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29.11.2022

10:41

Fachkräftemangel IT

Warum es ausgerechnet in der IT viel zu wenig Ausbildungsplätze gibt

Von: Barbara Gillmann

Landauf, landab suchen Betriebe verzweifelt nach Azubis – doch in IT-Berufen gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Die Gründe sind vielfältig.

In IT-Berufen sind Fachkräfte knapp – aber ebenso die Ausbildungsplätze. imago/photothek

Ausbildung in der IT-Branche

In IT-Berufen sind Fachkräfte knapp – aber ebenso die Ausbildungsplätze.

Berlin Deutschlands Betriebe brauchen dringend mehr Azubis, noch nie waren sie so knapp. Doch ausgerechnet in den IT-Berufen, wo Fachkräfte besonders rar sind, gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze.  Besonders auffällig im Beruf „Softwareentwickler“: Zum Start des Ausbildungsjahres 2022/23 gab es je 100 Lehrstellen 199 Bewerber, wie die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, erklärte. Auch in allen Lehrberufen der Informationstechnik (IT) liegt das Angebot an Ausbildungsplätzen deutlich unter der Nachfrage: Für 20.700 Bewerber gab es 18.500 Plätze.

Das steht in deutlichem Gegensatz zum Gesamttrend: Quer über alle Berufe gab es fast 70.000 unbesetzte Lehrstellen. Und es steht im Widerspruch zum Rekordmangel an IT-Kräften: Nach einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom fehlen aktuell allein in der Privatwirtschaft 137.000 IT-Fachkräfte.

Doch wie kann es sein, dass ausgerechnet in den für die Digitalisierung und die Energiewende entscheidenden IT-Berufen nicht mehr ausgebildet wird, obwohl es mehr als genug Interessenten gibt?

Trotz Fachkräftemangel gibt es noch immer zu wenig Ausbildungsplätze in der IT

Bitkom-Präsident Achim Berg hatte im Handelsblatt schon vor zwei Jahren 10.000 zusätzliche Ausbildungsplätze gefordert. „Von größeren Unternehmen – mit IT-Abteilungen ab etwa zehn Mitarbeitern – kann man durchaus erwarten, dass sie mehr ausbilden“, mahnte er kurz vor einem IT-Gipfel. Nun fordert er erneut, mehr Ausbildungsplätze anzubieten.

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Die Ausbildungsspezialistin des Verbands Bitkom, Leah Schrimpf, meint: „Der massive allgemeine Fachkräftemangel in der IT reduziert natürlich auch die Ausbildungskapazität: Wenn Spezialisten fehlen, gibt es auch weniger, die Zeit in die Ausbildung investieren können. Das kann gerade für kleinere Unternehmen schnell zu einem Teufelskreislauf werden.“

IT-Branche sollte mehr ausbilden

Zudem kämpften gerade Start-ups, für Jugendliche oft besonders begehrte Arbeitgeber, beim Aufbau des Unternehmens häufig an vielen Fronten. Die duale Ausbildung stehe da notgedrungen vielfach „nicht ganz oben auf der Agenda“. Zudem seien die erst vor Kurzem modernisierten IT-Ausbildungsberufe noch nicht überall so bekannt, wie es angesichts des Mangels wünschenswert wäre, ergänzte die Bitkom-Expertin. „Und zum Teil werden Azubis im IT-Bereich an Orten gesucht, die für Jugendliche zu weit von ihrem Wohnort entfernt sind.“

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Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Bernd Fitzenberger, lobt, dass die Zahl der IT-Ausbildungsplätze in den letzten Jahren immerhin deutlich zugenommen habe. Nach Angaben des IAB bildeten in der Branche Information und Kommunikation 2020 nur 24 Prozent der Betriebe aus; in der gesamten Wirtschaft hingegen waren es 29 Prozent. 

Insgesamt könnten also deutlich mehr Betriebe ausbilden, als es tatsächlich tun, sagt Fitzenberger. Zudem gebe es neben den Schulabgängern auch eine nennenswerte Zahl von Studienabbrechenden, die lieber eine Lehre machen wollen. Um das Potenzial zu nutzen, müssten aber vor allem kleine und mittlere Betriebe ihre Ausbildungsplatzangebote erhöhen.

Bitkom-Präsident Berg erklärt den Bewerberüberhang auch damit, dass nicht jede Bewerberin und jeder Bewerber die für eine Ausbildung in den anspruchsvollen IT-Berufen notwendigen Voraussetzungen mitbringe. Vor allem für die Softwareentwicklung suchten die Betriebe vielfach eher IT-Akademiker. 

Schulexperten fordern Pflichtfach Informatik

Allerdings verlangt selbst ein Konzern wie Volkswagen nicht zwingend Abitur für die Ausbildung zum Fachinformatiker. Gefragt ist dort lediglich „ein guter Realschulabschluss mit Schwerpunkt in Mathematik und Informatik“, heißt es auf der VW-Homepage.

IT-Schwerpunkte sind an deutschen Schulen aber rar. Nicht nur der Verband Bitkom, auch die Berater der Kultusminister dringen auf ein Pflichtfach Informatik. Es sei schließlich „kein Geheimnis, dass wir im digitalen Bereich international hinterherhinken“, sagt deren Vorsitzender Olaf Köller.

Solange IT-Lehrstellen knapp sind, wirbt der Bitkom-Präsident für andere Berufe, in denen ebenfalls zunehmend digitale Kompetenzen gebraucht würden. Denn dort gebe es bereits heute viel weniger Bewerber als Stellen, etwa in Bereichen wie Automatisierungs- oder Energietechnik, sagt Berg.

Erstpublikation: 28.11.2022

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