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01.12.2021

15:59

Interview

Direktorin des Deutschen Jugendinstituts: „Verstehe es gut, wenn Eltern die Nerven verlieren“

Von: Heike Anger

Die neue DJI-Direktorin hält die Coronamaßnahmen für die Jugend für eine starke Belastung. Im Interview spricht Sabine Walper über Schulschließungen und die allgemeine Impfpflicht.

Warum sind die Corona-Maßnahmen für Kinder eine starke Belastung? Wort & Bild Verlag - Verlagsmeld

Sabine Walper

„Im weiteren Verlauf der Pandemie muss die Politik noch stärker darauf schauen, wie Familien besser unterstützt werden können.“

Die neue Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Sabine Walper, hält neuerliche Kita- und Schulschließungen im Kampf gegen die Coronakrise nicht für ausgeschlossen. „So gravierend, wie die Situation jetzt ist, muss die Politik wohl tatsächlich wieder alle Register ziehen, um das Infektionsrisiko zu bannen“, sagte Walper dem Handelsblatt.

Zugleich machte die Psychologin und Pädagogikprofessorin auf die Folgen solcher Maßnahmen aufmerksam. „Kita- oder Schulschließungen sind starke Belastungen für die Kinder und Jugendlichen. Das darf man wirklich nicht unterschätzen.“

Schon der erste Lockdown, in dem sehr stark auf die Solidarität der Jüngeren mit den Älteren gesetzt worden sei, sei für viele Kita- und Schulkinder mit vermehrten Einsamkeitsgefühlen, mit sozialer Isolation, mit erhöhten Ängsten und Depressivität verbunden gewesen.

Das gelte nun erst recht, „da wir in eine gewaltige vierte Coronawelle hineinrauschen“. Jetzt machten sich viele Sorgen, wie es mit ihrem Leben, ihrer Bildung weitergehe.

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    Auch die Eltern sieht Walper unter Druck: „Ich verstehe es gut, wenn die Eltern jetzt die Nerven verlieren, weil die Kinder wieder zu Hause bleiben müssen.“ Familien würden in der Coronakrise viel zu wenig berücksichtigt.

    Walper forderte: „Im weiteren Verlauf der Pandemie muss die Politik noch stärker darauf schauen, wie Familien besser unterstützt werden können.“ Dazu zählte auch, dass Beratungsdienste und Psychotherapiepraxen verfügbar seien, auch online. „Die wirksamste Entlastung ist allerdings, wenn die eingespielten Betreuungs- und Bildungssysteme aufrechterhalten werden“, stellte die DJI-Direktorin klar.

    Lesen Sie hier das vollständige Interview:

    Frau Professorin Walper, schon wieder schließen Schulen wegen Corona oder gehen in den Wechselunterricht. Was bedeutet das für die Kinder und Jugendlichen?
    Kita- oder Schulschließungen sind starke Belastungen für die Kinder und Jugendlichen. Das darf man wirklich nicht unterschätzen. Schon der erste Lockdown, in dem sehr stark auf die Solidarität der Jüngeren mit den Älteren gesetzt wurde, war für viele Kita- und Schulkinder mit vermehrten Einsamkeitsgefühlen, mit sozialer Isolation, mit erhöhten Ängsten und Depressivität verbunden. Auch Schülerinnen und Schüler, die vor Abschlüssen standen, hatten eine schwere Zeit. Das gilt nun erst recht, da wir in eine gewaltige vierte Coronawelle hineinrauschen. Jetzt machen sich viele Sorgen, wie es mit ihrem Leben, ihrer Bildung weitergeht.



    Also besser keine Schulschließungen mehr?
    So gravierend, wie die Situation jetzt ist, muss die Politik wohl tatsächlich wieder alle Register ziehen, um das Infektionsrisiko zu bannen. Sie hätte sicherlich früher vorsorgen müssen, damit wir gar nicht mehr in diese Situation kommen. Wären doch die Impfungen besser vorangekommen und hätte die Politik eine bessere Kampagne gefahren, um noch die Letzten mit Vorbehalten zur Solidarität mit allen anderen zu bewegen. Ich verstehe es gut, wenn die Eltern jetzt die Nerven verlieren, weil die Kinder wieder zu Hause bleiben müssen.

