Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.09.2019

13:06

Gedenkveranstaltung

Frank-Walter Steinmeier bittet Polen um Vergebung für deutschen Terror

Der Bundespräsident besucht die Kleinstadt Wielun, in der vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Bei der Anreise hatte es zuvor Probleme gegeben.

Steinmeier bittet in Polen um Vergebung

Politik: Steinmeier bittet in Polen um Vergebung

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Wielun Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat 80 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die Menschen in Polen um Vergebung für den deutschen Vernichtungskrieg mit Millionen Toten gebeten.

„Es waren Deutsche, die in Polen ein Menschheitsverbrechen verübt haben“, sagte er am frühen Sonntagmorgen bei einer Gedenkfeier in der polnischen Kleinstadt Wielun. Diese war am 1. September 1939 als erstes Ziel von der Wehrmacht angegriffen worden.

„Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung“, sagte Steinmeier. Diese drei Sätze wiederholte er in seiner auf Deutsch gehaltenen Rede nochmals auf Polnisch. Steinmeier nahm gemeinsam mit dem polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda an der Gedenkveranstaltung teil.

Zur selben Uhrzeit hatten 80 Jahre zuvor deutsche Sturzkampfbomber die militärisch völlig unbedeutende Stadt angegriffen. Sie zerstörten diese zu rund 70 Prozent, das Zentrum war sogar zu 90 Prozent vernichtet. Rund 1200 Menschen starben nach polnischen Angaben. Der Angriff erfolgte wenige Minuten vor dem Beginn des Beschusses der Danziger Westerplatte durch das deutsche Marineschiff SMS „Schleswig-Holstein“.

Der deutsche Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit geschätzt bis zu 80 Millionen Toten. Allein in Polen kamen nach Schätzungen bis zu 6 Millionen Menschen ums Leben.

Polens Präsident Duda sagte: „Der Zweite Weltkrieg hat die Welt verändert. Das dürfen wir nie vergessen.“ Er dankte Steinmeier dafür, dass er nach Wielun gekommen sei und sich der Wahrheit stelle. Der Angriff auf die Stadt sei ein Terrorangriff und „grausame Barbarei“ gewesen.

Keine direkte Reaktion auf Forderungen nach Reparationszahlungen

Auf die Forderung der rechtsnationalen polnischen PiS-Regierung nach deutschen Reparationen für die erlittenen Schäden ging Steinmeier nicht direkt ein. Er sagte aber: „Unrecht und erlittenes Leid können wir nicht ungeschehen machen. Wir können es auch nicht aufrechnen.“

Steinmeier betonte, die Vergangenheit vergehe nicht. „Und unsere Verantwortung vergeht nicht.“ Als deutscher Bundespräsident versichere er: „Wir werden nicht vergessen. Wir wollen und wir werden uns erinnern. Und wir nehmen die Verantwortung an, die unsere Geschichte uns aufgibt.“

Trotz des erlittenen Unrechts und Leids habe Polen Deutschland die Hand der Versöhnung gereicht. „Wir sind zutiefst dankbar für diese ausgestreckte Hand, für die Bereitschaft Polens, den Weg der Versöhnung gemeinsam zu gehen“, sagte Steinmeier. „Der Weg der Versöhnung hat uns in ein gemeinsames, vereintes Europa geführt.“ Diesen Weg wolle Deutschland bewahren und als guter Nachbar Polens weitergehen.

Steinmeier und Duda besuchten drei historische Gedenkorte in der Stadt. Unter anderem legten sie Blumen am Denkmal des zerstörten Allerheiligen-Krankenhauses nieder, das 1939 das erste Ziel der deutschen Sturzkampfbomber gewesen war.

Beide Präsidenten sind am Vormittag weiter nach Warschau gefahren, um dort an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum Beginn des Zweiten Weltkriegs teilzunehmen, zu der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Vizepräsident Mike Pence und etwa 250 Gäste aus 40 Ländern kamen.

Deutschlands besondere Rolle in Europa

Steinmeier hielt auf der Gedenkveranstaltung eine weitere Rede: „Ich weiß wohl, mein Land trägt für dieses Europa eine besondere Verantwortung“, sagte Steinmeier am Sonntag in Warschau laut Redemanuskript. „Wir müssen mehr beitragen für die Sicherheit Europas“, fügte er hinzu.

Nationalismus müsse Deutschland eine klare Absage erteilen. Deutsche hätten allen Grund, die glücklichsten Europäer zu sein, dürften sich aber nicht als die „besseren Europäer“ empfinden. Auf die polnischen Forderungen nach Reparationen ging der Präsident nicht ein.

In Anwesenheit von US-Vizepräsident Mike Pence und Kanzlerin Angela Merkel betonte Steinmeier zudem die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen. Erst „die Macht von Amerikas Ideen und Werten, seine Weitsicht, seine Großzügigkeit“ hätten Europa nach 1945 eine neue Chance gegeben.

„Diesem Amerika war das vereinte Europa immer ein Anliegen. Dieses Amerika wollte echte Partnerschaft und Freundschaft in gegenseitigem Respekt“, sagte er. Vieles sei heute nicht mehr selbstverständlich. Europa müsse selbstbewusster und stärker werden, aber nicht ohne oder gar gegen Amerika. „Und ich bin sicher, auch Amerika braucht Partner in dieser Welt.“

Am Samstag hatte es noch eine Panne mit einem Regierungsflieger gegeben: Steinmeier war mit Verspätung nach Polen gestartet, weil seine Maschine der Flugbereitschaft einen technischen Defekt hatte.

Der Bundespräsident und seine Begleiter mussten in Berlin von einem Airbus A321 auf eine kleinere Maschine vom Typ A319 umsteigen, berichtete ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur. Es habe eine fehlerhafte Anzeige für die Enteisungsanlage gegeben, sagte ein Sprecher der Luftwaffe.

Mehr: Die Flugbereitschaft der Bundeswehr meldet erneut technische Probleme. Der Bundespräsident musste am Samstagabend mit einer Ersatzmaschine nach Polen reisen.

Handelsblatt Premium

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×