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26.11.2019

14:10

Erderwärmung

Mehr Hitzetote, Starkregen und Dürre: So bekommen die Deutschen den Klimawandel zu spüren

Von: Silke Kersting

Am kommenden Montag beginnt die Weltklimakonferenz in Madrid. Wie dringend gehandelt werden muss, zeigt ein Bericht über den Klimawandel in Deutschland.

Video-Reportage

Was kostet Deutschland der Klimawandel? – „Das wird existenzbedrohend“

Video-Reportage: Was kostet Deutschland der Klimawandel? – „Das wird existenzbedrohend”

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Berlin Ob die heißen und trockenen Sommer 2018 und 2019, der Starkregen in 2016 und 2017, extrem niedrige Flusspegelstände, dann wieder Überschwemmungen, die Zunahme von Schädlingen und verschobene Blütezeiten von Pflanzen: All diese Beispiele zeigen, dass der Klimawandel in Deutschland bereits in vollem Gange ist.

„Der Klimawandel verändert das Wetter in Deutschland immer spürbarer, die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich immer deutlicher“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Dienstag bei Vorstellung des „Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel“. Die Durchschnittstemperatur sei in Deutschland zwischen 1881 bis 2018 bereits um 1,5 Grad Celsius angestiegen, so die Ministerin. 2015 lag die Erhöhung noch bei 1,2 Grad.

Das hat Konsequenzen: Für den Hitzesommer 2018 ermittelte das Robert-Koch-Institut (RKI) allein für Berlin und Hessen etwa 1200 hitzebedingte Sterbefälle. Auf Grundlage bundesweiter Daten zeige sich, dass 2003 etwa 7500 Menschen mehr gestorben sind als ohne Hitzewelle zu erwarten gewesen wäre. So steht es in dem insgesamt 272 Seiten umfangreichen Bericht.

2006 und 2015, ebenfalls extrem warme Jahre, gab es jeweils 6000 zusätzliche Todesfälle. „Der Klimawandel ist inzwischen in Deutschland schon ein Gesundheitsrisiko geworden“, sagte Schulze, die die noch immer viel zu hohen klimaschädlichen CO2-Emissionen weltweit kritisierte.

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    Fast zeitgleich mahnte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Genf größere Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel an, wenn noch das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung weltweit auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, erreicht werden solle. Bislang geben Wissenschaftler die Erderwärmung global mit einem Grad an. Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, drohe die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als drei Grad zu steigen.

    Im kommenden Jahr müssen alle Staaten überarbeitete Klimapläne vorlegen – so sieht es das 2015 vereinbarte Pariser Klimaschutzabkommen vor. Zudem sind alle Länder verpflichtet, bei den Vereinten Nationen erstmals Langfriststrategien bis 2050 einzureichen. Zu diesem Zeitpunkt soll die Welt treibhausgasneutral sein – ein ehrgeiziges Ziel. Ein ambitionierteres Vorgehen gegen den Klimawandel ist deswegen eines der Top-Themen der am Montag startenden Klimakonferenz in Madrid.

    Grafik

    Wie überall treffen Hitze, Trockenheit und Dürre auch die deutsche Landwirtschaft: 2018 verursachten Hitze und Trockenheit in der Landwirtschaft Schäden in Höhe von 700 Millionen Euro. Bund und Länder stellten Dürrehilfen in Höhe von 340 Millionen Euro bereit. Gleichzeitig gibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für 2018 2,6 Milliarden Euro an versicherten Schäden an Häusern, Gewerbe- und Industriebetrieben durch Stürme, Hagel und Starkregen an.

    Die Grünen forderten einen klimapolitischen Neuanfang in Deutschland. „Das bedeutet Milliarden-Investitionen in die sozial-ökologische Modernisierung, ein Umsteuern in allen Sektoren unserer Wirtschaft“, sagte Fraktionschef Anton Hofreiter. Das Klimapaket der Großen Koalition bezeichnete er als „Klimapäckchen“.

    Einfluss auf Unternehmen

    Unternehmen sind in besonderer Weise von steigenden Temperaturen und einer steigenden Luftfeuchtigkeit betroffen. Die Wirtschaft hängt von einer funktionierenden Infrastruktur ab – aber auch von den Mitarbeitern. Deren Krankheitsanfälligkeit steigt jedoch. Zudem führt eine abnehmende Konzentration zu erhöhter Fehler- und Unfallanfälligkeit. Extreme Hitzewellen bringen zusätzliche Gesundheitsrisiken wie Hitzschlag, starke Dehydrierung oder Erschöpfung mit sich.

    Das hat direkten Einfluss auf die Produktivität von Unternehmen und am Ende auf die gesamte Volkswirtschaft. Studien nehmen für Zeiten hoher Hitzebelastung für Mitteleuropa Produktivitätsabnahmen zwischen drei und zwölf Prozent an. Das entspricht Einbußen von rund 540 Millionen bis 2,4 Milliarden Euro im Vergleich zu Jahren ohne Hitzetage. Diese Zahlen sind aber mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. In einigen Studien werden gerade für die Baubranche sogar Produktivitätszuwächse angenommen, da sich die Zeitfenster für Arbeiten im Freien im Jahresverlauf verlängern können.