    Wie bewerten Sie eine Impfpflicht, auch zum Schutze der Kinder?
    Eine Impfpflicht nur einzelner Berufsgruppen wäre zu kurz gesprungen. Wenn, dann müsste es zumindest eine einrichtungsbezogene Impfpflicht sein, die alle Beschäftigten betrifft, also auch das Reinigungs- und Küchenpersonal im Pflegeheim, in der Kita oder in der Schule. Ich persönlich bin sogar mehr für eine allgemeine Impfpflicht. Denn auch die Besucher von Einrichtungen werden zum Überträger in den vulnerablen Gruppen. Und wie wollen wir auf Dauer die Kontrollen in Bussen, Zügen, Einkaufszentren und auf Weihnachtsmärkten organisieren? Wir müssen die Gemeinschaft aller sehen und die Solidarität aller mobilisieren, um die Pandemie in den Griff bekommen.

    Vita

    DJI-Direktorin

    Seit Oktober ist Sabine Walper Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München. Das DJI ist eines der größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute Europas, das die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien erforscht und Bund, Länder sowie Kommunen berät. Walper ist Psychologin und Pädagogikprofessorin.

    Düsseldorferin

    1956 wurde Walper in Düsseldorf geboren. Dort studierte sie ab 1975 auch Psychologie. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Mittlerweile lebt sie in München.

    Nach 20 Monaten Coronakrise gibt es erste Forschungsergebnisse darüber, welche Folgen die Pandemie für junge Menschen hat. Welche Befunde beunruhigen Sie am meisten?
    Der Anstieg von Belastungen der psychischen Gesundheit ist sehr besorgniserregend, zumal psychische Erkrankungen oft hartnäckig sind und schon vor der Coronapandemie Therapieplätze knapp und Wartezeiten lang waren. Wir müssen aber auch dringend auf die körperliche Gesundheit von Kindern schauen. Wir haben über die Lockdowns hinweg gesehen, dass sich die Mediennutzungszeiten der Kinder deutlich gesteigert haben. Umgekehrt sind ihre Bewegungszeiten deutlich runtergegangen. Viele Kinder sind rundlicher geworden. Nicht nur die psychische, sondern auch die körperliche Gesundheit ist oftmals in Gefahr.

    Welche Folgen der Pandemie sind noch gravierend?
    Auch die Bildungsnachteile sind klar. Da öffnet sich die Schere weiter – die Schere zwischen Kindern mit Förderbedarf und den anderen Schülerinnen und Schülern. Wir wissen, dass gerade bei Kindern, die sich ohnehin mit dem Schulstoff schwertun, die Lernzeiten noch abnahmen. Eltern leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler hatten es deutlich schwerer, ihre Kinder zum Lernen zu motivieren. Und das, was Schule an Kompensation leisten kann, kam kaum zum Tragen, weil Schule dann noch zeitweise weggebrochen war. Die Politik muss dringend überlegen, was sie dagegen tun will, sollte es wieder zu Gruppenschließungen oder einem Teil-Lockdown kommen.

    Was könnte konkret geschehen?
    Wenn Lockdown oder Wechselunterricht unumgänglich sind, müssen wir im Bereich der Digitalisierung gut aufgestellt sein. Wir müssen an den Punkt kommen, an dem wir die Teilnahme an digitalem Unterricht verbindlich machen können. Das setzt natürlich voraus, dass die Kinder Geräte haben und das WLAN funktioniert und vieles andere mehr.

    Es ist doch gerade das Gegenteil der Fall.
    Leider. Es ist bestürzend, dass die Politik und Bildungseinrichtungen im Sommer nicht wesentlich weitergekommen sind. Das gilt auch für die Luftfilter. Es drängt sich das Gefühl auf, alle waren erschöpft und haben sich erst mal zurückgelehnt und durchgeschnauft. Aber das fällt uns nun auf die Füße.

    Wo liegen die Probleme?
    Wir haben sehr anspruchsvolle Beschaffungsverfahren. Das hat einen Großteil der Probleme bei der Umsetzung des Digitalpaktes Schule ausgemacht. Es funktioniert nicht, wenn Schulen, die mit dem Alltagsgeschäft schon tüchtig ausgelastet sind, noch größere Anträge schreiben und Ausschreibungen für Anschaffungen auf den Weg bringen sollen. Sie brauchen also mehr Unterstützung bei solchen Beschaffungen. Das andere Problem: Es hapert an den Schulen auch an Personen, die sich mit der Technik auskennen. Wer Glück hat, findet eine Lehrkraft, die sich da reinfummelt. Vielerorts wird deutlich mehr IT-Expertise nötig sein. Aber in diesem Markt ist es alles andere als leicht, solche IT-Fachkräfte für eine Schule zu finden.

