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31.12.2020

10:17

Gastbeitrag zur Aufsteigerin des Jahres

Belén Garijo: Mit Herz und Härte an die Spitze eines Dax-Konzerns

Von: Heiner Thorborg

Die Spanierin wird die neue Vorstandsvorsitzende des Pharmariesen Merck. Ab Mai ist Belén Garijo damit die erste Alleinchefin eines Dax-Unternehmens.

Im Herzen ist die Pharmamanagerin immer auch Ärztin geblieben und spricht heute noch mit Begeisterung über medizinische Studien. Merck (Montage: Handelsblatt)

Belén Garijo

Im Herzen ist die Pharmamanagerin immer auch Ärztin geblieben und spricht heute noch mit Begeisterung über medizinische Studien.

Belén Garijo wird im Mai 2021 die erste Alleinchefin eines Dax-Unternehmens überhaupt. Bei Merck wird sie, da bin ich zuversichtlich, deutlich länger im Amt sein, als es Jennifer Morgan bei SAP in Walldorf war, die im März dieses Jahres nach nur sechs Monaten als Co-CEO schon wieder gehen musste.

Und so, wie SAP in nahezu menschenverachtender Weise vorgeführt hat, wie man Nachfolgeplanung nicht macht – so hieß es zum Abtritt von Morgan wenig charmant, man wolle „schnelles, entschlossenes Handeln und eine klare, hierbei unterstützende Führungsstruktur“ haben –, so kann man vom Pharma- und Technologiekonzern Merck nun lernen, wie ein Stabwechsel richtig geht. Der amtierende CEO Stefan Oschmann wird von Belén Garijo abgelöst, die derzeit schon die Nummer zwei im Konzern ist.

Anders als viele andere Pharmamanager hat „Belén“ – wie Garijo bei Merck genannt wird – tatsächlich Medizin studiert. Aufgewachsen ist sie in Almansa, einer Kleinstadt in der spanischen Provinz Albacete, auf halbem Wege zwischen Valencia und Murcia. Als ältestes von vier Kindern träumte sie schon früh davon, Ärztin zu werden. Nach der Schule folgte sie ihrer Ambition, ging nach Madrid, studierte und promovierte schließlich in klinischer Pharmakologie.

Nach sechs Jahren im Krankenhaus La Paz in Madrid beschloss Garijo, in den kommerziellen Bereich der Medizin zu wechseln. Sie war mit ihrer zweiten Tochter schwanger, als sie Vorstellungsgespräche bei Abbott Laboratories in Chicago führte. Das war der Beginn einer eindrucksvollen Karriere in der Pharmaindustrie.

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    Die ersten acht Jahre verbrachte sie bei Abbott in Forschung und Entwicklung. 1996 wechselte sie zu Rhone-Poulenc Rorer als Leiterin der Geschäftseinheit Onkologie, 2000 wurde sie für diesen Bereich bei Aventis Vice President. 2003 ging sie zurück nach Spanien, um als Geschäftsführerin von Aventis Spanien die Zusammenführung mit Sanofi zu leiten. Vor ihrem Wechsel nach Darmstadt war Garijo bei Sanofi-Aventis für die Region Europa zuständig, wo sie auch nach der Akquisition von Genzyme die Leitung der globalen Integration übernahm.

    Der Autor ist einer der Grandseigneurs der Personalberater und ein großer Förderer von Frauen in Führungspositionen. 2006 gründete er das Netzwerk Generation CEO, das sich inzwischen verselbstständigt hat und in dem rund 200 Führungsfrauen versammelt sind. Darunter bekannte Managerinnen wie Sigrid Nikutta, Vorständin bei der Deutschen Bahn, und Doreen Nowotne, Aufsichtsratschefin von Haniel. Frank Beer für Handelsblatt

    Heiner Thorborg

    Der Autor ist einer der Grandseigneurs der Personalberater und ein großer Förderer von Frauen in Führungspositionen. 2006 gründete er das Netzwerk Generation CEO, das sich inzwischen verselbstständigt hat und in dem rund 200 Führungsfrauen versammelt sind. Darunter bekannte Managerinnen wie Sigrid Nikutta, Vorständin bei der Deutschen Bahn, und Doreen Nowotne, Aufsichtsratschefin von Haniel.

    2011 holte sie Oschmann schließlich zu Merck, einem Unternehmen, das 2019 in 66 Ländern einen Umsatz von 16,2 Milliarden Euro erwirtschaftete. Die beiden kannten sich, hatten sie doch bereits bei Sanofi/MSD zusammengearbeitet. Garijo übernahm die Rolle als Chief Operating Officer für das Biopharma-Geschäft und wurde 2015 Präsidentin und CEO von Healthcare. Im Juli 2020 wurde sie zusätzlich zur stellvertretenden CEO von Merck bestellt. Darüber hinaus ist sie Mitglied der Verwaltungsräte von L’Oréal sowie der Banco Bilbao Vizcaya Argentaria.

