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17.11.2022

06:18

Fachkräftemangel

IW-Studie: Deutschland muss mehr ausländische Studierende anwerben und ihnen Perspektiven bieten

Von: Barbara Gillmann

Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland konzentrieren sich besonders häufig auf Mint-Fächer. Damit könnten sie laut einer Studie eine Fachkräftelücke verkleinern.

An deutschen Unis gibt es nach Ansicht des IW kein ausgeprägtes Stipendiensystem, das ausländische Studierende anlocken könnte. dpa

Hörsaal in Hannover

An deutschen Unis gibt es nach Ansicht des IW kein ausgeprägtes Stipendiensystem, das ausländische Studierende anlocken könnte.

Berlin Deutschland sollte gezielt Studierenden von außerhalb der EU den Weg an deutsche Hochschulen ebnen und ihnen danach den Sprung in den Arbeitsmarkt erleichtern. Das fordert das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in einer neuen Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Diese Gruppe von Studierenden sei geeignet, den Fachkräftemangel zu lindern, weil sie am Ende des Studiums im Idealfall bereits integriert sind und die deutsche Sprache beherrschen. Zudem sind unter ihnen Abschlüsse in Mint-Fächern besonders häufig, sie sind also zum Beispiel Ingenieure, Informatiker oder Naturwissenschaftlerinnen.

Noch stellt diese Gruppe der „Zuwanderer über die Hochschule“ aber lediglich drei Prozent aller Akademiker, konstatiert die Studie. Und da sie weltweit gefragt sind, müsse man diese jungen Talente aktiver als bisher anwerben, empfiehlt IW-Experte Wido Geis-Thöne.  

Er fordert dazu vor allem ein Stipendien- oder Bürgschaftsprogramm für „leistungsstarke junge Menschen aus ärmeren Familien in Drittstaaten“, die bisher de facto vom Studium in Deutschland ausgeschlossen seien. 

Zwar seien die Zuzugsmöglichkeiten generell recht liberal. Allerdings müssen Studierende aus EU-Drittländern nachweisen, dass sie über ausreichend Finanzmittel verfügen – andernfalls „können sie nicht nach Deutschland kommen“, schreibt der Zuwanderungsexperte.

Keine Stipendienkultur an deutschen Hochschulen

Einmal an einer deutschen Hochschule eingeschrieben, dürfen sie zwar einen Nebenjob annehmen – allerdings nur für maximal 120 Tage im Jahr. Das jedoch „nützt Studierenden aus ärmeren Familien in Ländern mit niedrigem Wohlstandsniveau letztlich wenig, da sie ohne ausreichendes Vermögen der Familie bereits vom Erstzuzug zum Studium ausgeschlossen sind“, kritisiert der Experte.  

Da nutze auch die Gebührenfreiheit des Studiums selbst nichts, mit der Deutschland international eine Sonderrolle einnimmt. Sie werde sogar zu einem Nachteil, denn wegen der Gebührenfreiheit habe sich hierzulande „kein starkes Stipendiensystem entwickelt, das den Lebensunterhalt der Leistungsstärksten gegebenenfalls sichern könnte“.

Aktuell verlangen nur Baden-Württemberg und Sachsen Studiengebühren von Nicht-EU-Ausländern. Im Südwesten sind es generell 1500 Euro je Semester. Sachsen stellt es den Hochschulen frei, ob und in welcher Höhe sie eine Gebühr erheben, sofern sie gleichzeitig ein Stipendienprogramm anbieten. 

Nach einem Abschluss in Deutschland sollte man diesen Zuwanderern unmittelbar eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung erteilen, empfiehlt Geis-Thöne. Denn ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt seien selbst dann hervorragend, wenn sie in einer Übergangsphase einen Job annehmen, für den sie als Akademiker überqualifiziert sind. 

Aktuell können sie einen Aufenthaltstitel für bis zu 18 Monate für die Suche nach einer Stelle erhalten, die dann aber „qualifikationsadäquat“ sein muss. Sobald sie eine solche gefunden haben, können sie dann eine Niederlassungserlaubnis beantragen. Diese kann nach zwei Jahren auch entfristet werden.

IW wirbt für Vertrauen ins deutsche Hochschulwesen

Dieser komplizierte Weg sei unnötig, „wenn man dem deutschen Hochschulsystem vertraut“, meint Geis-Thöne. Zudem könne man mit einem einfacheren Zugang zum Arbeitsmarkt bereits mehr Studierende vom Standort Deutschland überzeugen. 

Bisher nutzt Deutschland diese Zuwanderungsform noch wenig: 2019 hatten lediglich 307.000 Personen zwischen 25 und 64 ihren Schulabschluss im Ausland und ihren höchsten Studienabschluss im Inland erworben – das waren drei Prozent aller Akademiker. 

Zum Vergleich: Der Anteil der Zuwanderer, die erst nach einem Studienabschluss einwanderten, war mit gut 15 Prozent mehr als fünfmal so hoch. 

Allerdings ist die Qualifikationsstruktur der „Zuwanderer über die Hochschule“ für die Fachkräftesicherung besonders günstig: Sie haben wesentlich häufiger als andere Akademiker einen Masterabschluss oder promoviert. 

Bei den jungen über die Hochschule zugewanderten Akademikern und Akademikerinnen zwischen 24 und 34 können sogar fast 60 Prozent Master oder Promotion vorweisen. Unter den inländischen Akademikern dieser Altersgruppe sind es nur 30 Prozent. Zudem hat fast jeder zweite Zugewanderte einen Abschluss in einem Mint-Fach – bei Nichtzugewanderten sind es nur gut 30 Prozent. 
Mehr: Ausländische Studierende bilden ein enormes Potenzial für die Wirtschaft – doch noch bleiben zu wenige hier

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