    Schüler verlieren Wissen, Kita-Kinder werden nicht gefördert – die langfristigen Kosten durch Corona sind Ökonomen zufolge extrem hoch. Lern- und Förderausfälle schlagen auf das Lebenseinkommen durch. Lässt sich da noch gegensteuern?
    Wir sollten vorsichtig sein mit den Bilanzen, die jetzt gezogen, mit den Prognosen, die nun abgegeben werden. Es ist nicht hilfreich, dass so häufig von der Generation Corona gesprochen wird. Wir vermitteln den jungen Menschen damit das Bild, dass sie viel verloren haben. Das steckt dann allen in den Knochen. Darum auch der Reflex: „Jetzt müssen wir wie verrückt Schule machen." Und alle denken nur noch an Deutsch und Mathe.

    Was ist falsch daran?
    Dahinter steckt ein sehr enges Bild von Schule. Gerade jetzt in der Coronapandemie braucht es einen breiten Blick darauf, was Schule wie auch Kita insgesamt leisten. Es sind soziale Biotope, in denen die Kinder und Jugendlichen sich ausprobieren können, Gemeinschaft erfahren, in denen sie ihre sozialen Fertigkeiten erwerben. Wir müssen diese Orte als Bildungsräume, aber auch als Lebensräume verstehen.

    Was folgt daraus?
    Es kommt darauf an, Spielräume zu lassen. Der Lernstoff ließe sich an der ein oder anderen Stelle abspecken.

    Viele Familien beklagen, sie würden in der Coronapolitik kaum berücksichtigt, es ginge nur um Shopping, Restaurants und Weihnachtsmärkte. Wie ist Ihr Eindruck?
    Es stimmt. Familien werden viel zu wenig berücksichtigt. Auch die jungen Leute, so kommt in Befragungen heraus, haben ganz stark den Eindruck, dass die Politik ihre Anliegen, ihre Sorgen und Nöte nicht sieht. Für die Familien wurden zwar Kurzarbeitergeld und Homeoffice-Regelungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf den Weg gebracht, damit die Betreuung der Kinder sichergestellt werden kann. Aber insgesamt lagen die Belastungen trotzdem bei den Familien, ohne dass dies in der politischen Diskussion schon frühzeitig zur Sprache gekommen wäre.

    Was müsste sich konkret ändern?
    Wichtige Maßnahmen sind schon mit dem Corona-Aufholpaket für Kinder auf den Weg gebracht worden. Im weiteren Verlauf der Pandemie muss die Politik noch stärker darauf schauen, wie Familien besser unterstützt werden können. Dazu zählt auch, dass Beratungsdienste verfügbar sind. Es gibt einen tüchtigen Run auf die Erziehungsberatungsstellen. Genauso sind die Psychotherapiepraxen ausgebucht. Online-Beratungsangebote sind jetzt wichtig, um die Lücken zu füllen. Auch die staatlich finanzierte Familienerholung kann eine wichtige Hilfe für Familien mit kleinen Einkommen oder Alleinerziehende leisten. Dies wurde auch erkannt und jetzt genutzt, um den Familien eine „Corona-Auszeit“ und damit ein Auftanken nach den Kraftanstrengungen der Pandemie zu ermöglichen. Das alles sind Maßnahmen, die helfen können, aber auch sichtbar und zugänglich gemacht werden müssen. Die wirksamste Entlastung ist allerdings, wenn die eingespielten Betreuungs- und Bildungssysteme aufrechterhalten werden.

    In der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig es für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, dass diese Systeme funktionieren.
    Richtig. Es kommt aber auch sehr stark auf die gelebte Kultur in den Betrieben an. Das gibt letztlich den Ausschlag dafür, ob die Leute das Gefühl haben, dass sie die angebotenen Maßnahmen auch wirklich ohne Nachteile in Anspruch nehmen können. Was Homeoffice angeht, hat sich jetzt immens viel getan. Vor den Lockdowns wurde stark auf die Präsenzkultur gesetzt, erst jetzt gab es einen Schub für großzügige Homeoffice-Regelungen. Das bleibt aber eine Gratwanderung, denn nicht jeder kommt gut im Homeoffice zurecht. Vor allem: Regelungen müssen die Familien wirksam entlasten, dürfen sie aber nicht zugleich in eine ungünstige Position versetzen. Das wäre der Fall, wenn hinterher kein Arbeitgeber mehr Menschen mit Kindern einstellen will, weil er denkt, die seien nur noch zu Hause. Da die Kinderlosigkeit zwar rückläufig ist, aber noch immer einen beträchtlichen Anteil hat, gibt es für Arbeitgeber immer Alternativen zu Angestellten mit Kindern.

