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16.09.2019

04:02

Energiewende

Klimaneutraler Wasserstoff: Altmaier plant Produktion in industriellem Maßstab

Von: Klaus Stratmann

Der Wirtschaftsminister will den „grünen Wasserstoff“ aus der Nische holen und ihn über den Labormaßstab hinaus produzieren. Die Branche betrachtet das mit Wohlwollen.

Der Bundeswirtschaftsminister plant eine nationale Wasserstoffstrategie. dpa

Peter Altmaier

Der Bundeswirtschaftsminister plant eine nationale Wasserstoffstrategie.

Berlin Mitte Juli gab Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die 20 Gewinner des „Ideenwettbewerbs Reallabore der Energiewende“ bekannt. Projekte, die sich dem Thema „grüner Wasserstoff“ widmeten, spielten dabei eine dominante Rolle.

Doch Altmaier reicht der Labormaßstab nicht mehr aus. Der Wirtschaftsminister will mehr. Grüner Wasserstoff solle „inländisch in industriellem Maßstab baldmöglichst produziert werden“, heißt es in einem 33 Seiten umfassenden Papier seines Hauses, das die Rolle gasförmiger Energieträger in den Sektoren Verkehr, Industrie, Gebäude und Stromerzeugung skizziert.

Das Papier ist das Ergebnis eines mehrere Monate währenden Dialogprozesses, den das Bundeswirtschaftsministerium mit Energiewirtschaft und Industrie geführt hat. Mit am Tisch saßen Verbands- und Unternehmensvertreter.

Die Dialogteilnehmer haben noch bis zum kommenden Mittwoch Gelegenheit, die Schlussfolgerungen des Ministeriums zu kommentieren. Diese sollen in die Arbeit an einer „Nationalen Strategie Wasserstoff“ (NSW) einfließen. Man trage der Erkenntnis Rechnung, dass die Dynamik beim Thema „grüner Wasserstoff“ auch international erheblich zugenommen habe, heißt es in dem Papier. Die Branche betrachtet das mit Wohlwollen. Altmaier habe die industriepolitische Dimension als große Chance erkannt, sagte ein Teilnehmer an dem Dialogprozess.

Damit hat sich die Tonlage des Ministers bei dem Thema erheblich verändert: Betrachtete Altmaier grünen Wasserstoff lange als Nischenlösung in der Klimadebatte, will sein Haus nun einen Rahmen schaffen, der einen marktgetriebenen Hochlauf der Technologie „ermöglicht und die gute Ausgangsposition deutscher Unternehmen stärkt und unterstützt“, heißt es in dem Ministeriumspapier.

Was den Wasserstoff „grün“ macht

Damit rückt der grüne Wasserstoff in der energiepolitischen Agenda weit nach oben. Im Kern geht es darum, mittels Strom aus erneuerbaren Quellen Wasserstoff klimaneutral herzustellen. Dieser kann dann direkt eingesetzt werden, etwa in der Chemie- oder der Stahlindustrie oder für den Betrieb von Brennstoffzellen. Er kann auch weiterverarbeitet werden zu Methan oder zu flüssigen Brennstoffen, den sogenannten E-Fuels.

Solche strombasierten Brennstoffe können wegen hoher Herstellungskosten preislich noch nicht mit fossilen Brennstoffen konkurrieren. Die Verfechter der Technik stellen aber erhebliche Kostendegressionen in Aussicht – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die gesamte Verfahrenskette läuft im Fachjargon unter der Überschrift „Power to X“.

Der Nachteil der Technik: Die Umwandlungsverluste sind sehr hoch, ein großer Teil des eingesetzten Stroms geht ungenutzt verloren. Doch diesem Nachteil stehen unbestreitbare Vorteile gegenüber: Es entstehen klimaneutrale Brennstoffe, die leicht speicherbar sind und die auch dort eingesetzt werden können, wo eine direkte Stromanwendung ausscheidet, etwa im Schwerlast-, Schiffs- oder Flugverkehr. Auch als Rohstoff in der Industrie könnte grüner Wasserstoff in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. So arbeitet etwa die Stahlbranche mit Hochdruck an entsprechenden Verfahren.

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In der gesamten deutschen Industrie hat das Thema an Bedeutung gewonnen, Treiber ist dabei der Kampf gegen den Klimawandel. Führende Gasturbinenhersteller wie Siemens, GE Power und MAN hatten kürzlich angekündigt, sie wollten ihre Gasturbinen fit für erneuerbare Gase aus klimaneutralen Quellen und synthetische Kraftstoffe wie synthetisches Methan machen. Auch sollen die Turbinen mit einer Mischung aus Erdgas und drei bis fünf Prozent Wasserstoff laufen können. Siemens gehört zugleich zu den führenden Herstellern von sogenannten Elektrolyseuren, jenen Vorrichtungen, in denen mittels Strom Wasserstoff hergestellt wird.

