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05.09.2022

13:58

Förderung von Innovationen

Wirtschaft bemängelt bürokratische Hürden bei der Forschungszulage

Von: Barbara Gillmann

Viele Unternehmen wollen die Forschung und Entwicklung ausbauen. Dennoch nutzen sie den Forschungsbonus des Bundes nicht – viele Unternehmen kennen ihn nicht einmal.

Mit dem Forschungsbonus des Bundes können Unternehmen derzeit mit bis zu einer Million Euro pro Jahr gefördert werden. dpa

Mikroskop in einem Labor

Mit dem Forschungsbonus des Bundes können Unternehmen derzeit mit bis zu einer Million Euro pro Jahr gefördert werden.

Berlin Viele Jahre drängte die Wirtschaft auf eine steuerliche Forschungsförderung, um damit Innovationen voranzutreiben. Seit 2020 gibt es nun die Forschungszulage – doch für weite Teile der Wirtschaft scheint sie eher ein Ladenhüter als eine attraktive Unterstützung zu sein. Das zeigt eine Umfrage des DIHK unter 600 Unternehmen, die dem Handelsblatt vorliegt. Danach bleibt die Nachfrage „weit hinter den Erwartungen zurück“. 

„Mehr Innovationen begünstigen eine resilientere Wirtschaft. Das ist angesichts der Krisen dringend nötig. Die steuerliche Forschungsförderung kann hierbei ein wichtiger Hebel sein. Leider gibt es noch viel Luft nach oben“, kommentiert DIHK-Hauptgeschäftsführungsmitglied Ilja Nothnagel die Ergebnisse. „Fast jedes zweite Unternehmen, das die Förderung beantragt hat, bewertet das zweistufige Antragsverfahren als bürokratisch, jedes fünfte sogar als sehr bürokratisch.“

Antragsscheu sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen – und damit just die Gruppe, die der Bund mit dem Forschungszulagengesetz vor allem fördern will. Bei Großunternehmen wird erwartet, dass sie Innovationsausgaben nicht von einer Zulage abhängig machen. Der Beitrag des Mittelstands zu den Innovationen nimmt hingegen seit vielen Jahren ab. 

Bisher ist die neue Zulage auch erst gut der Hälfte der innovativen Unternehmen bekannt. Selbst von den größeren Betrieben ab 500 Mitarbeitern kennt sie gut ein Viertel nicht – in den Kleinunternehmen  mehr als 60 Prozent. 

Insgesamt haben sie auch erst vier von zehn forschungsnahen Unternehmen beantragt. Auch hier zeigt sich eine Schere zwischen Groß und Klein: Während bei den Betrieben ab 500 Mitarbeitern bereits mehr als die Hälfte einen Antrag gestellt hat, ist es bei kleineren bis 50 Mitarbeiter nur jedes fünfte. Unterm Strich gelinge es mit der neuen Förderung also erst teilweise, „Forschung und Entwicklung in deutschen Unternehmen zu verstetigen und neue Innovationen anzuschieben“, sagte Nothnagel. Daher müsse das Instrument bekannter und handhabbarer gemacht werden – auch durch die IHKs selbst.  

Bürokratie schreckt Unternehmen ab

Als Grund für die Zurückhaltung führt ein Drittel der Unternehmen die abschreckende Bürokratie an. Um die Zulage beim Finanzamt zu beantragen, muss zunächst eine Bescheinigung bei der zuständigen Zentralstelle eingeholt werden, dass es sich um förderfähige Ausgaben handelt. 

Jeder vierte Betrieb ist zudem unsicher, ob seine Ausgaben für neue Produkte oder Verfahren überhaupt förderfähig sind. Auch herrscht laut Umfrage offenbar Verwirrung, welche Vorteile die Zulage gegenüber der traditionellen direkten Projektförderung, vor allem über das Wirtschaftsministerium, hat. Da beide Förderungen nicht parallel beantragt werden können, verzichteten viele auf den Steuerbonus. 

Das steht im Gegensatz zu den hohen Erwartungen: Viele Jahre lang drängten nicht nur Wirtschaftsverbände, sondern auch Ökonomen und Innovationsforscher darauf, auch in Deutschland einen Steuerbonus einzuführen, der in vielen OECD-Ländern längst üblich war. Auch nach der DIHK-Umfrage versprechen sich mehr als drei Viertel der Unternehmen selbst eine Senkung ihrer Kosten für FuE-Vorhaben davon. Im Mittelstand bis 250 Mitarbeiter sind es sogar acht von zehn Unternehmen. Mehr als jedes zweite Unternehmen will sie auch zur Ausweitung der eigenbetrieblichen Forschung und Entwicklung nutzen – im Mittelstand ist die Quote noch etwas höher.

Grafik

Ein „überraschendes positives Ergebnis“ aus der Umfrage sei zudem, dass die Bescheinigung, dass ein förderfähiges Forschungs- und Entwicklungsvorhaben vorliegt, jedem zehnten KMU bis 250 Mitarbeiter bei der externen Unternehmensfinanzierung hilft, schreibt der DIHK. Die Vorschläge der Unternehmen zur Verbesserung des Antragsverfahrens reichen denn auch von weniger statistischen Angaben, über geringere Nachweispflichten bis hin zu schnelleren Bearbeitungszeiten in der Bescheinigungsstelle und im Finanzamt.

Das heißt, die Forschungsförderung hat in der Tat das Zeug dazu, das Innovationsgeschehen in Deutschland zu beflügeln. Große Hoffnungen haben auch die Innovationsberater der Bundesregierung: „Sie unterstützt die Pioniere, die die Richtung vorgeben – und hilft den Imitatoren, schneller hinterherzulaufen“, sagte der Vorsitzende der Expertenkommission für Forschung und Innovation, Uwe Cantner. Auch habe er „die große Hoffnung, dass die Förderung viele Unternehmen, die bisher gar nicht innovativ waren, erstmals dazu bringt, etwas Neues zu wagen. Ich bin sehr gespannt, wie der Effekt sein wird.“ Diese Hoffnung hat sich bisher jedenfalls nicht erfüllt. 

Konkret haben forschende Unternehmen einen Anspruch auf eine Zulage in Höhe von 25 Prozent ihrer Lohnkosten für Forscher. Gefördert wird daneben auch Auftragsforschung – und zwar mit 25 Prozent bezogen auf 60 Prozent der Auftragssumme. 

Maximal können Kosten in Höhe von zwei Millionen Euro angegeben werden – mit einer maximalen Forschungszulage von 500.000 Euro jährlich. Für die Zeit vom 1. Juli 2020 bis zum 30. Juni 2026 hat die Bundesregierung wegen der Coronakrise die maximale Bemessungsgrundlage sogar auf vier Millionen Euro jährlich erhöht. Damit ist ein Steuerbonus von bis zu einer Million Euro pro Jahr möglich. 

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