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01.12.2020

05:00

Gigafactory

Pläne für Tesla-Batteriefabrik in Brandenburg begeistern deutsche Politik

Von: Silke Kersting, Dietmar Neuerer

PremiumElon Musk will das Tesla-Werk bei Berlin auch zur weltgrößten Batteriefabrik machen. Politiker und Experten loben die Pläne, Umweltschützer kündigen Widerstand an.

Bereits im kommenden Sommer soll die Fabrik so weit fertiggestellt sein, dass die ersten E-Autos gefertigt werden können. dpa

Tesla-Baustelle in Grünheide

Bereits im kommenden Sommer soll die Fabrik so weit fertiggestellt sein, dass die ersten E-Autos gefertigt werden können.

Und nicht nur das: „Als einer der kreativsten Unternehmer und brillantesten Ingenieure des digitalen Zeitalters inspiriert Elon Musk eine ganze Generation“, erklärte der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner. Musk verbinde große Visionen mit dem „absoluten Willen“ zur Umsetzung.

Eine dieser Visionen nimmt derzeit im brandenburgischen Grünheide bei Berlin Gestalt an. Tesla zieht hier im Rekordtempo seine vierte Gigafactory hoch. Bereits im kommenden Sommer soll die Fabrik so weit fertiggestellt sein, dass die ersten E-Autos gefertigt werden können. Damit nicht genug. Musk treibt schon die nächste Vision um: Er will das Werk zur weltgrößten Batteriefabrik machen, wie er vor Kurzem ankündigte.

Deutsche Politiker sind begeistert von den Plänen. Sie versprechen sich davon einen positiven Effekt für den Autostandort Deutschland. „Das Wesen unserer erfolgreichen Sozialen Marktwirtschaft beruht darauf, dass sich die Besten miteinander messen und sich durch ständigen Konkurrenzkampf die besten Produkte durchsetzen. Wenn der Platz für diesen Wettkampf der Innovationen in Zukunft Deutschland sein wird, haben wir gewonnen“, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten, dem Handelsblatt.

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Standort erkennen

    Die Brandenburger Landesregierung sieht mit der künftigen Tesla-Fabrik große wirtschaftliche Chancen für das ganze Land. „Wenn wir die jungen Menschen hier in Brandenburg halten wollen (...), dass sie hier ihre Familien gründen und nicht weiter unser Bundesland verlassen, dann müssen wir ihnen Arbeitsplätze hier vor Ort geben“, sagte Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) im RBB-Inforadio.

    Tausende Arbeitsplätze erwartet

    Tesla-Chef Elon Musk hatte seine Pläne vergangene Woche in einem per Video übertragenen Auftritt bei einer Konferenz zur europäischen Batteriewirtschaft öffentlich gemacht. Die „European Conference on Batteries“ wurde im Zuge der deutschen EU-Ratspräsidentschaft von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) veranstaltet.

    Bereits im September hatte Musk davon gesprochen, nur noch halb so teure Batterien und ein Elektroauto für 25.000 Dollar bauen zu wollen, und dafür die nächsten drei Jahre als Zeitraum genannt. Bei der Videoschalte mit Altmaier sagte er, dass die umweltfreundlicheren, günstigeren und stärkeren Batterien bei Berlin gefertigt werden sollen.

    Läuft alles nach Plan, wird Tesla vom Sommer 2021 an in Grünheide rund 500.000 Stück der kompakten Fahrzeuge Model 3 und Model Y pro Jahr produzieren. Laut dem Chef der Arbeitsagentur Frankfurt an der Oder, Jochem Freyer, werden zunächst etwa 7000 unbefristete Vollzeitstellen in der Fabrik besetzt.

    Zum Ende der ersten Ausbaustufe im Jahr 2022 sollen 5000 weitere folgen. Im Entwurf für den Bebauungsplan der Gemeinde Grünheide ist schon die Rede von bis zu 40.000 Beschäftigten bei einer möglichen vierten Ausbaustufe.

    Brandenburgs Wirtschaftsminister sieht noch offene Fragen

    Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer wertet die Batteriefabrik-Pläne als eine „sehr gute Nachricht“. „Mit Tesla kommt mehr Schwung nach Europa, und unsere Autobauer werden schneller“, sagte Dudenhöffer dem Handelsblatt.

