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28.01.2022

16:04

Fachkräftemangel

Ausländische Studenten – das ungenutzte Potenzial für Deutschlands Arbeitsmarkt

Von: Barbara Gillmann

Die Zahl ausländischer Studenten liegt auf einem Rekordhoch. Nach dem Abschluss könnten sie hierzulande den Fachkräftemangel lindern – doch zu wenige bleiben hier.

Ausländische Studenten: Das ungenutzte Potenzial dpa

International Day an der Europa-Universität Viadrina

Experten fordern mehr Veranstaltungen für ausländische Studierende, um sie an Deutschland zu binden.

Berlin Es ist der Königsweg der Zuwanderung: Ausländer, die in Deutschland studieren, gelten als ideales Reservoir, um sie als Fachkräfte zu gewinnen. Schließlich kennen sie Sprache, Land und Leute schon, heißt es unisono bei Wirtschaftsverbänden wie dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), den Arbeitgebern und dem Stifterverband. Doch von den vielen, die hier studieren, bleiben viel zu wenige. 

Dabei ist das Potenzial enorm. Aktuell sind an deutschen Hochschulen nach einem coronabedingten Einbruch wieder rund 330.000 Ausländer eingeschrieben. Damit hat sich ihre Zahl seit der Jahrtausendwende verdreifacht. 

Nach aktuellen Befragungen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wollen knapp 90 Prozent der Studierenden aus dem Ausland ihren Abschluss in Deutschland machen.

Von den masterstudierenden geben gut drei Viertel an, sie würden auch gern für Promotion oder Arbeit in Deutschland bleiben. Doch lediglich gut ein Viertel von ihnen schafft zeitnah den Sprung auf den deutschen Arbeitsmarkt.

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    Laut DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee könne eine bessere Integration ausländischer Studenten diese Zahl deutlich erhöhen. So ließen sich „jährlich sicher statt gut 70.000 Studierenden aus dem Ausland mehr als 100.000, vielleicht auch 110.000 dafür gewinnen, sich hier eine Arbeit zu suchen“, sagt er.

    Der Stifterverband drängt darauf, das Potenzial der ausländischen Jungakademiker besser zu nutzen: „Wir müssen bei ihnen viel offensiver für unseren Arbeitsmarkt werben“, sagt dessen neuer Generalsekretär Volker Meyer-Guckel.

    Die Chancen stehen gut: Einer Studie des Stifterverbandes aus dem Jahr 2019 zufolge wollen sieben von zehn Studierenden in Deutschland bleiben. Allerdings gelingt es nur 40 Prozent, einen Job zu finden.

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    Der Vizehauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks, sieht ein Problem darin, dass vielen internationalen Hochschulabsolventen berufliche Netzwerke sowie ausreichende Arbeitsmarktkenntnisse fehlten, um reibungslos im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Daher sollten gerade sie betriebliche Praktika bereits während des Studiums intensiver nutzen. Die Hochschulen sollten sie dabei besser unterstützen.

    Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sieht es ebenfalls als Ziel, den Studierenden aus dem Ausland den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern. Dazu müssten die existierenden Unterstützungsangebote für den Berufseinstieg „die spezifischen Herausforderungen ausländischer Studierender mitdenken und den Kontakt zu Unternehmen zum Beispiel durch Karrieremessen und andere Netzwerkveranstaltung erleichtern“.  

    Viele Absolventen in MINT-Fächern

    Ausländer sind auch deshalb interessant, weil sie in Deutschland knappe Qualifikationen mitbringen, wie Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bestätigt. In den Studiengängen Mathematik und Naturwissenschaften stammten elf Prozent der Absolventinnen und Absolventen aus dem Ausland, bei den Ingenieurwissenschaften und in der Informatik seien es sogar 15 Prozent.

    Engpässe vor allem in den sogenannten MINT-Berufen zeigt der aktuelle Fachkräftereport des DIHK. Demnach kann jedes zweite Unternehmen offene Stellen in diesem Bereich nicht besetzen, jedes dritte davon sucht vergeblich nach Hochschulabsolventen.

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    Ein Hoffnungsdämpfer sind jedoch die deutlich höheren Abbrecherquoten unter ausländischen Studenten: Im Bachelor gaben nach den DAAD-Zahlen 2019 rund 40 Prozent und im Master gut 20 Prozent auf. Unter den deutschen Studierenden waren es dagegen 27 beziehungsweise 17 Prozent. 

