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30.06.2022

15:04

Fachkräftemangel

Neuer Tiefststand bei Bewerbungen auf Lehrstellen – Ausbildungslücke so groß wie nie

Von: Barbara Gillmann

Es bewerben sich so wenige junge Menschen wie nie auf eine klassische Ausbildung in Industrie oder Handwerk. Das liegt aber anders als bisher nicht mehr am Trend zum Studieren.

Fachkräftemangel: Kitas buhlen um Auszubildende imago images/imagebroker

Erzieherin

Der Ausbau der Kitas, der Rechtsanspruch auf Ganztagsschulbetreuung und der Personalmangel in der Pflege hätten dort einen enormen Bedarf an Fachkräften ausgelöst.

Berlin Kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres im Herbst nehmen die Probleme bei der Suche nach Lehrlingen weiter zu: Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze ist gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen, die Zahl der Bewerber dagegen erneut gesunken, meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA).

Der scheidende BA-Chef Detlef Scheele sagte, dass anders als in den vergangenen Jahren, als viele potenzielle Lehrlinge sich anstelle einer Ausbildung für ein Studium entschieden, sich mittlerweile die neue Konkurrenz aus den Gesundheits- und Erzieherberufen bemerkbar mache.

Der Ausbau der Kitas, der Rechtsanspruch auf Ganztagsschulbetreuung und der Personalmangel in der Pflege hätten dort einen enormen Bedarf an Fachkräften ausgelöst. „Damit steht die Wirtschaft und vor allem das Handwerk im Wettbewerb zur Fachschulausbildung für diese Berufe“, sagte Scheele.

Daneben habe die Pandemie zu einer großen Unsicherheit bei Eltern und Schulabgängern geführt. Diese führe dazu, dass offenbar weit mehr Schulabgänger sich für einen längeren Schulbesuch entschieden, fügte Scheele hinzu.

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    Das nächste Ausbildungsjahr 2022/2023 beginnt zwar erst im August und September, und auch danach wird weiter vermittelt. Doch die Juni-Zahlen zeigen, dass nun auch im dritten Coronajahr historisch niedrige Neuabschlüsse zu befürchten sind – und damit auf Sicht eine Verschärfung des Fachkräftemangels.

    Dauerschaden für die duale Ausbildung?

    Wie viele Schulabgänger eine Ausbildung im Fachschulbereich für einen Beruf im Erziehungs-, Sozial- oder Gesundheitsbereich beginnen, wird erst Ende des Jahres klar sein. Doch schon in den vergangenen Jahren war diese Gruppe enorm gestiegen: Die jährlichen Anfängerzahlen kletterten von 2005 bis 2021 um ein Drittel auf gut 188.000.

    Grafik

    Konkret haben sich bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern  bis Ende Juni 376.000 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle gemeldet – 9000 weniger als im Vorjahr. Von ihnen hatten im Juni 148.000 junge Menschen weder einen Ausbildungsplatz noch eine Alternative gefunden.

    Gleichzeitig waren 499.000 Ausbildungsstellen gemeldet – 26.000 mehr als vor einem Jahr. 259.000 davon waren noch unbesetzt. 

    Experten hatten angesichts der historisch niedrigen Abschlusszahlen schon Ende 2020 vor einem Dauerschaden für die duale Ausbildung gewarnt. Sie verweisen auf die Entwicklung nach der Finanzkrise 2009: Auch damals war die Zahl der neuen Ausbildungsverträge eingebrochen und hatte sich seither nicht mehr erholt.

    Mittlerweile mache sich die neue Konkurrenz aus den Gesundheits- und Erzieherberufen bemerkbar. dpa

    Pfleger

    Mittlerweile mache sich die neue Konkurrenz aus den Gesundheits- und Erzieherberufen bemerkbar.

    Ob dieser Dauerschaden tatsächlich eintritt, wagt BA-Chef Scheele jetzt noch nicht zu prognostizieren. Fakt sei aber, dass das Delta zwischen Angebot und Nachfrage erneut deutlich gewachsen sei und mittlerweile 120.000 Plätze ausmache.

    Vor einem Dauerschaden für die Ausbildung warnen allerdings die Autoren des neuen Nationalen Bildungsberichts – ähnlich wie nach der Finanzkrise. Danach lag die Zahl der Neuzugänge in den Jahren 2020 und 2021 der beruflichen Bildung insgesamt erstmals unter 900.000. 

    Der Bereich der beruflichen Bildung umfasst die duale Ausbildung, schulische Ausbildungen und den Übergangsbereich, in dem Schulabgänger einen Abschluss nachholen oder ein Grundbildungsjahr absolvieren.

    Im Jahr 2016 strebte noch rund eine Million junger Menschen in die verschiedenen Zweige der beruflichen Ausbildung, 2005 waren es sogar noch 1,15 Millionen. 

    Ampelregierung verspricht „Ausbildungsgarantie“

    Der nationale Bildungsbericht adressiert auch das Problem der wachsenden „Passungsprobleme“ am Lehrstellenmarkt: Mittlerweile scheitere die Vermittlung in jedem achten Fall an unterschiedlichen Erwartungen von Betrieben und Bewerbern, an unerfüllbaren Berufswünschen des Nachwuchses oder daran, dass Ausbilder und Azubis schlicht regional nicht zusammenkommen. 

    Eine bessere Koordination und Berufsorientierung in den Schulen, die seit Ausbruch der Coronapandemie vielfach ausgefallen war, könnte das durchaus wieder ändern, mahnt der Bericht.

    Daneben verweisen die Autoren auch auf die noch immer rund 230.000 jungen Menschen in den zahlreichen Maßnahmen des Übergangssystems. Ihre Zahl war trotz der wachsenden Zahl der unbesetzten Lehrstellen zuletzt kaum gesunken.

    Die Ampelregierung hat im Koalitionsvertrag eine „Ausbildungsgarantie“ versprochen. Denn obwohl die Zahl der unbesetzten Lehrstellen wächst, bleiben gleichzeitig Zehntausende Jugendliche unversorgt, weil Anbieter und Bewerber regional, wegen unterschiedlicher Berufswünsche oder Erwartungen nicht zusammenkommen.

    Bisher gibt es aber keine konkreten Vorschläge, wie das Arbeits- und das Bildungsministerium diese „Garantie“ umsetzen wollen. Damit kann sie frühestens für das Ausbildungsjahr 2023/24 ein Rolle spielen.

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