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01.09.2021

11:31

Gründerreport

Gründungstandort Deutschland hat „viel Luft nach oben“ – DIHK fordert „digitale Gründung binnen 24 Stunden“

Von: Frank Specht

Corona hat dem Gründungsgeschehen in Deutschland schwer zugesetzt. Aber auch bei den Standortfaktoren sehen Existenzgründer noch Handlungsbedarf für die künftige Regierung.

30 Prozent der befragten Gründer und Gründerinnen wünschen sich eine bessere IT-Infrastruktur. imago images/Westend61

Junge Frau arbeitet am Laptop

30 Prozent der befragten Gründer und Gründerinnen wünschen sich eine bessere IT-Infrastruktur.

Berlin Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht davon aus, dass der herbe Corona-Dämpfer beim Gründungsgesehen in Deutschland in diesem Jahr zumindest teilweise aufgeholt werden kann.

Allerdings müsse der Staat für bessere Rahmenbedingungen sorgen, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian. „Junge Unternehmen schätzen den Gründungsstandort Deutschland gerade mit einem schwachen ‚Befriedigend‘ ein.“ Da gebe es noch „viel Luft nach oben“.

Adrian bezieht sich auf den aktuellen DIHK-Unternehmensgründungsreport, der dem Handelsblatt vorab vorliegt. Er beruht auf den Beratungsgesprächen, die die 79 Industrie- und Handelskammern (IHK) mit angehenden Gründern geführt haben.

Ergänzend wurden im Mai und Juni 350 junge Unternehmen zu Auswirkungen der Corona-Pandemie und Empfehlungen an die Politik befragt.

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Standort erkennen

    43 Prozent der befragten IHK-Gründungsexperten gehen davon aus, dass es in diesem Jahr wieder mehr Gründungen geben wird als im Corona-Jahr 2020. Ein gutes Fünftel erwartet aber eine weiter nachlassende Gründungsaktivität.

    2020 haben weniger Menschen gegründet als im Vorjahr

    Nach dem Gründungsmonitor der staatlichen Förderbank KfW haben sich 2020 in Deutschland 537.000 Menschen selbstständig gemacht – gut elf Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Gespräche, die die IHKs mit potenziellen Existenzgründern geführt haben, nahm sogar um gut ein Drittel auf rund 177.000 ab. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der entsprechenden Statistik im Jahr 2002.

    Vor allem in klassischen Gründerbranchen wie dem Gastgewerbe oder dem Einzelhandel nahm die Beratungsintensität deutlich ab. In besonders von der Pandemie betroffenen Bereichen wie der Veranstaltungsbranche, bei Reisebüros oder im Messebau ist das Gründungsgeschehen nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. „Die wirtschaftlichen Einschränkungen haben zu großen Unsicherheiten geführt – mit der Folge, dass viele Gründungsprojekte abgebrochen oder auf Eis gelegt wurden“, sagte Adrian.

    Fast ein Viertel der potenziellen Gründer, die eine IHK-Beratung in Anspruch genommen haben, wollen eine digitale Geschäftsidee umsetzen. Hier sind durch die Pandemie neue Bedarfe entstanden, auf die Gründer reagieren, etwa mit der Entwicklung von Apps zur Corona-Sicherheit, zu Onlineshops oder digital unterstützten Lieferdiensten.

    Allerdings hat sich die Corona-Pandemie für die knapp 350 befragten Gründer und jungen Unternehmen mehrheitlich negativ ausgewirkt. So berichten 39 Prozent von einer gesunkenen Nachfrage, 20 Prozent von weniger Liquidität und acht Prozent von weniger Eigenkapital. Bei immerhin 27 Prozent der Befragten hat die Pandemie aber die Nachfrage erhöht.

    Der 64-Jährige gründete sein erstes Unternehmen schon als Student. Werner Schuering

    DIHK-Präsident Peter Adrian

    Der 64-Jährige gründete sein erstes Unternehmen schon als Student.

    Gut sieben von zehn Befragten haben angesichts von Corona ihr Geschäftsmodell angepasst, gut ein Fünftel hat sich sogar ein neues Geschäftsmodell gesucht. Bei den Erwartungen der Jungunternehmer an die künftige Bundesregierung steht der Bürokratieabbau an erster Stelle. 79 Prozent erhoffen sich davon eine Verbesserung des Gründungsstandorts.

    DIHK-Präsident Adrian forderte: „Ziel sollte sein, dass eine digitale Gründung binnen 24 Stunden möglich ist.“ Wichtig sei aber auch, die Prozesse zwischen Unternehmen und Verwaltungen sowie innerhalb der Verwaltung durchgängig digital zu gestalten.

    52 Prozent der Befragten wünschen sich ein einfacheres Steuerrecht. Einen Anknüpfungspunkt sieht der DIHK etwa in der Abschaffung oder zumindest Vereinfachung des Einkommensteuerformulars „Einnahmenüberschussrechnung“ für kleine Unternehmen. Auch die umsatzsteuerliche Kleinunternehmergrenze sollte von derzeit 22.000 auf 35.000 Euro angehoben werden.

    Digitalisierung: Knapp jeder dritte Gründer wünscht sich eine bessere IT-Infrastruktur

    38 Prozent der befragten Gründer erhoffen sich zudem einen einfacheren Zugang zu öffentlichen Fördermitteln, 30 Prozent eine bessere IT-Infrastruktur. Unter dem Strich geben 38 Prozent dem Gründungsstandort Deutschland nur die Note „befriedigend“, 21 Prozent geben ein „Ausreichend“, zwölf Prozent ein „Mangelhaft“ und sechs Prozent ein „Ungenügend“. Nur ein knappes Viertel der befragten Gründer bewertet den Standort als „gut“ oder „sehr gut“.

    Grafik

    Allerdings gibt es auch bei den von Gründern vorgelegten Geschäftskonzepten noch viele Defizite. Zwar berichten die befragten Existenzgründungsexperten, dass sich die Qualität der Gründungsvorbereitung in den letzten Jahren verbessert habe. Vor allem bei den Finanzen hapert es aber oft.

    So berichtet jeweils etwa ein Drittel, dass Gründer kaufmännische Defizite etwa bei Preiskalkulation und Kostenrechnung aufweisen oder die Finanzierung ihres Start-ups nicht ausreichend durchdacht haben. Auch bei der Beschreibung der eigenen Produktidee oder dem erwarteten Kundennutzen gibt es oft Nachholbedarf.

    Positiv vermerkt der DIHK, dass das Gründungsinteresse von Frauen deutlich zugenommen hat. War im Jahr 2002 nur ein Drittel der Teilnehmer an IHK-Gründungsgesprächen weiblich, so ist der Anteil bis auf 43 Prozent im Jahr 2017 gestiegen, zuletzt aber wieder leicht auf 41 Prozent gesunken.

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