in Deutschland überwiegend abgelehnt wird. Die Gefahr ist groß, dass das Thema Wasserstoff dann von einer Debatte über CCS überlagert wird. Die Diskussion hatten wir vor ein paar Jahren bereits. Danach sehnt sich niemand.

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Aber damals ging es darum, Kohlekraftwerken eine Zukunft zu bescheren.
Richtig. Aber wer künftig Akzeptanz für diese Speicherung gewinnen will, braucht sehr gute Gründe dafür. Blauer Wasserstoff ist kein guter Grund, weil es mit dem grünen Wasserstoff die eindeutig bessere Alternative gibt.

Selbst wenn man künftig ausschließlich grünen Wasserstoff in der Industrie einsetzt, bleiben am Ende prozessbedingte CO2-Emissionen übrig, für die man eine Lösung finden muss.
Man wird am Ende um CO2-Speicherung für die letzten Prozentpunkte an CO2-Emissionen möglicherweise nicht herumkommen. Aber das kann immer nur die letzte Option sein. Gerade beim Wasserstoff liegt doch auf der Hand, dass es bessere Möglichkeiten gibt, die auch unserer deutschen Exportindustrie gut zu Gesicht stehen werden.

Es gibt zwei konkrete Vorhaben der Netzbetreiber Tennet und Amprion zur Herstellung von grünem Wasserstoff. Die Unternehmen fordern, dass der für die Wasserstoffproduktion eingesetzte Strom von EEG-Umlage und Netzentgelten befreit wird. Wie stehen Sie dazu?
Ich halte es für richtig, die gesamte Abgaben- und Umlagenstruktur beim Strom zu überarbeiten. Aber wir sollten jetzt nicht den dritten Schritt vor dem ersten machen. Zunächst gilt es jetzt den Markhochlauf zu befördern.

Was ist Ihre Alternative?
Die habe ich gerade skizziert: eine Quote für synthetische Kraftstoffe im Flugverkehr, die auf der Basis von grünem Wasserstoff hergestellt werden, Anrechnung von Wasserstoff in den Raffinerien, Förderprogramme.

Keine Netzentgeltbefreiung bei den genannten Projekten?
Doch. Aber der Prozess dauert zu lange. Da vergehen zwei Jahre, bis das umgesetzt wird. Es muss doch jetzt mal vorangehen. Warum nicht einfach Projekte ausschreiben und den Unternehmen Geld geben - und dann loslegen.

Bei blauem Wasserstoff gibt es bereits konkrete Projekte in Zusammenarbeit mit Unternehmen anderer Länder, wollen Sie die unterbinden?
Die Bundesregierung sollte grünen Wasserstoff fördern, nicht blauen. In Deutschland gibt es das Know-how und alle technischen Voraussetzungen. Warum sollten wir dieses Zukunftsgeschäft anderen Ländern überlassen?

Projekte mit blauem Wasserstoff werden also nicht gefördert?
Ich bin deutsche Umweltministerin. Mir geht es darum, dass die Produktion von Wasserstoff in Deutschland passiert.
Aber auch grüner Wasserstoff kann doch nicht ausschließlich aus Deutschland kommen. Allein die Chemieindustrie hat ausgerechnet, dass sie elfmal mehr aus erneuerbaren Quellen erzeugten Strom benötigt, wenn sie klimaneutral werden will.

Deutschland wird auch weiterhin einen wesentlichen Teil seines Energiebedarfs aus dem Ausland beziehen. Wir müssen aber zeigen, dass es geht, um dann die Technik weltweit verkaufen zu können. Ein Großteil der Produktion wird in sonnenreichen Regionen stattfinden.

Der Strombedarf für alle Branchen ist so immens, ist das überhaupt machbar?
Ja, das ist machbar – wir dürfen aber natürlich die Energieeffizienz nicht aus den Augen verlieren. Auch erneuerbare Energie gibt es nicht unendlich. Und wir müssen aus Gründen des Klimaschutzes alle Anstrengungen unternehmen, unseren Wohlstand künftig treibhausgasneutral zu organisieren. Oder sollen wir etwa den demonstrierenden Kindern sagen, sorry Kids, der Planet ist verloren? Als reiches Industrieland muss es unser Anspruch sein, den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen.

Ihnen geht es zu langsam – aber werden die anderen Ressorts mitmachen?
Ich habe ja wichtige Fürsprecher für mehr Schnelligkeit, etwa die Industrie. Die machen Druck. Ich werde meine Vorschläge in die Diskussion um die Wasserstoffstrategie einbringen. Ich freue mich auf den Wettbewerb der Ideen.

Frau Schulze, vielen Dank für das Interview.

Kommentare (3)

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Herr Herbert Hanselmann

17.02.2020, 08:57 Uhr

Kein Wort dazu, dass der Wasserstoff hierzulande nur mit schlechtem Wirkungsgrad grün erzeugt würde. Warum lassen die Interviewer das durchgehen? Sie als Fachredakteure wissen es doch, Schulze vielleicht nicht. Fürs Autofahren beispielsweise blieben von 100 kWh nicht mal 30 kWh fürs Fortkommen (Windrad zu Rad). Diese 100 kWh fehlen dann im Netz und müssen durch andere Stromquellen ausgeglichen werden. Im CO2 Sinn bestenfalls durch Import von Atomstrom, sonst durch eigenen oder importierten Gas- oder Kohlestrom. Und wenn bei der Stahlerzeugung fossile Energie durch Wasserstoff ersetzt werden soll wird das doch kaum anders sein. Wasserstoff aus grüner Elektrolyse hat die erwarteten Effekte nur, wenn er in Äquatornähe erzeugt wird, von wo aus Leitungen nicht möglich sind und Grünstrom tatsächlich im Überfluss ist und eben nicht ausgeglichen werden muss.

Herr Manfred K.

17.02.2020, 14:18 Uhr

" Die Stahlbranche hat keine Alternative zu Wasserstoff"
Aber natürlich hat die Stahlbranche eine Alternative : Sie macht den Laden hier zu.In China gibt es gewaltige Stahlüberkapazitäten.So einfach geht das.Das weiß auch Frau Schulze.
Die Elektrolyse ist die teuerste Wasserstofferzeugung und mit Wind- oder Solarstrom doppelt teuer.

Herr Eberhard Steinweg

21.02.2020, 12:24 Uhr

Je weiter man vom Fach-Wissen entfernt ist, desto leichter fällt einem eine Entscheidung. Und dann noch die Orwell- Denk-Hilfe : grün gut, blau schlecht.

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