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04.09.2022

12:41

Fachkräftemangel

Ausländische Fachkräfte warten monatelang auf Anerkennung ihrer Abschlüsse

Von: Barbara Gillmann, Frank Specht

Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse dauert häufig noch immer viel zu lange – was den Fachkräftemangel verstärkt. Die Ampel verspricht Abhilfe. 

Noch immer ist es schwer für ausländische Arbeitnehmer, ihre Abschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen. dpa

Fachkräftemangel in Deutschland

Noch immer ist es schwer für ausländische Arbeitnehmer, ihre Abschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen.

Berlin Deutschland macht Fortschritte dabei, ausländische Berufsabschlüsse schneller anzuerkennen – vielfach dauert es aber noch immer viel zu lange. Das zeigt eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), die dem Handelsblatt vorliegt.

Nach den BIBB-Daten gab es bei den dualen Ausbildungsberufen 2020 bei nur 59 Prozent der gestellten Anträge innerhalb der gesetzlichen Frist von maximal drei Monaten einen Bescheid. Immerhin: 17 Prozentpunkte mehr als 2017. 

Keine Besserung zeigte sich bei der Anerkennung in den vom Staat reglementierten Berufen wie etwa Ärzte oder Pfleger bei Antragstellern aus dem Nicht-EU-Ausland. Hier beträgt die Frist vier Monate. Die Quote der fristgerechten Bescheide stagniert aber bei knapp 75 Prozent. 

Um den Prozess der Anerkennungen und vor allem die Ausgleichsmaßnahmen, die noch vorhandene Wissenslücken schließen sollen, zu beschleunigen, fordert BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser „ausreichende und flächendeckende Qualifizierungsangebote, um die dringend benötigten Fachkräfte schneller in den Arbeitsmarkt integrieren zu können“. Dafür müssten sich die Bearbeiter auch besser über die Erfahrungen austauschen.

Dabei geht es vor allem um die Bewertung ausländischer Ausbildungen, die in jedem Land anders sind. Generell bräuchten die Behörden mehr Personal für die Anerkennung. Auch kritisiert Esser mangelnde Transparenz bei den Antragsvoraussetzungen – und fordert bundesweit einheitliche, klare Regeln.

37.000 Anträge im Jahr 2020 entschieden

Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse ist wichtig, um neue Fachkräfte für Deutschland gewinnen zu können. Insgesamt wurden 2020 knapp 37.000 Anträge entschieden. Und es werden Jahr für Jahr mehr – seit 2012 waren es insgesamt 205.000 Anträge. 

In etwas mehr als der Hälfte der Fälle wird die Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse in Deutschland anerkannt: 2020 galt das für 54 Prozent. Neun von 100 Antragstellern und Antragstellerinnen wurde zumindest eine „teilweise Gleichwertigkeit“ bescheinigt. Lediglich 2,6 Prozent der Bescheide waren negativ. 

Dazu kommt, dass in gut einem Drittel aller Fälle eine Ausgleichsmaßnahme verlangt wird. Das kann ein Kurs sein oder auch betreutes Arbeiten. Diese Anpassung dauert im Durchschnitt 15 Monate, in vielen Fällen auch deutlich länger – vor allem weil es nicht genügend Angebote gibt. 

Nancy Faeser und Hubertus Heil wollen Einwanderung erleichtern

Die 2012 eingeführte Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gilt – neben der Visavergabe – als ein zentrales Nadelöhr für die Fachkräfteeinwanderung. Die Bundesregierung will deshalb das Einwanderungsrecht weiter vereinfachen. Erste Überlegungen dazu hatten Innenministerin Nancy Faeser und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) im Juli in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt skizziert.

Die beiden Minister schrieben: „Zu schleppend, zu bürokratisch, zu abweisend ist unser Einwanderungssystem bis heute.“ Sie wollen deshalb ausländischen Fachkräften mit Jobangebot die Möglichkeit geben, nach Deutschland zu kommen und zu arbeiten und das Anerkennungsverfahren für den Berufsabschluss dann mit Unterstützung des Arbeitgebers nachzuholen.

Wie das funktionieren soll, beschrieben die Minister in ihrem Beitrag am Beispiel einer fiktiven jordanischen Bauzeichnerin mit mehrjähriger Berufserfahrung, die sich nach einem digitalen Vorstellungsgespräch erfolgreich um eine Stelle bei einem deutschen Bauunternehmen beworben hat.

Die Firma sagt der Bauzeichnerin zu, sie zu beschäftigten und die Kosten für das Anerkennungsverfahren zu übernehmen. Im Unterschied zum geltenden Recht reichen dann für die Einreise der Nachweis eines Abschlusses und Berufserfahrung aus.

In bestimmten Fällen wird im geltenden Recht ganz auf den Nachweis eines formalen Abschlusses verzichtet. So ermöglicht die sogenannte Westbalkanregelung Bürgern aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, der Republik Nordmazedonien, aus Montenegro und Serbien unabhängig von ihrer Qualifikation zum Arbeiten nach Deutschland zu kommen, wenn sie einen Arbeitsvertrag haben. Auch IT-Fachkräfte mit Jobangebot müssen nur Berufserfahrung nachweisen, auf den Nachweis einer formalen Qualifikation wird verzichtet.

Einwanderung gilt als ein zentrales Instrument gegen den sich verschärfenden Arbeitskräftemangel. Arbeitsminister Heil hatte zu Wochenbeginn das neue Fachkräftemonitoring vorgestellt, welches die Forschungsinstitute BIBB, IAB und GWS im Auftrag seines Ressorts erstellt haben.

Demnach summiert sich die Fachkräftelücke in der Mittelfristprognose bis 2026 auf 240.000 Personen. Sie ist damit aber weniger als halb so groß wie noch vor einem Jahr projiziert. Das liegt zum einen daran, dass ukrainische Geflüchtete voraussichtlich einen Teil des Fachkräftebedarfs decken werden, zum anderen daran, dass die Prognose für das Wirtschaftswachstum – und damit auch für den Arbeitskräftebedarf – deutlich geringer ausfällt als noch vor Jahresfrist.

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