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06.07.2022

06:13

Fachkräftemangel

Ende des „Akademisierungswahns“: Der Trend zum Studium kommt zum Stillstand

Von: Barbara Gillmann

Die Quote der Studienanfänger stagniert – und stabilisiert sich bei 45 Prozent eines Jahrgangs. Dem Ausbildungsmarkt hilft das jedoch nur bedingt. 

In absoluten Zahlen ist die Gruppe der Studienanfänger aus Deutschland demografiebedingt vom Allzeithoch 450.000 vor zehn Jahren sogar auf rund 400.000 gesunken.  imago images/Ralph Lueger

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In absoluten Zahlen ist die Gruppe der Studienanfänger aus Deutschland demografiebedingt vom Allzeithoch 450.000 vor zehn Jahren sogar auf rund 400.000 gesunken. 

Berlin Der Trend zum Studium „ist vorerst zum Stillstand gekommen“, heißt es im Nationalen Bildungsbericht 2022.  Die inländische Studienanfängerquote hat sich bei 45 Prozent stabilisiert. Das entspricht in etwa dem OECD-Durchschnitt (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).

Axel Plünnecke, Bildungsexperte am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), sagt, die Akademisierung der vergangenen beiden Jahrzehnte sei nötig gewesen. Diese „war auch eine Reaktion hoher Engpässe an Akademikern Anfang der 2000er-Jahre“, meint der Bildungsexperte. Noch im Jahr 2005 begann nicht einmal ein Drittel eines Schuljahrgangs ein Studium. 

Der Mangel habe sich nun gleichmäßiger verteilt, sagt Plünnecke: „Inzwischen gibt es Engpässe sowohl in einigen akademischen Berufen wie MINT – also in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – und Medizin als auch in zahlreichen Ausbildungsberufen.“ 

Auch die Bundesbildungsministerin will nichts von einer Konkurrenz zwischen Facharbeitern hier und Akademikern dort wissen: „Wir brauchen in Deutschland generell dringend mehr kluge Köpfe und fleißige Hände, die mit Kompetenz und Kreativität die Herausforderungen unserer Zeit anpacken“, sagt Bettina Stark-Watzinger (FDP).

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    Die Bildungsministerin ergänzt: „Der Bildungsweg ist eine persönliche Entscheidung. Wir wissen aber schon heute, dass Fachkräfte in nahezu allen Bereichen in hoher Zahl fehlen werden.“ Das sei schlecht für Innovation und Wachstum. Stark-Watzinger will daher die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung weiter vorantreiben und die Durchlässigkeit und Verzahnung zwischen beiden Bereichen fördern. 

    Warnung vor „Vernachlässigung der beruflichen Bildung“

    Noch vor wenigen Jahren tobte eine Debatte über den Andrang an die Hochschulen. Ab 2005 stieg die Anfängerquote von 31 auf fast 50 Prozent. Vor allem die OECD hatte wiederholt den zu niedrigen Akademisierungsgrad in Deutschland kritisiert. Dazu kam, dass es viel zu wenige Ausbildungsplätze für die damalige „Lehrlingsschwemme“ gab. 

    2020 ist die Zahl der Interessenten für eine Berufsausbildung erstmals unter 900.000 gefallen – 2005 waren es noch 1,15 Millionen. imago images/Future Image

    Handwerk

    2020 ist die Zahl der Interessenten für eine Berufsausbildung erstmals unter 900.000 gefallen – 2005 waren es noch 1,15 Millionen.

    Die Kritiker, vor allem aus dem Handwerk und dem Mittelstand, versammelten sich hinter dem Schlachtruf des Philosophie-Professors an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Julian Nida-Rümelin, vom „Akademisierungswahn“, der zugleich vor der „Vernachlässigung der beruflichen Bildung“ warnte.

    Kai Maaz, Hauptautor des Bildungsberichts, sagt, dass seit dem Höchststand 2012 nun jedoch „offenbar eine Sättigung“ erreicht sei. Auch für die nächsten Jahre sei kein weiterer Anstieg zu erwarten. In absoluten Zahlen ist die Gruppe der Studienanfänger aus Deutschland demografiebedingt vom Allzeithoch 450.000 vor zehn Jahren sogar auf rund 400.000 gesunken. 

    Auch gebe es nach wie vor „keine Anzeichen von „Überakademisierung“, sagt Maaz, der das Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) leitet. Denn Akademiker seien noch immer deutlich besser bezahlt und seltener arbeitslos als Nichtakademiker. 

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    Dem Bericht zufolge arbeiteten zuletzt nur zehn Prozent der Masterabsolventen und 20 Prozent der Bachelorabsolventen zwischen 25 und 35 Jahren auf einem Qualifikationsniveau, das nicht ihrer akademischen Ausbildung entspricht. Ähnliche Quoten habe es jedoch auch früher zu Zeiten des Diploms gegeben, sagt IW-Experte Plünnecke. 

    Gerade Absolventen arbeitsmarktferner Studiengänge benötigen länger, bis sie eine Stelle mit gewünschtem Inhalt und Niveau finden. Um die Quote zu senken sei mehr Berufs- und Studienorientierung nötig – etwa um auf die guten Chancen in den Mangelfächern im Mint-Bereich hinzuweisen.  

    Nur noch vier von fünf Abiturienten studieren 

    Auch der Ansturm auf das Abitur hat sich beruhigt: Zwar macht heute ungefähr jeder zweite Abitur – doch der Wechsel auf eine Hochschule ist längst nicht mehr selbstverständlich. Zuletzt entscheiden sich nur noch vier Fünftel  für ein Studium. Noch 2012 waren es 90 Prozent. Zu einer Entspannung bei der dualen Ausbildung hat der gestoppte Akademisierungstrend gleichwohl nicht geführt – der Mangel ist schlicht zu groß.

    2020 ist die Zahl der Interessenten für eine Berufsausbildung erstmals unter 900.000 gefallen – 2005 waren es noch 1,15 Millionen. Dazu gehören Azubis, Anfänger eine schulischen Ausbildung und die, die zunächst im Übergangssystem landen. Allein die Gruppe der Neu-Azubis ist seit 2007 um ein Viertel  eingebrochen. Nach einer IW-Studie blieben zuletzt fast 40 Prozent aller Lehrstellen unbesetzt. Statt mit dem Studium konkurrieren die Betriebe heute mit dem Boom im Gesundheits- und Erziehungswesen, die immer mehr junge Leute anziehen. 

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    Unterm Strich jedoch würde „eine Änderung der Akademikerquote in Richtung mehr oder weniger Akademiker auf Kosten oder zugunsten der beruflichen Bildung auch nicht weiterhelfen“, sagt Plünnecke, „denn beide werden aufgrund von Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung zusätzlich gebraucht“.

    Entscheidend sei daher „mehr Zuwanderer – zum Beispiel über ein Studium – für Deutschland zu gewinnen“. Die Zahl der internationalen Studierenden hat sich seit der Jahrtausendwende verdreifacht.

    Nach einem corona-bedingten Einbruch sind aktuell wieder rund 330.000 Ausländer eingeschrieben. Doch nur ein Viertel wechselt danach auf den deutschen Arbeitsmarkt. Daneben müsse Deutschland mit gezielten Fördermaßnahmen dringend „die Bildungsarmut reduzieren, die tendenziell eher steigen dürfte“, mahnt Plünnecke.

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