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17.01.2022

16:28

Handelsblatt Energie-Gipfel

„Menschen zum Nachdenken motivieren“ – Wissing will Klimaziele gemeinsam mit den Bürgern erreichen

Von: Daniel Delhaes, Sebastian Matthes

PremiumDer Verkehrsminister spricht über seine missverständlichen Aussagen zu Elektroautos und E-Fuels. Zudem erklärt der FDP-Politiker, wie er die Freiheit der Mobilität sichern will.

Verkehrsminister Volker Wissing: Klimaschutz bedeutet Freiheit Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes im Gespräch mit Verkehrsminister Volker Wissing

Die Klimaziele will der FDP-Politiker gemeinsam mit den Bürgern erreichen.

Volker Wissing versetzte in der vergangenen Woche nicht nur seine eigene Partei in helle Aufregung, sondern auch die gesamte Mobilitätsbranche – vor allem die Automobilindustrie. Der erste Bundesverkehrsminister der FDP legte sich öffentlich auf das Elektroauto als das Fahrzeug der Zukunft fest. Der 51-Jährige verabschiedete sich damit von möglichen Alternativen wie etwa den Verbrennungsmotoren mit synthetischen Kraftstoffen oder der Brennstoffzelle.

Eine interne Anweisung seines Hauses präzisierte die politische Entscheidung: Darin konkretisierte der Minister das im Koalitionsvertrag verabredete Ziel, 15 Millionen Elektroautos bis 2030 auf die Straße zu bringen. Gemeint sind damit – nach Absprache mit Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) – vollelektrische Autos, also keine Plug-in-Hybride, Wasserstoffautos oder andere Mobile.

Bei seiner ersten Rede als Minister im Bundestag dann ruderte Wissing am Abend desselben Tages zurück. „Jeder Beitrag zur CO2-Reduzierung ist wichtig“, erklärte er vor dem Parlament. Mobilität müsse sich „technologieoffen“ entwickeln. Auf der Energietagung des Handelsblatts rechtfertigte Wissing nun am Montag seine Äußerungen und skizzierte gleichzeitig seine Pläne für eine elektrisierte Verkehrswelt.

Wissing stellte klar: „Mir geht es darum, die Menschen zum Nachdenken zu motivieren, damit sie für ihre individuellen Anforderungen immer die klimafreundlichste Antriebsart wählen.“ Jeder soll wenn möglich ein vollelektrisches Auto fahren, das meist für Pendler völlig ausreiche.

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    Aber natürlich werde auch das Hybrid-Auto weiter seinen Beitrag leisten, um die Klimaziele zu erreichen – so wie synthetische Kraftstoffe im Luftverkehr oder im Schwerlastverkehr. „Ich möchte auf jeden Fall, dass die E-Mobilität dort schnell zum Einsatz kommt, wo sie sehr sinnvoll ist. Das werden wir entsprechend mit Förderprogrammen und dem Ausbau von Ladeinfrastruktur begleiten“, kündigte Wissing an.

    Zugleich freut sich Wissing, dass viele Menschen sich auch mehr Radwege, mehr Nahverkehre und eine bessere Bahn wünschen. „Mein Ziel ist es, die Vielfalt an Lebensentwürfen nicht durch eine staatliche Einheitsvorgabe zu beschneiden“, sagte der Liberale. Er sei mit Bahn-Chef Richard Lutz in einem guten Austausch. „Die Menschen müssen Lust haben, Bahn zu fahren.“

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Minister, kürzlich sorgten Sie mit Aussagen für Verwirrung, bei denen die Frage blieb: Sollen auf den Straßen nur noch Elektroautos fahren oder stehen Sie weiter für Technologieoffenheit?
    Wir müssen technologieoffen sein, aber wir müssen uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass es ein Einheitsangebot gibt. Wir brauchen unterschiedliche Anwendungen für den Luftverkehr, für den Schiffsverkehr und für den Individualverkehr.

    Aber verwirren Sie nicht all jene, die sich etwa ein neues Auto kaufen wollen, wenn sie mal Ja, mal Nein zu synthetischen Kraftstoffen sagen?
    Mir geht es darum, die Menschen zum Nachdenken zu motivieren, damit sie für ihre individuellen Anforderungen immer die klimafreundlichste Antriebsart wählen. Oft wird zum Beispiel die Reichweite beim E-Auto kritisiert: Wenn sie bei 400 Kilometern liegt, ich selbst aber am Tag weniger als 100 Kilometer zum Arbeitsplatz pendle: Was spricht dann gegen ein E-Auto?

    Auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel erläuterte der Verkehrsminister seine Pläne für die kommenden Jahre. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

    Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes im Gespräch mit Volker Wissing

    Auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel erläuterte der Verkehrsminister seine Pläne für die kommenden Jahre.

    Sie wollen 15 Millionen vollelektrische Autos bis 2030 auf den Straßen haben. Wie soll das gelingen?
    Wir wollen elektrisch betriebene Fahrzeuge haben. Natürlich leistet der Hybrid dazu einen Beitrag. Aber idealerweise sind es vollelektrische Autos.

    Moment bitte: Bezieht sich das Ziel von 15 Millionen Fahrzeugen nun auf vollelektrische oder auch auf hybride Fahrzeuge?
    Wir sollten den Ehrgeiz haben, so viel Klimaschutz wie möglich zu betreiben.

    Auf den Straßen fahren derzeit rund 600.000 vollelektrische Autos. Das hieße, von heute an müssten pro Jahr 1,6 Millionen reine Stromer verkauft werden, das wäre jedes zweite Auto. Wie soll das gelingen?
    Wir können nicht zögern und abwarten, bis es die eine Lösung gibt. Viele technologische Fragen sind noch nicht abschließend geklärt. Deswegen ist es so wichtig, dass jeder sein Verhalten überdenkt und schaut, welchen Beitrag er heute schon leisten kann, um CO2-Emissionen zu vermeiden. Elektroautos können da kurzfristig helfen. Aber natürlich leisten auch E-Fuels einen Beitrag, etwa bei Flugzeugen und schweren Nutzfahrzeugen. Deshalb bin ich froh über jeden Liter, den wir nicht anderswo einsetzen müssen.

    Das heißt, in fünf Jahren können wir nur noch reine E-Mobile kaufen?
    Wir sollten die Möglichkeiten nutzen, schon heute ohne Emissionen zu fahren. Dazu will ich alle einladen, zugleich aber technologieoffen bleiben. Wir können nicht in allen Bereichen dieselbe Lösung haben.

    Potenzielle Käufer fragen sich, ob es künftig mehr oder weniger Fördermittel zum Kauf eines E-Autos geben wird. Was planen Sie?
    Ich möchte auf jeden Fall, dass die E-Mobilität dort schnell zum Einsatz kommt, wo sie sehr sinnvoll ist. Das werden wir entsprechend mit Förderprogrammen und dem Ausbau von Ladeinfrastruktur begleiten.

    Das heißt, es wird auf jeden Fall nicht weniger Förderung geben?
    Nein, wir wollen ja unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

    Sie sprachen die Ladesäulen an. Wie wollen Sie da den Ausbau forcieren?
    Wir sollten gemeinsam so viel wie möglich Ladeinfrastruktur schaffen. Elektromobilität wird ganz offenkundig ein Teil unseres Mobilitätsmixes sein, also sollte sie so einfach wie möglich sein: durch so viele Schnellladesäulen wie möglich, durch dezentrale Lademöglichkeiten und alle Bezahlmöglichkeiten. Das ist die Botschaft. Ich unterstütze diesen Weg mit Förderprogrammen, so gut ich kann.

    Wie wollen Sie konkret für Schwung sorgen, schließlich lautete das Ziel: eine Million Ladepunkte bis 2030?
    Wir schauen uns gerade genau an, was wir auf den Weg bringen können. Neulich berichtete mir aber jemand, in einer Kommune solle ein Parkhaus mit 300 Stellplätzen entstehen, von denen drei eine Lademöglichkeit haben sollen. Da ist offenkundig eine Botschaft nicht angekommen. So werden wir die Infrastruktur der Zukunft nicht errichten können. Jeder muss wissen, dass wir nur so mobil wie heute bleiben können, wenn wir die Klimaschutzziele erreichen. Deshalb bin ich so engagiert unterwegs. Meine Aufgabe als Verkehrsminister ist es, Mobilität zu sichern. Abwarten ist keine Option.

