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31.10.2019

16:02

Erderwärmung

Was Chiles Absage der Klimakonferenz für die globale Klimapolitik bedeutet

Von: Silke Kersting

Umweltexperten sind besorgt über das Scheitern des Spitzentreffens in Chile. Sie fürchten einen Rückschlag für internationale Klimaschutzbemühungen.

Im Jahr 2017 fand die Weltklimakonferenz in Bonn statt, weil der Inselstaat Fidschi nicht die Kapazitäten aufbringen konnte. dpa

Weltklimakonferenz

Im Jahr 2017 fand die Weltklimakonferenz in Bonn statt, weil der Inselstaat Fidschi nicht die Kapazitäten aufbringen konnte.

Berlin Die Reisen waren organisiert, die Themen gesetzt. Die alljährlich stattfindende internationale Klimakonferenz der Vereinten Nationen – in diesem Jahr in Santiago de Chile – sollte nicht nur die Diskussion über einige kritische, bislang ungelöste Verhandlungspunkte des Pariser Klimaabkommens voranbringen. Von dem Gipfel sollte auch die Botschaft ausgehen, dass auch die Ambitionen weltweit noch einmal gesteigert werden müssten, um gegen den fortschreitenden Klimawandel vorzugehen.

Doch der chilenische Staatschef Sebastián Piñera hat die für Dezember geplante Conference of the Parties (COP) aufgrund der massiven Unruhen in dem südamerikanischen Land abgesagt. Zu groß war ihm das Risiko, dass die Klimakonferenz weitere Proteste auf sich ziehen könnte. Jetzt mehren sich jetzt die Warnungen vor einem Rückschlag in der internationalen Klimapolitik.

„Die Klimapolitik kann sich keine Unterbrechung leisten“, erklärte Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE), einem Beratungsgremium der Bundesregierung. „Wenn die Welt die Emissionsminderung schon nicht im Griff hat, muss wenigstens die Diplomatie weiter Druck ausüben“, sagte der Nachhaltigkeitsexperte dem Handelsblatt. „Gerade in Chile sollte es insbesondere um die Ozeane gehen, ein lange vernachlässigtes Thema, das endlich ernst genommen werden muss.“

Auch Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts, spricht von weiteren Zeitverlusten für die internationalen Klimaschutzbemühungen. Die COP hätte in diesem Jahr das 25. Mal stattfinden sollen. Es sind wesentliche Punkte zu klären, die schon auf der letzten Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz auf Druck Brasiliens verschoben worden seien, so Fischedick. Hierzu gehören unter anderem Anrechnungsregeln für internationale Kooperationsprojekte. Es „muss dringend vermieden werden, dass es zu einer Doppelzählung kommt und sich sowohl das Gastgeberland für die Durchführung von Klimaschutzmaßnahmen als aber auch das die Maßnahmen finanzierende Land den Minderungsbeitrag zurechnen“, sagte Fischedick auf Anfrage.

Zudem sollten in Chile die Weichen für die nächste Klimakonferenz 2020 im schottischen Glasgow gestellt werden. Dort sollte unterstrichen werden, dass die in Paris vorgegebenen Klimaforderungen Nachbesserungen benötigten.

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Nicht zuletzt seit dem Sonderbericht des Weltklimarates zu den Möglichkeiten zur Begrenzung der Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad Celsius sei bekannt, „dass die Staatengemeinschaft deutlich an Ambitionswillen nachlegen muss, um die Auswirkungen des Klimawandels begrenzen zu können“, so Fischedick weiter.

„Dieses wichtige Signal fehlt nun.“ Fischedick fordert, dass Länder und Regionen mit klaren Aussagen vorangingen und hierdurch ein Multiplikatoreffekt erzeugt werde. Dabei gehe es nicht darum, nur Ziele zu formulieren, sondern darum, „wie diese Ziele erreicht werden können“.

„Die COP ist der Auftakt für ein Jahr der Entscheidungen im internationalen Klimaschutz, sie darf nicht ausfallen“, sagt auch Michael Schäfer, Klimaexperte der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). „Sie muss die letzten Regeln für die Umsetzung für das Pariser Abkommen beschließen und vor allem müssen die Staaten endlich beginnen, ihre Klimaschutzbeiträge so zu erhöhen, dass die Pariser Klimaziele auch erreicht werden.“

Schäfer wie Fischedick hoffen nun, dass sich nach der Absage der Weltklimakonferenz in Chile schnell eine gute Ersatzlösung als Austragungsort findet. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter erwartet, dass Deutschland kurzfristig einspringt.

„Wir fordern die Bundesregierung auf, schnell ihre Bereitschaft zu zeigen, die UN-Klimakonferenz in Bonn auszurichten“, sagte Hofreiter dem Handelsblatt. „Die Bekämpfung der Klimakrise darf nicht vertagt werden.“ Ähnlich äußerte sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen erklärte, Bonn stehe als Tagungsort bereit.

Bonn ist vor allem deswegen im Gespräch, weil sich hier das Klimasekretariat der Vereinten Nationen befindet. Schon vor zwei Jahren war Bonn als Gastgeber für die alljährlich stattfindende Konferenz eingesprungen, weil der südpazifische Inselstaat Fidschi, der die Präsidentschaft innehatte, nicht die Kapazitäten für solch eine große Veranstaltung hätte aufbringen können. Allerdings hatte es 2017 einen langen zeitlichen Vorlauf gegeben. Damals war die Bonner Rheinaue mit Zelten und temporären Aufbauten gepflastert worden, um genügend Verhandlungsraum zur Verfügung zu stellen.

Dass Bonn die Organisation einer solchen Großveranstaltung mit mehren Tausend Teilnehmern innerhalb von vier Wochen stemmen kann, dürfte unrealistisch sein. Die zweiwöchige Konferenz sollte bereits am 2. Dezember beginnen.

WWF-Klimaexperte Schäfer erklärte, es sei gut, wenn sich europäische Länder anböten, besser wäre es jedoch, „wenn wir ein lateinamerikanisches Land unterstützen würden, schnell einzuspringen, andernfalls würde die COP viermal in Folge in Europa stattfinden.“

Die Entwicklungsorganisation Germanwatch rechnet damit, dass der Klimagipfel entweder in der Region oder in Bonn „zeitnah“ durchgeführt werde und die Agenda nicht wegfalle, sondern nur verschoben werde. Nur eine deutliche Kürzung der Agenda wäre problematisch. Es sei für das notwendige Zusammenspiel von sozialen und ökologischen Fragen geradezu symbolisch, dass sich die Unruhen in Chile an einer Verteuerung des öffentlichen Nahverkehrs und taktlosen Ratschlägen der Regierung an Pendler entzündet habe, die Verkehrsmittel vor den Stoßzeiten zu nutzen. Fortschritte in nachhaltige Entwicklung halten Umwelt- und Klimaexperten für dringend erforderlich.

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