    Als Grund für den Abbruch geben die jungen Befragten nach einer DAAD-Erhebung Sprachschwierigkeiten, Finanzprobleme und teilweise das Gefühl der Isolation an. Absolventen täten sich schwer, weil sie oft den für sie relevanten Arbeitsmarkt gar nicht kennen, sagt der Präsident des Austauschdienstes Mukherjee „Und selbst fachlich topausgebildete Absolventinnen und Absolventen scheitern dann oft in Bewerbungsgesprächen, weil sie noch Sprachfehler machen oder schlicht nicht wissen, was bei einem Bewerbungsgespräch kulturell üblich ist.“

    Mehr Engagement von der Wirtschaft gefordert

    Stifterverbandschef Meyer-Guckel sieht die Wirtschaft in der Pflicht: „Wir brauchen eine viel bessere Betreuung, vor allem auch durch die Industrie.“ Auch IW-Experte Plünnecke mahnt die deutschen Unternehmen an, „mehr Praktikumsplätze bereitzustellen“. Generell müssten alle Beteiligten in- und außerhalb der Hochschulen Veranstaltungen organisieren, bei denen ausländische Studenten Freunde finden und die Sprache besser lernen können. 

    Laut DAAD-Präsident Mukherjee fehlt den Hochschulen dafür aber oft das nötige Personal. Dabei gehe es um vergleichsweise wenig Geld.

    In angloamerikanischen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Australien „sind ausländische Studierende interessant, weil sie den Hochschulen Geld bringen“, sagt Mukherjee. Das resultiere in einer intensiven Betreuung. Für deutsche Hochschulen seien die Studenten aus anderen Ländern hingegen keine Einnahmequellen. Zudem honorierten die Bundesländer den besonderen Betreuungsaufwand nicht auskömmlich. Besonders bemerkbar mache sich das in technischen oder naturwissenschaftlichen Fächern, zum Beispiel mit Blick auf fehlende Laborplätze.

    Dabei habe Deutschland im weltweiten Wettbewerb um kluge Köpfe mittlerweile einen guten Ruf, sagt Mukherjee. „Deutschland gilt heute als extrem weltoffenes, liberales, Schutz gewährendes Land, trotz AfD und Rechtsradikalismus„, berichtet er. Berlin sei beispielsweise bei israelischen Studierenden sehr beliebt.

    Auch das Einwanderungsrecht sei zumindest für hier ausgebildete Akademiker heute „sehr generös“, sagt der Präsident des Austauschdiensts. Nach dem Abschluss haben sie 18 Monate Zeit, eine Stelle zu suchen, und erhalten im Anschluss schnell eine Niederlassungserlaubnis.

    Vorteil durch die Fehler anderer

    Deutschland habe zudem durch Fehler anderer Länder einen relativen Vorteil, sagt Mukherjee. So habe es in den USA unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump Forschungs- und ausländerfeindliche Tendenzen gegeben, Großbritannien habe sich nach dem Brexit isoliert.

    Aktuell kommen die meisten ausländischen Studierenden in Deutschland aus China. Darauf folgen Indien, Syrien, Österreich, Russland und die Türkei. 

    IW-Forscher Plünnecke zufolge sind Studierende aus einwohnerreichen Ländern außerhalb der EU wie China „aus strategischer Sicht für die Fachkräftesicherung besonders wichtig, da die EU-Länder selbst vor großen demografischen Herausforderungen stehen“. Dazu komme der Multiplikationseffekt: Junge Akademikerinnen und Akademiker ziehen oft andere aus der Heimat nach und erleichterten damit eine weitere qualifizierte Zuwanderung. 

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    Großes Potenzial sieht DAAD-Experte Mukherjee vor allem bei Indern und Inderinnen, von denen sehr viele bleiben wollten. Ihre Zahl habe sich seit 2014 verdreifacht. Allerdings seien es noch immer nur 25.000, „angesichts der Größe des Subkontinents ein Witz“.

    Für chinesische Absolventen hingegen sei Deutschland längst nicht mehr durchgängig attraktiv, beklagt Mukherjee. Die allermeisten wollten nach dem Abschluss zurück in ihr Heimatland.

    Große Potenziale in Indien, Afrika und Australien

    Gute Chancen, mehr Studenten – und damit mehr potenzielle Fachkräfte – anzuziehen sieht der DAAD-Präsident hingegen im südlichen Afrika und Lateinamerika. Hier sei allerdings wichtig, „keinen Braindrain“ zu fördern, mahnt er. Daneben sei das Potenzial in Australien noch lange nicht ausgeschöpft.

    Immer mehr Hochschulen bieten heute englische Studiengänge an, um Ausländer anzulocken. Einzelne Einrichtungen wie die TU München oder die neue TU Nürnberg konzipieren sogar das komplette Masterstudium auf Englisch.

    Mukherjee hält die wachsende Zahl englischer Studiengänge für ein „zweischneidiges Schwert“. Natürlich erleichtere das vielen Ausländern das Lernen, aber nicht unbedingt den Sprung ins hiesige Arbeitsleben. „Von unseren eigenen Stipendiaten fordern wir auf jeden Fall den Besuch eines Deutschkurses.“ 

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