    Grafik

    Unterstellen wir mal, es fahren 2030 die avisierten 15 Millionen Stromer auf den Straßen. Dennoch würden die Klimaziele im Verkehrssektor um 50 Prozent verfehlt. Wie gehen Sie mit der Lücke um?
    Die Zahlen treiben mich um. Deshalb appelliere ich an jeden, heute schon das eigene Verhalten zu überdenken und nicht abzuwarten. Mein Ziel ist es, die Vielfalt an Lebensentwürfen nicht durch eine staatliche Einheitsvorgabe zu beschneiden. Viele Menschen erwarten mehr Radwege, mehr ÖPNV. Viele wünschen sich pünktlichere und mehr Bahnverbindungen. Das ist doch ein gutes Zeichen. Es zeigt, die Menschen denken nicht nur an den Individualverkehr. Zugleich aber war ich Verkehrsminister in einem Flächenland. Die Realität dort sagt mir, dass wir in der Fläche auf absehbare Zeit kein ÖPNV-Angebot schaffen können, was dem in Metropolen entspricht. Deswegen brauchen wir dort klimaneutralen Individualverkehr.

    Wo soll der Strom herkommen, wenn Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden und wir dann noch viel Strom für Mobilität benötigen?
    Das sind in der Tat große Fragen. Wir wissen, dass wir nicht sofort aus der Kohleverstromung aussteigen können, ohne in Gaskraftwerke einzusteigen. Mit dieser Aufgabe beschäftigt sich der Energieminister. Grundsätzlich aber gilt: Wir müssen uns schneller bewegen, Planungsverfahren beschleunigen. Wir müssen größer denken, weil die Aufgabe, die wir uns mit dem Umbau der Energieversorgung vorgenommen haben, eine gigantische ist.

    Sie werden Strom aus dem Ausland importieren müssen, um den Bedarf zu decken.
    Die Wahrheit ist, dass wir diese große Aufgabe nicht lösen können, wenn wir sie in die Zukunft verlagern. Wir schaffen es nur, wenn wir das Machbare heute umsetzen. Diesen Weg wollen wir gehen. Wir haben in der Vergangenheit viele Möglichkeiten nicht genutzt. Wir sind nicht schnell genug vorangekommen. Deshalb müssen wir jetzt schneller werden.

    Der Verkehrssektor verfehlt in diesem Jahr erneut sein Kurzfristziel. Wie sieht Ihr Sofortprogramm aus, um es wieder einzuhalten?
    Durch eine kurzfristige regulatorische Maßnahme kann man keinen schnellen Effekt erzielen. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass die Gesellschaft insgesamt in der Verantwortung steht.

    Den Nahverkehr oder das Schienennetz auszubauen braucht viel Zeit. Die Bahn soll einen großen Beitrag leisten, ist selbst aber in einem beklagenswerten Zustand. Wie sieht da Ihr Notprogramm aus?

    Wir wollen den Wettbewerb stärker nutzen. Er ist ein Schlüssel zur Lösung großer Probleme. Die Bahn wird erheblich mehr Personal einstellen. Wir wollen die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um besser zu werden. Ich bin in engem Austausch mit Bahn-Chef Lutz. Die Menschen müssen Lust haben, Bahn zu fahren. Das gilt es hinzukriegen. Die Bahn ist sehr motiviert. Sie wollen. Die Bundesregierung will auch. Das ist doch eine gute Voraussetzung.

    Zuletzt noch eine Frage, die die Handelsblatt-Leser besonders beschäftigt: Wann kommt das Tempolimit auf deutschen Autobahnen?

    Das Thema treibt die Menschen um. Aber es ist ein Thema, dass die Probleme im PKW-Bereich überhaupt nicht löst. Es ist ein ganz kleines Thema, auch wenn es ein emotionales ist. Ich setzte auf die digitale Steuerung von Verkehrsströmen. Wir müssen auch da besser werden und die vorhandene Infrastruktur intelligenter nutzen. Ein ständiges Mehr und Weiter beim Infrastrukturausbau kann es nicht geben. CO2 können wir besser durch eine intelligente Verkehrssteuerung einsparen als analog über pauschale Verbote.

    Also doch ein Tempolimit durch die digitale Hintertür?

    Die Leute stört doch am starren Tempolimit, auf einer freien Autobahn bei 135 Stundenkilometern geblitzt zu werden. Umgekehrt muss man verstehen, dass eine dicht befahrene Autobahn mit einer unbegrenzten Geschwindigkeit ein Risiko darstellen kann. Diese Dinge sollten wir nicht mehr nur analog, sondern digital denken und individuelle Vorgaben machen, die sich der Situation anpassen. Deswegen sage ich, eine intelligente Steuerung ist besser.

    Herr Minister, vielen Dank für das Interview.

    Die Fragen stellte Sebastian Matthes.

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