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09.08.2019

07:08

Energiewende

Offshore-Windbranche will schneller wachsen

Von: Klaus Stratmann

Der Ausbau der Windkraft an Land kommt nicht voran. Das ruft die Offshore-Windbranche auf den Plan: Sie will in die Bresche springen. Koalitionspolitiker unterstützen das.

Bislang ist der Ausbau der Offshore-Windenergie gedeckelt. dpa

Offshore-Windpark in der Nordsee

Bislang ist der Ausbau der Offshore-Windenergie gedeckelt.

Berlin Um den Ausbau der Windkraft an Land steht es so schlecht, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kürzlich ankündigte, einen Krisengipfel einzuberufen. Kurz zuvor hatte die Branche die jüngsten Zahlen präsentiert. Demnach brach die Inbetriebnahme neuer Windräder an Land im ersten Halbjahr 2019 regelrecht ein: Gerade einmal 86 Anlagen kamen in den ersten sechs Monaten des Jahres neu dazu – ein Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Abzüglich der zurückgebauten Windräder schrumpfte der Neubau auf 35 Anlagen – ein historischer Tiefpunkt.

Die Gründe für den Einbruch sind vielfältig: Massive Akzeptanzprobleme, Flächenengpässe und der schleppende Netzausbau belasten die Branche enorm. Hinzu kommen Schwächen im Ausschreibungssystem, die der Gesetzgeber zwar mittlerweile behoben hat, die aber noch einige Monate fortwirken werden. Schon zürnt die Branche, die Bundesregierung werde ihr Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, niemals erreichen, wenn es mit der Windenergie an Land nicht besser vorangehe.

Doch es gibt ja nicht nur die Onshore-Windenergie. Die Kollegen der Offshore-Branche stehen parat, um in die Bresche zu springen. Sie halten den Zeitpunkt für ideal, ihre Forderung nach ehrgeizigeren Zielen beim Ausbau der Windkraft auf hoher See in den Vordergrund zu rücken. „Offshore-Windenergie allein wird die Energiewende nicht retten können. Aber es geht nicht ohne sie und sie kann wesentlich mehr leisten“, sagt Uwe Knickrehm, Geschäftsführer des Bundesverbandes Windparkbetreiber Offshore (BWO) dem Handelsblatt.

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Aber dieses „Mehr“ müsse seitens der Bundesregierung auch möglich gemacht werden, fordert Knickrehm. Zugleich betont er allerdings auch, die Probleme beim Ausbau der Windenergie an Land müssten „dringend angegangen“ werden.

Bislang ist der Ausbau der Offshore-Windenergie gedeckelt. Bis 2020 sollen sich Windräder mit einer installierten Leistung von 6,5 Gigawatt (GW) im deutschen Teil von Nord- und Ostsee drehen. Bis 2030 sollen es 15 GW sein. 15 GW entsprechen in etwa der installierten Leistung von 15 großen Kohlekraftwerksblöcken.

Kritik an der Ausbau-Deckelung

Die Branche empfindet die von der Politik beschlossene Begrenzung schon lange als Gängelung. Das Argument, eine Anhebung des Deckels führe zu erheblichen Kostensteigerungen für die Förderung der erneuerbaren Energien, will Knickrehm nicht gelten lassen. Als die Deckelung beschlossen worden sei, habe man sich noch in der Phase der erhöhten Anfangsförderung für Offshore-Windenergie befunden.

„Die Vergütung betrug seinerzeit im Schnitt über 20 Jahre 13 Cent pro Kilowattstunde“, erinnert Knickrehm. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Lage aber komplett gewandelt. Es hat eine erhebliche Kostendegression bei der Offshore-Windenergie gegeben.

Mittlerweile bekommen Projektierer bei den Ausschreibungen den Zuschlag, die oftmals gar keine Vergütungen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten. Sie geben sich mit den Preisen zufrieden, die sie am Markt erzielen können. „Die politischen Ambitionen wurden größer, die technologische Entwicklung hat deutlich niedrigere Preise ergeben, aber die gesetzlich festgeschriebenen Ziele wurden nicht angepasst“, sagt Knickrehm. Das sei „absurd“, kritisiert er.

Uwe Knickrehm ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Windparkbetreiber Offshore (BWO). PR Bild

Uwe Knickrehm

Uwe Knickrehm ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Windparkbetreiber Offshore (BWO).

Bei Koalitionspolitikern rennt Knickrehm mit seiner Forderung offene Türen ein. „Zur Entlastung des Ausbaudrucks an Land könnten auf See auch 30 bis 35 GW installierte Leistung bis 2035 aufgebaut werden“, sagt Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt.

„Gerade im Bereich Wind-Offshore sind industrielle Strukturen entstanden, die jetzt mit einem klaren Ausbaupfad effizient weiterentwickelt und gefestigt werden müssen“, sagt er. Die Zeit der Ausbaudeckel sei vorbei. Ähnlich argumentiert Johann Saathoff, Vorsitzender der Landesgruppe Niedersachsen der SPD-Bundestagsfraktion: „Die Offshore-Windkraft hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie eine leistungsfähige Industrie ist. Es gab enorme Kostensenkungen und die Ausbauziele wurden schneller erreicht als geplant“, sagt Saathoff dem Handelsblatt.

„In Zukunft werden die Windparks auf See so günstig werden, dass sie ohne EEG-Vergütung auskommen werden. Deshalb bin ich dafür, dass Ausbauziel für 2030 von derzeit 15 GW auf 20 GW anzuheben und auch darüber hinaus den Ausbau zu forcieren“, ergänzt er.

Allerdings sieht Saathoff die Offshore-Windkraft nicht als Ersatz für die Windkraft an Land, sondern als Ergänzung: „Wir können nicht den Ausbau der Windkraft vermehrt auf See verlagern, weil er an Land nicht vorankommt. Wir brauchen beides und müssen auch für die Windkraft an Land entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.“

Wirtschaftlich macht sich die politisch gewollte Deckelung des Ausbaus der Windkraft auf hoher See bereits bemerkbar. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche sei aufgrund der dünnen Auftragslage wegen des Ausbaudeckels rückläufig, sagt BWO-Geschäftsführer Knickrehm. Dies lasse sich auch an der Zahl der Branchenteilnehmer ablesen. Von ehemals 1.000 Unternehmen seien noch knapp 800 übrig geblieben.

Mehr: Der Neubau von Windrädern ist im Jahresvergleich um 82 Prozent gesunken. Die Branche klagt über Genehmigungsstau und fordert einen Krisengipfel.

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