    Die Bundesregierung hatte die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) 2008 unter Federführung des Bundesumweltministeriums beschlossen. Seit 2009 arbeitet eine interministerielle Arbeitsgruppe daran, das Thema voranzubringen. 2015 hatte es den ersten Fortschrittsbericht gegeben. Vier Jahre später liegt nun der zweite Bericht vor, mit folgenden wesentlichen Ergebnissen:

    Ansteigende Hitzebelastung

    Die vergangenen Jahre waren geprägt von langen Trockenperioden und Extremereignissen wie Stürmen und heftigen Starkregen. Die Sommer in den Jahren 2003, 2018 und 2019 waren in Deutschland die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Der durchschnittliche Temperaturanstieg mit 1,5 Grad Celsius liegt in Deutschland sogar um 0,5 Grad höher als der globale Temperaturanstieg während des gleichen Zeitraums (1881 bis 2018).

    In den zurückliegenden Jahrzehnten zeichnet sich hierzulande ein Trend zu Hitze-Extremwerten ab. Vor allem die Zahl der heißen Tage mit 30 Grad oder mehr haben signifikant zugenommen. Besonders betroffen sind Ostdeutschland und das Rhein-Main-Gebiet.

    Im Flächenmittel Deutschlands hat die Anzahl der heißen Tage von 3,5 Tagen pro Jahr in den 1950er-Jahren auf derzeit etwa zehn Tage pro Jahr zugenommen. Belastend für die Menschen sind zudem so genannte Tropennächte, in denen das Thermometer nachts nicht unter 20 Grad fällt und viele Menschen erhebliche Schlafprobleme bekommen.

    Starkregen und Sturzfluten in urbanen Räumen

    Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen als kältere Luft. Deshalb sind bei weitgehend gleichbleibender relativer Luftfeuchte grundsätzlich auch mehr Niederschläge zu erwarten. Niederschläge werden jedoch nicht überall im gleichen Maß zunehmen. In manchen Gebieten könnte es durchaus auch trockener werden.

    Für die Entwicklung der Häufigkeit und Intensität von Stürmen lässt sich derzeit für Deutschland noch kein klarer Trend erkennen. Allerdings zeigen inzwischen wissenschaftliche Studien, dass die Heftigkeit der stärksten Stürme und damit auch das Ausmaß von sturmbedingten Schäden zunehmen wird. Vor allem die Winterstürme fallen besonders stark aus.

    Trockene Böden, sinkendes Grundwasser

    Deutschland ist ein wasserreiches Land: Einschränkungen sind selten. Gleichwohl, heißt es in dem Bericht, kann es vor allem bei längeren und häufiger auftretenden Trockenheitsphasen zu Problemen kommen. Betroffen sind vor allem die zentralen Teile Ostdeutschlands, das nordostdeutsche Tiefland und das südostdeutsche Becken, wo es vergleichsweise wenig regnet, aber aufgrund hoher Sommertemperaturen viel Wasser verdunstet.

    Messungen zeigen, dass die Grundwasserstände tendenziell sinken. Die Böden werden eher trockener – eine Belastung für die Landwirtschaft, abermals vor allem in Ostdeutschland und im Rhein-Main-Gebiet. Risiken für die Landwirte bestehen auch aufgrund der sich verändernden Vegetationsperiode. Beispielsweise ist mit einer früher eintretenden Apfelblüte ein höheres Risiko von Spätfrostschäden verbunden, die zu Ernteausfällen führen können.

    Steigender Meeresspiegel

    Die Gletscher und die Eisschilde der Pole schmelzen und liefern den Meeren große Mengen Schmelzwasser. Gleichzeitig dehnt sich bei steigenden Wassertemperaturen das Meerwasser aus. Dadurch steigt der Meeresspiegel weltweit an – auch in Nord- und Ostsee. Das wiederum erhöht tendenziell die Intensität von Sturmfluten.

    Der Anstieg des Meeresspiegels vollzieht sich regional und lokal jedoch sehr unterschiedlich. Wasserstände an den deutschen Küsten werden seit mehr als 150 Jahren regelmäßig gemessen, so dass sich konkrete Zahlen für die Veränderung nennen lassen. In der südlichen Deutschen Bucht betrug in den vergangenen 100 Jahren der mittlere Anstieg des Meeresspiegels 1,1 bis 1,9 Millimeter pro Jahr, ohne den Einfluss von Landsenkungen. Werden diese hinzugerechnet, erhöhen sich die Anstiegsraten in einigen deutschen Küstenbereichen auf 1,6 bis 2,9 Millimeter pro Jahr.

    Eine weitere Folgewirkung des ansteigenden Meeresspiegels ist die voranschreitende Küstenerosion, die vor allem sandige Brandungsküsten betrifft und damit auch viel besuchte Strände.

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