    Im Herzen ist sie jedoch Ärztin geblieben und spricht heute noch mit Begeisterung über medizinische Studien. So veröffentlichte sie im US-Magazine „Time“ gerade einen Artikel zum Thema klinische Daten, in dem sie betont, wie wichtig Vielfalt auch bei der Auswahl der Probanden in klinischen Tests sei. Sie schreibt: „Es geht darum, Lösungen zu finden, die für den Patienten funktionieren. Denn ohne diese Perspektive behandeln wir nur die Krankheit und nicht den Menschen.“

    Garijo liebt Schuhe mit hohen Absätzen und farbenfrohe Mode – anfänglich muss die zierliche Frau in der hessischen Provinz daher wie ein exotischer Vogel gewirkt haben. Doch ihre Fachkompetenz und ihre Kraft als Führungspersönlichkeit überzeugten das trotz der Börsennotierung noch immer stark von der Familie geprägte, über 350 Jahre alte Traditionsunternehmen. Ihr gelassenes, unaufdringliches Selbstbewusstsein unterscheidet sich von dem Auftritt vieler männlicher Spitzenkräfte und wird von den Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten bei Merck sehr geschätzt.

    Garijo verfügt über ein hohes Empathieniveau, ihr im positiven Sinne ehrliches, direktes und korrektes Auftreten wirkt gewinnend. Sie zeigt kein großes Ego, behält das Ganze im Blick und ist dem Wohl des gesamten Konzerns verpflichtet. So ist sie zum Rollenvorbild für viele geworden. Zumal sie das Thema Diversity lebt, das für sie eine Herzensangelegenheit darstellt. Die nun geplante gesetzliche Frauenquote für Vorstände sieht Garijo kritisch: „Ich bin gegen jede Form der Diskriminierung, und das schließt positive Diskriminierung mit ein.“

    Auch die Förderung von Nachwuchstalenten ist ihr ein Anliegen. Junge Frauen fordert sie auf, „auch mal die Hand zu heben, wenn es eine Chance gibt, Verantwortung zu übernehmen“. Wer Karriere machen wolle, sollte sie aktiv vorantreiben, findet Garijo. „Zu glauben, dass du von ganz allein entdeckt wirst, wenn du einen guten Job machst, ist ein Trugschluss.“ Sie sagt aber auch, dass sie den Spagat zwischen Job und Familie nur zu gut kennt und dass sie ihren Weg ohne die Unterstützung ihres Mannes – eines Urologen – und die ihrer Töchter nicht hätte gehen können.

    Mit Radikalkur erfolgreich

    Nicht der Jobtitel motiviere sie, wie sie selbst sagt, sondern die Frage, ob sie mit ihrem Job „einen echten Unterschied machen“ könne. Sich selbst beschreibt Garijo mit dem Wort „entschlossen“. Sie habe „ein großes Herz“, könne aber auch Härte zeigen. Und das muss sie auch, denn die Entwicklung von Medikamenten ist ein hochriskantes, teures und langwieriges Geschäft.

    Als Garijo zu Merck kam, war der Konzern in einer schwierigen Lage. Zehn Jahre war es nicht geglückt, neue Arzneien zur Zulassung zu bringen. Doch dann knöpfte sich Garijo gemeinsam mit Oschmann die Pharmasparte vor. Reorganisierte die Abteilung Forschung und Entwicklung, strich eine lange Projektliste zusammen, begann Kooperationen mit dem US-Unternehmen Pfizer und der britischen GSK und stoppte, was sie nicht überzeugte.

    Merck selbst fasst Garijos Leistung in einem Satz zusammen: „Unter ihrer Leitung ist Healthcare bei Merck zu einem Schlüsselakteur in den Bereichen Onkologie, Immunologie und Immunonkologie geworden, eine Folge der umfassenden Neupositionierung des Portfolios, der Umstrukturierung von F&E und der Transformation des Geschäftsmodells.“

    Die Radikalkur zeigte Ergebnisse: Das zuvor problembehaftete Medikament Mavenclad gegen Multiple Sklerose wurde unter ihrer Führung schließlich doch noch ein Erfolg. Weitere Arzneien sind in der Pipeline. Inzwischen hat der Konzern mit Life Science und Performance Materials zudem zwei weitere Sparten etabliert, die das Pharmageschäft ergänzen.

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    Entsprechend hoch sind das Ansehen und die Glaubwürdigkeit, die Belén Garijo intern und extern genießt. Das US-Magazin „Fortune“ hat Belén Garijo unter die „most powerful women in business“ außerhalb der USA auf Platz zehn gesetzt – in einer Welt, in der nur 13 der 500 größten Unternehmen von einer Frau geführt werden.

    Die Amerikaner loben besonders, dass sie im Rahmen der Covid-19-Pandemie eine Schlüsselrolle bei der Etablierung einer Taskforce gespielt habe, die 50 Projekte vorantreibt zu so diversen Themen wie Impfstoff, Infektionskontrolle, Diagnosewerkzeuge und Therapien.

    Für die Übernahme der CEO-Verantwortung bei Merck bringt Belén Garijo ideale Voraussetzungen mit. Den Aktionären, Kunden und Mitarbeitern kann man zu dieser Wahl nur aus voller Überzeugung gratulieren.

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