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11.02.2020

16:23

Hochschule

Wie Bayern eine Edel-TU für Nürnberg entstehen lässt

Von: Barbara Gillmann

Bayern plant mit Milliardenaufwand eine Modell-TU. Die Konkurrenz blickt mit Neid nach Franken, der Wissenschaftsrat warnt vor zu hohen Erwartungen.

Auf dem Areal (rote Fläche ) an der Brunecker Straße soll der Neue Uni Campus in Nürnberg entstehen. Udo Dreier

TU Nürnberg

Auf dem Areal (rote Fläche ) an der Brunecker Straße soll der Neue Uni Campus in Nürnberg entstehen.

Berlin Die Bauarbeiten haben begonnen, für 2025 ist das erste Semester geplant. Doch die neue Technische Universität Nürnberg soll nicht einfach eine weitere Universität werden, sondern eine Vorzeige-TU, wie es sie bisher in Deutschland nicht gibt: international, innovativ, individuell, interdisziplinär und voll digitalisiert. Neben Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sollen 20 Prozent Geisteswissenschaftler die Interdisziplinarität beflügeln.

Der Freistaat lässt sich nicht lumpen: Für die Gründung der kleinen, feinen „TUN“ hat er 1,2 Milliarden Euro vorgesehen – und für den Betrieb mit nur 5 000 bis 6 000 Studenten jährlich 220 bis 240 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Elite-Uni TU München hat bei 43 000 Studenten einen Etat von 560 Millionen Euro.

Extraordinär ist die angepeilte Internationalität: Ein Drittel der Professoren soll aus dem Ausland kommen, bei den Studenten sogar 40 Prozent. Dazu soll die Lehre nahezu komplett in englischer Sprache stattfinden. Das gibt es bisher an staatlichen Universitäten nur im Einzelfall in Master-Studiengängen. Bundesweit kommen von den aktuell 2,8 Millionen Studenten gut zehn Prozent aus dem Ausland – und das gilt schon als großer Erfolg des Hochschulstandorts. Von den Professoren stammen nur sechs Prozent nicht aus Deutschland.

Entstanden ist das Konzept unter der Ägide des langjährigen, sehr innovativen Präsidenten der TU München, Wolfgang Herrmann. Die Konkurrenz beobachtet es aufmerksam: „Das kann einen schon mit Neid erfüllen, denn das sind Bedingungen, die wir uns alle wünschen“, sagt Wolfram Ressel, Rektor der TU Stuttgart und zugleich Vorsitzender der TU9, des Verbands der führenden TUs. „Wir sind sehr gespannt, ob die TUN Erfolg hat.“
Bayern vor Baden-Württemberg

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    Der Freistaat stampft nicht nur eine Luxus-TU aus dem Boden, er stärkt zugleich die Region: Die altehrwürdige, 275 Jahre alte Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit fast 40 000 Studierenden soll 1,5 Milliarden Euro zusätzlich erhalten, die Technische Hochschule Nürnberg der Stadt weitere 300 Millionen. „Damit zieht Bayern auch an Baden-Württemberg vorbei“, so Ressel. „Das zeigt: Es geht, man muss es nur wollen.“

    Und Söder will: „Wenn sogar Berlin durch Kooperation seiner Hochschulen den Exzellenzstatus erreicht, muss es in Bayern erst recht möglich sein – in Franken zum Beispiel“, sagte er bei der Vorstellung der neuen „Hightech-Agenda“ des Freistaats. Hintergrund ist der Ärger, dass Bayern anfangs zwei von drei Elite-Unis stellte, nun aber nur noch zwei von elf – und Baden-Württemberg vier.

