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30.10.2019

05:09

Industrie im Wandel

Klimaneutralität: Studie zeigt Alternativen zu CO2-Plänen der EU-Kommission

Von: Klaus Stratmann

Energieintensive Konzerne brauchen schleunigst politische Leitlinien für die Energiewende, sagt eine Studie. Die Experten geben konkrete Schritte an.

Der Stahl- und Industriekonzern investiert Milliarden in die Klimaneutralität – die Branche erwartet klare Richtlinien der Politik, europaweit. dpa

Thyssen-Krupp-Hochöfen in Duisburg

Der Stahl- und Industriekonzern investiert Milliarden in die Klimaneutralität – die Branche erwartet klare Richtlinien der Politik, europaweit.

Berlin Die Energiewende stellt die deutsche Industrie vor Herausforderungen. Die nehmen die Konzerne offenbar auch an. Allein Thyssen-Krupp will in den kommenden Jahren zehn Milliarden Euro investieren, um die Stahlproduktion klimafreundlich zu machen. „Wir setzen das Ziel einer klimaneutralen Stahlerzeugung schrittweise in die Realität um“, erklärt André Horstkötter die Marschrichtung des Unternehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, sei der Stahlkonzern auf bezahlbare Energie und ausreichenden Mengen klimafreundlichen Wasserstoffs angewiesen. „Dazu braucht es so bald wie möglich die richtigen, gut aufeinander abgestimmten politischen Rahmenbedingungen“, sagte Horstkötter.

So wie Thyssen-Krupp geht es allen Unternehmen der energieintensiven Branchen. Sie stehen vor riesigen Investitionen in ganz neue Produktionsverfahren. Sie sind bereit, Milliardenbeträge in die Hand zu nehmen. Doch sie müssen langfristig wissen, wie die Politik ihnen hilft. Dabei geht es zwar auch um Geld, etwa um öffentliche Mittel für Forschung und Entwicklung.

Andere Faktoren sind aber noch wichtiger: Woher kommt bezahlbarer, CO2-freier Strom? Gibt es einen verlässlichen Ausgleich für Mehrkosten europäischer Unternehmen, die das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 anstreben, mit ihren Produkten aber gegen Wettbewerber aus anderen Weltregionen antreten, in denen Klimaschutz keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt? Stark betroffen sind Unternehmen aus den Branchen Stahl, Chemie, Papier, Zement, Glas und Nicht-Eisen-Metalle wie Kupfer oder Aluminium. In Deutschland stehen diese Branchen für mehr als 800.000 Jobs.

Die „Climate Friendly Material Platform“ legt nun einen Bericht vor, in dem sie die wesentlichen Bausteine für eine klimaneutrale Industrieproduktion in Europa skizziert. Erarbeitet haben den Bericht, der dem Handelsblatt vorliegt, Forscher und Fachleute aus Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Frankreich, Polen, Belgien und Schweden. Auf deutscher Seite federführend war Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch die Vertreter energieintensiver Unternehmen, darunter neben Thyssen-Krupp auch BASF und Covestro, wurden in den Prozess einbezogen.

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Standort erkennen

    Mehrere Elemente haben aus Sicht der Autoren zentrale Bedeutung: Es soll ein „Klimabeitrag“ in Form einer Abgabe auf kohlenstoffintensive Materialien eingeführt werden, die zur Endverwendung in Europa verkauft werden. Dabei soll nicht nach Produktionsverfahren oder Standort differenziert werden. Der „Klimabeitrag“ sei eine pragmatische Alternative zu einer Besteuerung von Produkten nach CO2-Gehalt bei ihrer Einfuhr in die EU („Border Carbon Tax“). Die Border Carbon Tax wird allerdings von der künftigen EU-Kommission unter Kommissionschefin Ursula von der Leyen favorisiert.

    Angst vor der Energieflucht aus Europa

    Der „Klimabeitrag“ soll Anreize zur Verwendung klimafreundlicher Materialien geben. Die Einnahmen sollen dafür genutzt werden, Umstellungsprozesse in der Industrie zu finanzieren. Außerdem plädieren die Autoren für projektbezogene „Contract for Difference“-Modelle: Öffentliche Hand und Unternehmen schließen Verträge für die Entwicklung von klimafreundlichen Projekten. Darin wird ein bestimmter CO2-Preis über eine gewisse Laufzeit garantiert. Der Projektentwickler zahlt beziehungsweise erhält die Differenz zwischen Referenzpreis und dem tatsächlichen Preis im Emissionshandel. Außerdem müsse das öffentliche Beschaffungswesen auf allen Ebenen viel stärker an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtet werden, fordern die Autoren.

    Die Empfehlungen der Climate Friendly Material Platform sollten die künftige EU-Kommission aufhorchen lassen. Von der Leyen will die Klimaneutralität der EU ins Zentrum ihrer Arbeit rücken. „Ich möchte, dass der Green Deal Europas Markenzeichen wird“, hatte die designierte EU-Kommissionspräsidentin bei der Präsentation ihres neuen Teams von Kommissarinnen und Kommissaren im September erklärt. Eines ihre Ziele ist es, „Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt“ zu machen.

    Das geht nur, wenn auch die energieintensiven Branchen klimaneutral werden. Sie stehen für 16 Prozent der Treibhausgasemissionen in Europa. Die neue und künftige EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat bereits angekündigt, dass sie den Druck auf die Unternehmen der energieintensiven Branchen erhöhen will, indem sie die Kompensation der direkten und indirekten Kosten des Emissionshandels drastisch kürzt. Druck allein wird aber nicht ausreichen. Er könnte vielmehr dazu führen, dass Unternehmen ihre Produktion aus Europa in solche Regionen der Welt verlagern, in denen es keinen Emissionshandel und keine strengen Klimaschutzauflagen gibt.

    „Die chemische Industrie ist zuversichtlich, dass technisch die Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden kann. Jetzt brauchen wir dringend einen Konsens zwischen Industrie und Verbrauchern sowie gesellschaftlichen und politischen Akteuren über die Priorisierung der Maßnahmen“, sagte Christoph Sieverding vom Chemiekonzern Covestro. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hatte kürzlich eine Studie vorgestellt, die den Weg der Branche zur Klimaneutralität bis 2050 skizziert. Zu den Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um das Ziel zu erreichen, gehört, dass große Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen zu geringen Kosten zur Verfügung stehen.

    Selbst Umwelt- und Klimaschutzorganisationen wie Germanwatch haben längst erkannt, dass man die betroffenen Unternehmen mit ihren Problemen nicht allein lassen kann. „Wir brauchen jetzt dringend die Debatte über einen kohärenten politischen Rahmen, um Chancen zu stimulieren und Risiken zu begrenzen“, sagt Christoph Bals von Germanwatch. Das sieht DIW-Forscher Karsten Neuhoff ebenso: „In Zeiten großer internationaler Unsicherheiten brauchen Investoren Klarheit“, sagt er. Die europäische Politik habe nun die Gelegenheit, wissenschaftliche Erkenntnisse in einen konkreten politischen Rahmen umzusetzen, um Investitionen in Europa anzureizen.

    Mehr: Ein Ergänzungshaushalt fürs gute Klima. Die Finanzierung des Klimapakets summiert sich auf 54 Milliarden Euro bis 2023. Neuen Förderprogrammen stehen höhere Abgaben und Steuern gegenüber.

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