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11.11.2019

03:58

Gesellschaft

Die Mittelschicht begegnet Abstiegsangst mit Pragmatismus

Von: Frank Specht

Wie verunsichert ist die deutsche Mittelschicht? Eine Studie hat herausgefunden: Sie reagiert nicht sensibler auf Statusunsicherheit als die untere oder die Oberschicht.

Wer sich über seine Zukunft sorgen macht, geht keine längerfristigen Verpflichtungen ein. dpa

Hausbau

Wer sich über seine Zukunft sorgen macht, geht keine längerfristigen Verpflichtungen ein.

Berlin Die These vom „Ende der Mittelschicht“, die der Journalist Daniel Goffart in seinem gleichnamigen Buch beschreibt, teilt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zwar nicht. Doch durch die Digitalisierung könnten die Jobperspektiven und damit die Lebensentwürfe von Bankangestellten, Versicherungssachbearbeitern oder Industriefacharbeitern – klassischen Angehörigen der Mittelschicht – ins Wanken geraten.

Heil rät zwar, der Entwicklung mit „realistischer Zuversicht“ zu begegnen, plant aber dennoch eine Qualifizierungsoffensive und andere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, um der Mittelschicht die Angst zu nehmen.
Aber wie verunsichert ist die „Mitte“ überhaupt?

Da Abstiegsangst ein subjektives Gefühl ist, nähern sich die Leipziger Soziologen Holger Lengfeld, Katharina Müller und Stephanie Pravemann über eine Hilfskonstruktion dem Thema an. In einer Studie für das Roman Herzog Institut, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, untersuchen sie, inwieweit unsichere berufliche Perspektiven Lebensentscheidungen beeinflussen. Die Mittelschicht definieren sie dabei nicht nur anhand der klassischen Einkommenssituation, sondern beziehen nach dem sogenannten Winkler-Index auch die Merkmale Bildungsgrad und berufliche Position ein.

Die knapp 2000 Befragten aller sozialen Schichten wurden gebeten, sich eine fiktive Situation vorzustellen. Sie sollten einem befreundeten Paar bei der Entscheidung helfen, ob dieses sich seinen Kinderwunsch erfüllen, eine Eigentumswohnung kaufen oder Sohn oder Tochter zum Studieren schicken soll. Alle drei Fragen sind mit langfristigen finanziellen Verpflichtungen verbunden.

In der ersten Variante sind beide Partner erwerbstätig, aber unsicher, ob sie ihren Job in einem Jahr noch haben. In der zweiten ist dem Mann gerade eine sichere Stelle im öffentlichen Dienst zum gleichen Gehalt wie bisher angeboten worden.

„Kein Anlass zur Panikmache“

Die Untersuchung zeigt – wenig überraschend –, dass die Befragten ihren Freunden bei unsicherer Jobperspektive eher raten, langfristig bindende Lebensentscheidungen aufzuschieben. Allerdings: Angehörige der Mittelschicht reagieren nicht sensibler auf wirtschaftliche Unsicherheit als Angehörige der Unter- und der Oberschicht. Vielmehr zeige sich ein Hierarchieeffekt, heißt es in der Studie. Je niedriger die soziale Schicht der Befragten ist, desto häufiger raten sie, langfristig bindende Lebensentscheidungen aufzuschieben.

Mit Blick auf die Mittelschicht lege die Studie nahe, „dass aktuell kein Anlass zur Panikmache und zu politischem Aktionismus besteht“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Roman Herzog Instituts, Randolf Rodenstock. Der digitale und der gesellschaftliche Wandel zwängen viele Menschen längst dazu, sich flexibel auf eine ungewisse Zukunft einzustellen. Heute würden viele Entscheidungen nur noch „auf Sicht“ getroffen, sagt Rodenstock: „Pragmatismus hat den Planungsimperativ ersetzt.“

Allerdings räumen die Forscher selbst eine Schwäche ihres Untersuchungsdesigns ein. So könnten der Kinderwunsch oder auch das Eigenheim so zentrale Lebensentscheidungen sein, dass ihre Realisierung auch durch eine temporäre Statusverunsicherung nicht beeinträchtigt wird. Anders sähe es bei weniger wichtigen Entscheidungen wie einem teuren Jahresurlaub oder dem Kauf eines neuen Autos aus. Diese Fragen wurden aber nicht gestellt.

Insgesamt kommen die Forscher zu dem Schluss, dass die Mittelschicht gelernt hat, besser mit beruflicher Unsicherheit umzugehen, als das noch bis Mitte der 2000er-Jahre der Fall war. Damals war es vor allem die Globalisierung, die für Verunsicherung sorgte. Andere Umfragen zeigen aber, dass die Deutschen durchaus verunsichert sind, obwohl das Kündigungsrisiko derzeit so niedrig ist wie nie.

So hielten es in einer Ende Oktober veröffentlichten Forsa-Umfrage für das Ökonomen-Netzwerk Forum New Economy 80 Prozent der Befragten für richtig, dass die Regierung Menschen stärker schützen sollte, wenn durch die Digitalisierung oder Globalisierung größere Arbeitsplatzverluste drohen.

Mehr: Trotz Fehlern in seiner Kritik hat der Internationale Währungsfonds recht: Ungleiche Vermögensverteilung und Einkommensunterschiede sind ein zentrales deutsches Problem.

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