    Erwartungen etwas hochgegriffen

    Auf Bitten des Freistaats hat der Wissenschaftsrat – das zentrale Beratungsgremium der deutschen Wissenschaftspolitik – die Pläne akribisch geprüft. „Ein beeindruckender finanzieller Kraftakt für die Wissenschaft“ sei das, was Bayern da vorhabe, sagte der Generalsekretär des Rats, Thomas May. Im Erfolgsfall werde die TUN „Modellcharakter für andere Hochschulen“ haben und Vorbild sein bei Digitalisierung und Interdisziplinarität.

    An diversen Punkten sei die Erwartung an den fränkischen Leuchtturm jedoch etwas hoch gegriffen, fasste der Generalsekretär die 80-seitige Expertise zusammen – und riet: „Leute, nehmt euch nicht zu viel vor.“ So sei es schon „ein Riesenerfolg“, wenn die TUN bei der Internationalität „auch nur in die Nähe der geplanten Werte kommt“.

    Unklar sei vor allem, wie eine Universität, die „noch gar keinen Ruf hat, es schaffen soll, so viele exzellente Professoren aus dem Ausland anzulocken“. Für den Anfang empfiehlt der Rat, mit weniger als den geplanten sieben „Aktivitätsfeldern“ zu starten.

    Die TUN soll nämlich nicht nur exzellente Lern- und Lehrbedingungen bieten, sondern auch inhaltlich ganz neue Wege gehen: statt abgeschotteter Fakultäten ein interdisziplinäres Netzwerk mit Departments und flachen Hierarchien nach angelsächsischem Vorbild. Die Studiengänge sollen Bachelor und Master im Verbund organisieren. Das dürfte die Augen vieler Ingenieure zum Leuchten bringen – taten sie sich doch extrem schwer mit dem Abschied vom „Dipl.-Ing.“.

    All das „bringt viel Flexibilität und ist auf der grünen Wiese sicher leichter zu etablieren als eine traditionell organisierte Uni umzubauen“, sagt Ressel anerkennend. Nach Ansicht des Wissenschaftsrats besteht jedoch die Gefahr, dass ein Bachelor-Abschluss der TUN im Zweifel womöglich nicht geeignet sei, damit sofort in die Praxis zu wechseln. Auch könne‧ die interdisziplinäre Struktur ein ‧Hindernis für den Wechsel an eine herkömmlich organisierte Uni sein.

    „Verwaltung tickt nicht international“

    Englisch als durchgängige Unterrichtssprache findet der Rat prinzipiell gut. Nötig seien aber „flächendeckend Deutsch-Kurse – und zwar allgemein als auch für die jeweilige Fachsprache“. Nur so wären Absolventen dann auch fit für den deutschen Arbeitsmarkt. Der Stuttgarter Rektor Ressel gibt zu bedenken, dass das Prinzip nur schwer durchzuhalten sei: „Schließlich arbeitet eine Uni-Verwaltung nach deutschem Recht, muss deutsche Zeugnisse ausstellen und deutsche Verträge schließen.“

    Er und seine Kollegen seien aber sehr gespannt, ob es der TUN gelinge, „so viel PS auf die Straße zu bringen“. Ob sie dafür auf Dauer von der Politik wirklich so viele Freiheiten erhält, wie versprochen, kann sich der TU9-Präsident nicht recht vorstellen: „Selbst mit einer Experimentierklausel können sie nicht das komplette Landes-Hochschulgesetz außer Kraft setzen.“ Das gelte vor allem für die Luxusbetreuung – anderswo wäre die nicht nur finanziell, sondern auch rechtlich unmöglich.

    Die Macht der bayerischen Bürokraten war denn auch ein Grund, warum Wolfgang Herrmann das Projekt Nürnberg nicht selbst anschieben wollte. „Die Verwaltungen ticken nicht international – und es ist ihnen wurscht, wenn eine Uni Hunderte Millionen Drittmittel einwirbt“, sagte er zum Abschied im Handelsblatt. Deshalb habe er abgelehnt, Gründungspräsident der neuen TU Nürnberg zu werden. Die Suche nach einem Präsidenten für die neue Luxus-TU läuft noch.

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