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29.09.2021

15:11

IHK-Unternehmensbarometer

Bürokratie, Energiekosten: Unternehmen bewerten Standort Deutschland schlechter als 2009

Von: Julian Olk

Die Rahmenbedingungen für Firmen in Deutschland verschlechtern sich. DIHK-Präsident Adrian fordert einen „Investitionsruck“ von der neuen Bundesregierung.

In vergangenen Auswertungen hatten die Unternehmen eine Verbesserung bei der Bürokratie gegenüber 2009 gesehen – jetzt steht sie noch schlechter da als damals. imago/fossiphoto

Akten

In vergangenen Auswertungen hatten die Unternehmen eine Verbesserung bei der Bürokratie gegenüber 2009 gesehen – jetzt steht sie noch schlechter da als damals.

Berlin 2009 war für die Bundesrepublik wahrlich kein Jahr der Freude. Nach dem Überschwappen der US-Finanzkrise nach Europa im Vorjahr brach das Wachstum ein, an den Börsen herrschte Panik, Banken mussten mit Staatsgeld gerettet werden.

Die deutschen Unternehmen aber bewerteten ihre Lage damals dennoch in vielerlei Hinsicht besser als heute. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Unternehmensbarometer der Industrie- und Handelskammern (IHK) hervor, für das 3500 Firmen befragt wurden. Die Unternehmen hätten „Angst, dass Deutschland zunehmend an Boden verliert“, sagt Peter Adrian, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Die verschlechterten Standortbedingungen drücken sich auf drei zentralen Feldern aus: Bürokratie, digitale Infrastruktur und Energiekosten. Die Unternehmen waren aufgefordert, die Rahmenbedingungen mit Schulnoten zu bewerten.

Schlusslicht sind die bürokratischen Hindernisse mit einer Wertung von 4,8 – in der Schule wäre das eine „Fünf plus“. Viele Unternehmen haben nicht die Ressourcen, um immer mehr analoge, komplexe und sich wiederholende Melde-, Berichts- und Dokumentationspflichten zu erfüllen. Schleppende Genehmigungen und komplexe Regelungen bremsen zunehmend, zeigt die Umfrage.

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Standort erkennen

    In den Auswertungen von 2013 und 2017 hatten die Unternehmen eine Verbesserung bei der Bürokratie gegenüber 2009 gesehen. Damals bewerteten sie die Lage mit 4,6. „Leider Gottes ist in Sachen Bürokratieabbau keine Verbesserung erkennbar“, kritisiert DIHK-Präsident Adrian.

    Energiekosten auf Rekordhoch

    Einen weiteren Nachteil sehen sie bei den hohen Energiekosten, insbesondere beim Strom. Dieser Standortfaktor erhält eine Wertung von 4,5. Die Beschaffungskosten für Strom und Gas haben im September 2021 Allzeitrekorde aufgestellt.

    An der Strombörse in Leipzig haben sich seit März 2020 die Notierungen für Stromlieferungen im kommenden Jahr mit über 70 Euro pro Megawattstunde (MWh) mehr als verdoppelt. Seit rund zwölf Jahren war der Strom im Großhandel nicht mehr so teuer. „Diese Problematik wird sich auch in der nächsten Zeit weiter negativ entwickeln“, sagt DIHK-Präsident Adrian.

    Eine ähnliche Rally hat der Gaspreis hingelegt. Im langjährigen Mittel schwankt er zwischen 15 und 20 Euro pro MWh. Aktuell liegt er bei 65 Euro pro MWh und hat sich damit innerhalb von nur wenigen Monaten mehr als verdreifacht.

    Die Energiekosten werden durch immer höher werdende Abgaben für CO2-Emmissionen, die die Energieproduzenten weitergeben, sowie steigende Ölpreise getrieben. Nicht zu unterschätzen sind beim Strom die Steuern und Abgaben, die inzwischen rund die Hälfte des Preises ausmachen.

    Dazu trägt insbesondere die EEG-Umlage zur Förderung von Ökostromanlagen bei, die zusätzliche bürokratische Hindernisse mit sich bringt. Damit sie nicht drastisch steigt, hatte die Bundesregierung sie für 2021 und 2022 mit milliardenschweren Steuergeldern aus dem Haushalt stabilisiert. In ihren Wahlprogrammen versprechen alle großen Parteien, die milliardenschwere EEG-Umlage abzuschaffen oder zu senken. Das aber muss gegenfinanziert werden.

    Die nächste Bundesregierung müsse handeln, fordert der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Holger Lösch: „Sie muss staatliche Lasten auf den Strompreis reduzieren, etwa durch die Senkung der EEG-Umlage.“ Niedrigere Strompreise seien essenziell für einen wettbewerbsfähigen Standort Deutschland.

    Rückstand bei der digitalen Infrastruktur

    Auch bei der Digitalisierung hängt Deutschland weiter zurück. Die IHK-Firmen gaben der digitalen Infrastruktur 2017 noch eine Note von 3,7, jetzt fiel sie auf 4,3. Für die meisten Unternehmer – 61 Prozent – ist die Digitalisierung das Thema, das die künftige Bundesregierung am dringendsten angehen muss.

    Andere Standortuntersuchungen kommen mit Blick auf Deutschland zu einem ähnlichen Befund. Beim „Ease of Doing Business Index“ der Weltbank, der die Geschäftsfreundlichkeit eines Landes misst, rangierte Deutschland 2020 auf Rang 22 von 190 Nationen. Beim Aufwand, ein Unternehmen aufzubauen, ist Deutschland etwa seit 2013 um 20 Plätze abgerutscht. Die einstige Gründernation landete nur auf Platz 126 – hinter Ländern wie Guinea, Djibouti und Mali.

    Insbesondere bürokratische Hemmnisse erschweren laut Weltbank die Geschäftstätigkeit in Deutschland. Die Auswirkungen langer Plan- und Genehmigungsverfahren bei Bauvorhaben haben sich laut Weltbank bei der Gründung von Firmen hierzulande noch verschlimmert. Der Weltbank-Index entsteht aus der jährlichen Befragung von 12.500 Experten und Ökonomen.

    DIHK-Präsident Adrian sieht die neue Bundesregierung in der Pflicht, für Besserung zu sorgen. „Unsere Wirtschaft braucht jetzt einen spürbaren Investitionsruck in Deutschland“, sagt er. Richtschnur für den neuen Koalitionsvertrag solle deshalb sein, private und öffentliche Investitionen zu fördern. Deutschland dürfe besonders gründlich sein, aber nicht langsamer als der Rest der Welt.

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