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06.09.2022

15:38

Fachkräftegipfel

Ausbildung, Qualifizierung, Einwanderung: Mit diesen Strategien will die Ampel dem Fachkräftemangel begegnen

Von: Frank Specht

Die Bundesregierung lädt die Sozialpartner am Mittwoch zum Fachkräftegipfel. Arbeitgeber und Gewerkschaften setzen im Kampf gegen den Personalmangel unterschiedliche Schwerpunkte.

Arbeitgeber und Gewerkschaften sind sich einig, dass die Berufsorientierung von Jugendlichen gestärkt werden muss. imago images/Rupert Oberhäuser

Ausbildung in einem Metallberuf

Arbeitgeber und Gewerkschaften sind sich einig, dass die Berufsorientierung von Jugendlichen gestärkt werden muss.

Berlin Die Bundesregierung will dem Fachkräftemangel mit einer Ausbildungsgarantie, mehr Weiterbildung, einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, flexiblen Übergängen in die Rente und zusätzlicher Einwanderung begegnen. Ausreichend qualifiziertes Personal sei „entscheidend für die Innovations- und Leistungsfähigkeit auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft“, heißt es im rund 40 Seiten starken Entwurf für die neue Fachkräftestrategie der Bundesregierung, der dem Handelsblatt vorliegt. Er soll am Mittwoch beim Fachkräftegipfel mit den Sozialpartnern diskutiert werden.

Während es in einigen Branchen und Regionen Deutschlands zum Abbau von Arbeitsplätzen komme, würden andernorts dringend Fachkräfte gesucht, teilweise mit gänzlich neuen Qualifikationen, so das Papier. Außerdem werde das Arbeitskräfteangebot aufgrund der Alterung der Gesellschaft zurückgehen.

In 148 Berufsgattungen gab es im vergangenen Jahr laut Bundesagentur für Arbeit (BA) Personalengpässe, besonders betroffen sind das Handwerk, die Bauwirtschaft, Gesundheits- und Erziehungsberufe sowie die IT-Branche, aber auch Verkäufer und Berufskraftfahrer werden gesucht. Sowohl für dieses als auch für das kommende Jahr seien zunehmende Schwierigkeiten bei der Personalsuche zu erwarten, heißt es in dem Entwurf weiter. Bis zum Jahr 2026 werden nach Einschätzung der Bundesregierung 240.000 Arbeitsplätze mehr zu besetzen sein, als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

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Vor allem in den Ausbildungsberufen werden in den kommenden fünf Jahren deutlich mehr Personen in Rente gehen, als Ausgebildete neu ins Berufsleben eintreten. Allein im Handwerk suchten 125.000 Betriebe in den nächsten fünf Jahren eine Nachfolge, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer dem Handelsblatt. Es sei gut, dass sich die Regierung des Themas annehme, so Wollseifer, auch wenn er eine mittel- und langfristige Strategie vermisse. „Was mir vor allem fehlt, ist ein deutliches Plädoyer für die Förderung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.“

SPD, Grüne und FDP hatten im Koalitionsvertrag eine Ausbildungsgarantie vereinbart, damit alle Jugendlichen, die sich für die duale Ausbildung entscheiden, auch einen Platz bekommen. Die konkrete Ausgestaltung ist allerdings noch unklar.

Rechtzeitig zum Fachkräftegipfel hat deshalb der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) am Dienstag ein eigenes Konzept für eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie beschlossen, das ebenfalls dem Handelsblatt vorliegt. Nur zwei Dritteln aller ausbildungsinteressierten Jugendlichen gelinge der Übergang in eine reguläre Ausbildung, der Rest lande in Warteschleifen, kritisiert der DGB. Gut 2,3 Millionen der 20- bis 34-Jährigen hätten keinen Berufsabschluss, die Zahl steige seit Jahren kontinuierlich. Gleichzeitig zögen sich immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurück.

Der DGB schlägt deshalb einen Zukunftsfonds vor, mit dem ausbildende Betriebe unterstützt und außerbetriebliche Bildungs- und Unterstützungsangebote finanziert werden können. Einzahlen sollen alle Unternehmen mit mindestens fünf Beschäftigten. Außerdem fordern die Gewerkschaften unter anderem eine stärkere Berufsorientierung an den Schulen und die Förderung der Mobilität der Auszubildenden durch kostenlose Azubi-Tickets.
Es sei gut, dass die Ampel sich auf eine Ausbildungsgarantie festgelegt habe, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack dem Handelsblatt. Der Plan dürfe aber nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Nur eine Umlagefinanzierung schaffe wirksame Anreize, damit Unternehmen mehr Ausbildungsplätze bereitstellten, sagte Hannack. „Die Ausbildungsgarantie darf nicht zu einer Alibi-Garantie werden, die ausbildungsinteressierte junge Menschen im Regen stehen lässt.“

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Neben der Stärkung der Ausbildung will die Bundesregierung das lebensbegleitende Lernen fördern, mehr Frauen aus Teilzeit- in Vollzeitjobs holen und für eine Verbesserung der Arbeitsqualität sorgen, sodass Beschäftigte gesund und motiviert ihrer Arbeit nachgehen können. Fünftes Handlungsfeld der Fachkräftestrategie ist die Einwanderung. Hier wollen Innenministerin Nancy Faeser und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) im Herbst einen Gesetzentwurf zur Vereinfachung des Einwanderungsrechts vorlegen.
Aus Sicht der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) greift die Bundesregierung allerdings zu kurz. „Die Politik setzt bei der Fachkräftesicherung auf vermeintlich konfliktarme Themen“, sagte Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter dem Handelsblatt. Damit werde sie der Größe der Aufgabe nicht gerecht. „So richtig eine vereinfachte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt ist, genauso viel Elan wünschen wir uns bei der Lebensarbeitszeit“, sagte Kampeter. Die Arbeitgeber werben schon lange dafür, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln.

Die BDA hat für den Gipfel ein eigenes Zehn-Punkte-Papier mit Vorschlägen zur Fachkräftesicherung erstellt. Gefordert werden unter anderem eine verbesserte Berufsorientierung, eine stärkere Digitalisierung und Automatisierung, ein moderner Arbeitszeitrahmen und bessere Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.

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