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08.06.2022

06:23

Fachkräftemangel

Firmen nehmen gern auch „halbe Fachkräfte“

Von: Barbara Gillmann

Eine Auswertung von 860.000 Stellenanzeigen zeigt: Viele Unternehmen suchen nicht länger den Allround-Profi, sondern auch Fachkräfte mit Teilqualifikationen.

Die Bauwirtschaft ist dringend auf der Suche nach Arbeitskräften. dpa

Großbaustelle

Die Bauwirtschaft ist dringend auf der Suche nach Arbeitskräften.

Berlin In Deutschland gilt in der Berufsausbildung: Ganz oder gar nicht. Eine abgeschlossene Lehre wird als Königsweg in den Arbeitsmarkt angesehen. Eine neue Studie zeigt nun, dass sehr viele Firmen sich bei der Suche nach Fachkräften auch mit einem Teil der Qualifikationen zufriedengeben, die normalerweise zu einem Berufsbild gehören. 

Eine Auswertung von 860.000 Online-Stellenanzeigen der Bauwirtschaft und der Gastronomiebranche im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergab: In mehr als zwei Dritteln der Jobanzeigen sind zwar mehrere Teilqualifikationen gefragt – aber kein volles Berufsprofil. Andersherum erwarteten Betriebe bei „Hilfskräften“ mehr Kompetenzen als der Begriff „ungelernt“ vermuten lasse. Die große Masse der Anzeigen wurde mithilfe eines Algorithmus automatisch ausgewertet. Die Studie liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. 

„Die Studie zeigt, dass auf dem Arbeitsmarkt die traditionelle Zweiteilung in ausgelernte Fachkräfte und ungelernte Hilfskräfte keine Gültigkeit mehr hat“, sagte Martin Noack, Weiterbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung dem Handelsblatt.

Die Arbeitsteilung in der Wirtschaft und die Spezialisierung der Betriebe hätten dazu geführt, dass immer häufiger Kompetenzprofile zwischen „voll ausgebildet“ und „ungelernt“ gefragt seien. „Wir brauchen daher einen flexiblen Weg, damit Menschen ihre on-the-job erworbenen Kompetenzen nachweisen können.“

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    Die Daten zeigen, dass die Offenheit der Wirtschaft für Ungelernte offenbar tatsächlich ernst zu nehmen ist: Schon 2020 hatten in einer repräsentativen Bertelsmann-Umfrage vier von fünf Unternehmen angegeben, sie seien bereit, Menschen einzustellen, die zwar über keinen Abschluss verfügen, aber Kompetenzen in ein oder mehreren Teilqualifikationen nachweisen können. 

    Angesichts des Fachkräftemangels und der zusätzlichen Umstrukturierung des Arbeitsmarktes könnten die Ergebnisse der Befragung neuen Schwung in der Debatte um die defizitäre berufliche Weiterbildung in Deutschland bringen – und den Streit um Teilqualifikationen neu beleben.

    Neustart in der Weiterbildung nötig

    Allein das Potenzial der Ungelernten ist enorm: Seit 2014 ist die Zahl der Menschen ohne Berufsabschluss zwischen 20 und 34 Jahren von 280.000 auf 2,16 Millionen gestiegen. 

    Experten, wie etwa vom Handelsblatt Research Institute oder dem Institut der deutschen Wirtschaft mahnen schon lange einen Neustart in der Weiterbildung an. Die Ampel hat „neuen Schub“ für die Weiterbildung versprochen, bisher ist aber nichts Konkretes in Sicht. Dänemark dagegen verfügt über ein landesweites modulares Weiterbildungssystem.

    Arbeitgeber hatten in den vergangenen Jahrzehnten auch immer wieder versucht, die Berufsausbildung in Module aufzuspalten. Es blieb jedoch meist bei Modellprojekten, nur in Bayern und Baden-Württemberg ist die Bewegung schon etwas weiter. 

    Auch die Bundesagentur für Arbeit hat inzwischen Teilqualifikationen definiert und fördert den Erwerb durch Unqualifizierte. Vor allem die Gewerkschaften hingegen lehnten aus Angst vor neuen Billiglohngruppen eine breite Abkehr von der ganzheitlichen Ausbildung ab. 

    Nun jedoch zeigt die Auswertung des Instituts für Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin für die Bertelsmann Stiftung, dass Arbeitgeber offenbar gern bereit sind, auch solche Fachkräfte zu engagieren, die nicht in allen Teildisziplinen ihres Berufs fit sind. 

    Mehr Handelsblatt-Artikel zum Fachkräftemangel in Deutschland

    So fragten etwa Betriebe auf der Suche nach Fachkräften im Straßen- und Asphaltbau in vier von fünf Fällen nicht nach einer vollständigen Ausbildung, sondern geben sich im Schnitt mit knapp vier von sechs Teilqualifikationen in diesen Berufen zufrieden. Besonders gefragt waren vor allem Leute, die Straßen instand setzen können. 

    Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch für die Gastronomie. Hier fragten Unternehmen auf der Suche nach Küchenfachkräften in drei Vierteln der Fälle nicht nach einem vollständig ausgebildeten Mitarbeiter, sondern waren mit Teilqualifikationen zufrieden.

    So wurden vor allem Kräfte für den Service drei- bis viermal häufiger gesucht als solche für die Küche oder das Housekeeping. Das vollständige Kompetenzprofil einer „Fachkraft im Gastgewerbe“ verlangte dagegen nur ein Viertel der suchenden Firmen. Bei Hilfskräften hingegen werden oft substanzielle Kompetenzen nachgefragt: Im Schnitt werden auch hier anderthalb Teilqualifikationen gesucht. 

    Die automatisierte Auswertung der Stellenanzeigen könnte künftig auch den Jobcentern und sonstigen Beratern das Leben erleichtern, erwarten die Experten. Denn erstmals sei es so möglich, den Bedarf der Betriebe bis in die Teilqualifikationen hinein möglichst genau abzuschätzen – und zwar qualitativ wie quantitativ.

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