Strom- und Gasnetzbetreiber hatten in diesem Jahr verschiedene Projekte zur Herstellung des grünen Wasserstoffs angekündigt. Sie wollen überschüssigen Windstrom, der sich vor allen Dingen im Norden Deutschlands oft nicht mehr ins Stromnetz einspeisen lässt, nutzen, um daraus Wasserstoff herzustellen. Dieser könnte dann auch ins Gasnetz integriert werden.

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Das Ministeriumspapier regt Maßnahmen an, mit denen CO2-freie Energieträger wie grüner Wasserstoff vorangebracht werden könnten. Ein Beispiel sind die Flottenziele im Verkehrsbereich: Ähnlich wie sich batteriebetriebene E-Fahrzeuge positiv auf die Flottengrenzwerte der Autobauer auswirken, erhebt das Wirtschaftsministerium in seinem Papier nun auch die Anrechnung strombasierter Kraftstoffe für die Erreichung der Flottengrenzwerte zur „zentralen Frage“.

Außerdem spricht sich das Ministerium dafür aus, die Beimischung von CO2-neutralen Kraftstoffen „national deutlich ambitionierter umzusetzen“, als es in der entsprechenden EU-Richtlinie festgelegt ist. Die Branche begrüßt das.

Mit einer ambitionierten Beimischungsquote würde „nicht nur ein Beitrag zum Erreichen der Klimaziele im Verkehr geleistet werden können, sondern auch der Einstieg in den erforderlichen industriellen Hochlauf des dafür erforderlichen Anlagenbaus möglich“, sagte Werner Diwald, Chef des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV), dem Handelsblatt.

Langfristig werde die Technologie weltweit zum Austausch erneuerbarer Energien benötigt, so Diwald. „Insbesondere Europa wird seine Klimaziele nur mit dem Import erneuerbarer Energien erreichen können. Die erforderlichen Mengen übersteigen auf jeden Fall bei Weitem die Möglichkeiten dieser Importe über den Strompfad.“ Hier könnten grüner Wasserstoff und daraus produzierte Folgeprodukte helfen.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium sieht das Mengenproblem. „Mittelfristig müssen vollkommen neue Energieimportpartnerschaften mit internationalen Partnern aufgebaut werden, um den veränderten Energiebedarf zu decken“, heißt es in dem Papier des Ministeriums.

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Das CDU-geführte Wirtschaftsressort kann beim Thema Wasserstoff auf breite Unterstützung innerhalb und außerhalb der Koalition hoffen. Erst kürzlich hatten führende Grünen-Politiker ein Positionspapier vorgelegt, in dem sie die Bedeutung von grünem Wasserstoff für die Energiewende unterstrichen haben. Auch die FDP sieht Altmaiers Initiative positiv. "Das ist ein richtiger Schritt, um aus der Monokultur des Elektroantriebs raus hin zu mehr Technologieoffenheit zu kommen", sagte Marco Buschmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt. "Noch besser wäre es, wenn man dazu käme, dort Projekte anzuschieben, wo grüner Wasserstoff besonders günstig herzustellen wäre - also etwa in Afrika, wo Sonne quasi unbegrenzt und das ganze Jahr über als Energiequelle zur Verfügung stünde", ergänzte Buschmann.

In der SPD gibt es im Hinblick auf den alternativen Brennstoff ebenfalls Fürsprecher. So schrieb der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kürzlich im Handelsblatt: Der Bund ignoriere „in unverantwortlicher Weise die vielfältigen Möglichkeiten, erneuerbare Energie in Wasserstoff umzuwandeln und zu speichern“. Aber da kannte er das Papier aus dem Bundeswirtschaftsministerium offenbar noch nicht.

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Kommentare (2)

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Herr Hans Henseler

16.09.2019, 09:57 Uhr

Wasserstoff ist eine praktikable Loesung zum Nutzen und Speichern von erneuerbaren
Energien, die sonst verloren gehen. Es ist kein Allheilmitteln aber wir brauchen diversifizierte
Loesungen.

Herr Ingo Quentin

16.09.2019, 15:31 Uhr

"Der Nachteil der Technik: Die Umwandlungsverluste sind sehr hoch, ein großer Teil des eingesetzten Stroms geht ungenutzt verloren."

Das "sehr hoch" kann beziffert werden. Rund 70-75% gehen flöten. Völlig inakzeptabel!
Einen Vorgang der bis zu 75% Verlust aufweist als "grün" zu bezeichnen, ist auch nur etwas für die Doofen.
Man gibt 100 rein und erhält 25 raus, aber zahlt zuvor für die 100.

Noch jede Menge F&E hier notwendig!


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