    „Vielleicht schafft es unsere Bundesregierung bei so viel Zukunftsengagement auch mal, über ein Ausstiegsdatum für den Verbrenner nicht nur nachzudenken, sondern, wie Boris Johnson in Großbritannien, mit konkretem Datum vorzugeben.“ Der Verbrennungsmotor im Pkw sei „ein totgerittenes Pferd“, betonte Dudenhöffer. „Schneller umsatteln hilft, schneller im Standort-Wettbewerb für die Zukunft zu sein.“

    Einen Bauantrag für eine Batteriefabrik hat Tesla noch nicht gestellt. „Ein dementsprechender Antrag liegt der Genehmigungsbehörde zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor“, sagte die Sprecherin des brandenburgischen Umweltministeriums, Frauke Zelt, dem Handelsblatt.

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    Auch eine abschließende Baugenehmigung für das Autowerk hat das zuständige Landesumweltamt noch nicht erteilt. Bisher baut Tesla über einzelne vorläufige Zulassungen. Naturschützer und Anwohner befürchten negative Folgen für die Umwelt.

    Brandenburgs Wirtschaftsminister sieht denn auch noch offene Fragen – vor allem für den Wasserverbrauch bei einem weiteren Ausbau der Tesla-Fabrik. „Das Wasser muss von weiter her kommen, ohne dass man die Wechselwirkungen mit der regionalen Umgebung hat“, sagte Steinbach.

    „Eine Batteriezellproduktion ist kein Teufelszeug“

    Auch bei der Infrastruktur für das Abwasser müsse noch etwas passieren. Er sei optimistisch, dass dies gelöst werden könne. „Aber wir sind noch nicht an dem Punkt, dass dieses alles in trockenen Tüchern ist.“ Der Ausbau hänge aber auch vom Markt ab. Für die erste Phase des Werks sei die Wasserversorgung geklärt.

    Umweltverbände kritisieren die Vorgehensweise des US-Autobauers. Das gesamte Vorhaben und alle damit zusammenhängenden Planungen würden sich immer noch permanent verändern, heißt es in einer Stellungnahme mehrerer Naturschutzverbände zum laufenden Bebauungsplanverfahren, das dem Handelsblatt vorliegt.

    Viele Fragen seien bislang offengeblieben, es werde teilweise mit falschen Annahmen gearbeitet, Datengrundlagen seien unzureichend, Planungen nicht aufeinander abgestimmt. Sowohl Batterie- als auch Kunststofffertigung seien Bestandteile des ersten Antrags im Januar 2020, doch in der zweiten Bekanntmachung im Juni sei davon nicht mehr die Rede gewesen, sagte Michael Ganschow, Landesgeschäftsführer der Grünen Liga Brandenburg, dem Handelsblatt.

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    In der Kritik steht auch die infrastrukturelle Anbindung. „Durch die Streichung des Bahnanschlusses in den aktuellen Planungsunterlagen muss mit einem immensen Verkehrsaufkommen auf der Straße gerechnet werden“, sagte Ganschow. Der Verkehr könne aber nicht allein über die Landesstraßen bewältigt werden. Notwendig sei ein Autobahnanschluss, der aber eines fernstraßenrechtlichen Planfeststellungsverfahrens bedürfe. Für Ganschow steht fest: „Die Gesamtanlage ist nicht genehmigungsfähig.“

    FDP erwartet neue Proteste und Klagen

    Autoexperte Dudenhöffer sieht die Vorbehalte gelassen. „Wenn jemand es schafft, eine Rakete wieder sauber landen zu lassen, schafft er es auch, mögliche Umweltbeeinträchtigungen auszuschalten“, sagte er. Deutschland sei aber das „Land der Bedenkenträger“, fügte er hinzu.

    „Also werden auch hier Proteste zu erwarten sein.“ Vielleicht könne man die Umweltaktivisten von „Ende Gelände“ oder „Fridays for Future“ davon überzeugen, dass eine Batteriezellproduktion „kein Teufelszeug“ sei.

    Auch der FDP-Wirtschaftspolitiker Michael Theurer rechnet mit Protesten und womöglich auch Klagen von Umweltschützern gegen das Projekt. Er appellierte an die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, sie solle ihre Parteifreunde und Sympathisanten der Grünen auffordern, nicht die Chance auf Zigtausende Arbeitsplätze und Wohlstand in Brandenburg und Berlin durch „maßlose Proteste“ zu gefährden.

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    Dies sei auch eine Frage der Glaubwürdigkeit, sagte der Fraktionsvize dem Handelsblatt. „Am Sonntag Elektroautos als Lösung für den Klimaschutz anzupreisen, aber am Montag dagegen zu demonstrieren, das passt einfach nicht zusammen.“

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