    Bis zum Schuljahr 2029/30 gibt es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Was bedeutet das?
    Das ist ein sehr wichtiger Schritt, um Eltern die Sicherheit zu geben, dass ihr Kind auch nach der Kita gut betreut ist. Ein Viertel der Eltern erlebt eine Betreuungslücke, die sich auftut, wenn das Kind von der Ganztagskita in die Halbtagsgrundschule wechselt. Die Eltern müssen dann beruflich oft wieder zurückstecken. Was auch nicht geringgeschätzt werden sollte, sind die bildungsbezogenen Erwartungen, die mit der Ganztagsschule verbunden sind.

    Welche Erwartungen sind das?
    Die Hoffnung, dass Kinder auch individueller gefördert werden können, wenn mehr Zeit ist. Dass kompensiert werden kann, wenn Kinder aufgrund ihrer sozialen Herkunft zu Hause nicht viel Förderung erfahren. Die Schere, die wir in den Bildungschancen bei Kindern unterschiedlicher Herkunft haben, könnte sich mehr schließen. Entscheidend ist dabei, wie die Angebote im Ganztag gemacht werden. So ließe sich die Chance für rhythmisierten Unterricht nutzen, bei dem nicht alles in den Vormittag gequetscht wird und dann am Nachmittag nur Spielprogramm stattfindet. Darum sollte der Ganztag auch mit einer Teilnahmeverpflichtung verbunden sein, zumindest an drei Tagen in der Woche.

    „Für Kita-Bereich gibt es einen zusätzlichen Bedarf von rund 138.000 Personen“

    Das Ganze steht und fällt, wie beim Kita-Ausbau, mit den Fachkräften. Wie viel Personal fehlt denn?
    Zunächst zählt, wie kompetent die Betreuer sind, wie qualifiziert das Personal ist. Nach neuesten Vorausberechnungen müssen für den Ausbau der Ganztagsbetreuung rund 57.000 Personen gewonnen werden, darunter Erzieherinnen und Erzieher, Unterrichtshilfen, Betreuungspersonal, Fachkräfte der Schul- und Jugendsozialarbeit oder Sprachlernassistenten. Für den Kita-Bereich gibt es demnach einen zusätzlichen Bedarf von rund 138.000 Personen.

    Wo sollen die Fachkräfte herkommen?
    Das ist ein Problem, das alle immens umtreibt. Der Geburtenrückgang macht sich in allen Branchen bemerkbar, gerade im pädagogischen Bereich, in der sozialen Arbeit, in den Pflegeberufen. Alle Personen, die verfügbar sind, müssen in den Arbeitsmarkt eingebunden werden. Das heißt auch, dass wir junge Leute, die mit der Schule nicht viel haben anfangen können, doch noch abholen. Wir werden auch auf Zuwanderung angewiesen sein, nicht nur von Fachkräften, sondern auch von Personen, die erst noch eine berufliche Ausbildung brauchen. Natürlich wird jemand, der kein Muttersprachler ist, nicht unbedingt die Sprachförderung übernehmen. Aber warum nicht Sportangebote?

    Wenn Sie mit Blick auf die Familienpolitik einen Aspekt in den Ampelkoalitionsvertrag hätten einschleusen können: Was wäre das?
    Wir brauchen dringend andere Teilhabeformate für junge Leute. Es geht darum, wie sie gehört werden, wie sie sich einbringen können und auch an der Lösungsfindung beteiligt werden. Wir sehen, dass sich Jugendliche nicht mehr so stark in Organisationen einfinden. Die Formate müssen also flexibler und offener werden. Wir müssen junge Menschen nicht nur davon überzeugen, dass Demokratie hier im Land funktioniert, sondern auch, dass sie da einen wichtigen Beitrag leisten können.

    Frau Professor Walper, vielen Dank für das Interview.

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