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27.03.2020

14:00

Hinweistafel in Berlin: Die Länder i ergreifen teils immer drastischere Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. dpa

Social Distancing

Hinweistafel in Berlin: Die Länder i ergreifen teils immer drastischere Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus.

Interview mit Hendrik Streeck

Virologe warnt vor Aktionismus: „Was im Moment unternommen wird, ist ziemlich drastisch“

Von: Gregor Waschinski

Der Direktor des Bonner Instituts für Virologie mahnt die Politik, sich in der Coronakrise nicht zu sehr von steigenden Infektionszahlen treiben zu lassen.

Virologen sind in der Coronakrise wichtige Berater der Politik. Doch auch in der Wissenschaft gibt es im Umgang mit dem neuen Virus noch viel Unsicherheit.

„Kein Experte kann sicher sagen, wie es ausgeht“, sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Streeck mahnt: Weiter steigende Neuinfektionen sollten nicht zu Aktionismus oder Panik verleiten. „Denn was im Moment unternommen wird, ist schon ziemlich drastisch.“

Es gehe darum, auch die Wirkung von Maßnahmen abzuwarten, bevor das Vorgehen immer weiter verschärft werde. „Mit sozialer Distanz kann man das Infektionsgeschehen eindämmen, Einschränkungen der Kontakte sind daher wichtig. Ich weiß aber nicht, ob es sinnvoll ist, das öffentliche Leben vollständig lahmzulegen“, sagte der Virologieprofessor.

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    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Streeck, das Coronavirus hat Deutschland lahmgelegt. Was steht uns noch bevor?
    Kein Experte kann sicher sagen, wie es ausgeht. Wir werden weiter einen Anstieg in den Neuinfektionen sehen. Das sollte die Politik aber nicht zu Aktionismus und die Bevölkerung nicht zu Panik verleiten. Denn was im Moment unternommen wird, ist schon ziemlich drastisch.


    Der Virologe verweist auf Südkorea als ein gutes Vorbild im Umgang mit dem Virus.

    Hendrik Streeck

    Der Virologe verweist auf Südkorea als ein gutes Vorbild im Umgang mit dem Virus.

    Zu drastisch?
    Der Ansatz ist richtig: Mit sozialer Distanz kann man das Infektionsgeschehen eindämmen, Einschränkungen der Kontakte sind daher wichtig. Ich weiß aber nicht, ob es sinnvoll ist, das öffentliche Leben vollständig lahmzulegen. Denn dagegen wiegen auch andere Faktoren, die ich nur als Privatmann und nicht als Virologe beantworten kann. Wir müssen uns auch die Frage stellen: Was tut das mit unserer Gesellschaft?

    Gab es angesichts der steigenden Infektionszahlen überhaupt eine andere Wahl?
    Ich hätte mir gewünscht, dass man auch die Wirkung von Maßnahmen abwartet, bevor das Vorgehen immer weiter verschärft wird. Leider zeigen sich Effekte erst mit Verspätung, wegen der Inkubationszeit dauert es bis zu 14 Tage. Politik und Öffentlichkeit dürfen sich nicht von steigenden Infektionszahlen treiben lassen. Denn die steigen erst einmal an, egal welche Maßnahmen erlassen werden. Außerdem gibt es eine hohe Dunkelziffer. In Deutschland sind bereits viel mehr Menschen infiziert, haben aber keine Symptome.

    Die Neuinfektionen sind also kein geeigneter Gradmesser?
    Viel wichtiger ist die Information, wie sich die Zahl der Patienten entwickelt, die mit schweren Krankheitsverläufen in den Kliniken behandelt werden. Daran können wir ablesen, wie stark die Epidemie unser Gesundheitssystem trifft. Doch wir fangen gerade erst an, diese Zahlen bundesweit zu erheben. Wochenlang befanden wir uns im Blindflug.

    Was wissen wir genau über das Virus?
    Wir wissen, dass es äußerst ansteckend ist. Und dass vor allem alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen gefährdet sind. Die Wissenschaft ist aber erst am Anfang. Eigentlich haben wir bislang nur eine verlässliche epidemiologische Studie aus China, die gezeigt hat, dass die Krankheit bei 91 Prozent der Fälle einen milden bis moderaten Verlauf nahm. Neun Prozent mussten ins Krankenhaus, von denen dann ein gewisser Anteil verstarb.

    Verdeutlichen die steigenden Todeszahlen in vielen Ländern oder die Bilder aus den italienischen Krankenhäusern nicht den Handlungsdruck?
    Es ist ein ernstzunehmender Virus, man darf das nicht bagatellisieren. Es ist keine saisonale Grippe, wie manchmal behauptet wird. Eine genaue Aussage, wie viele Menschen an Covid-19 sterben werden, kann derzeit aber niemand machen. Auch nach der Pandemie wird es keine ganz validen Zahlen geben. Nehmen Sie die jährliche Grippestatistik, das ist ja ebenfalls nur eine Hochrechnung. So könnte man es beim Coronavirus dann auch ermitteln: Wie viele Menschen sind statistisch während der Epidemie mehr gestorben als im Vergleich zu früheren Zeiträumen?

    Eine viel zitierte Studie des Londoner Imperial College legt nahe, dass es noch über Monate drastische Einschränkungen geben müsse, um die Ausbreitung bis zur Entwicklung eines Impfstoffes zu kontrollieren. Sonst drohe den Gesundheitssystemen die völlige Überforderung mit vielen weiteren Toten.
    Die Studie ist sicher ernst zu nehmen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass diese Art von in die Zukunft gerichteten Studien auf vielen Annahmen basieren. Zum Beispiel: Wie lange ist die Inkubationszeit, wie viele Menschen halten die Quarantäne nicht ein, welcher Prozentsatz der schweren Fälle verstirbt? Und da muss nur ein Faktor in der langen Zahlengleichung falsch sein, und die Prognose des Modells stimmt nicht mehr.


    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Dennoch: Können wir die Epidemie ohne monatelangen Stillstand des öffentlichen Lebens überhaupt in den Griff kriegen?
    Wir sollten uns Südkorea als Beispiel nehmen, wo die Epidemie sehr gut eingedämmt wurde. Auch dort gab es Social Distancing, aber zum Beispiel keine Ausgangssperren. Der Erfolg der Südkoreaner beruht auf vier Pfeilern: Die Behörden haben in der Bevölkerung umfangreich auf das Virus getestet, die infizierten Menschen schnell isoliert, potenzielle Kontaktpersonen ausfindig gemacht und Betroffene früh behandelt. Bis zur Entwicklung eines Impfstoffes können wir auch in Deutschland nur dagegenhalten, wenn wir viel mehr testen und Infizierte davor bewahren, andere Menschen zu infizieren.

    Was erwarten Sie jetzt von der Politik?
    Wir brauchen einen Kompass, eine Richtschnur, was wir eigentlich erreichen wollen mit den Maßnahmen. Es werden viele Menschen mit dem Virus infiziert werden und an Covid-19 erkranken, aber wir wollen die Infektionen ja nicht komplett unterbinden und eine breite Immunität in der Gesellschaft erreichen. Wenn wir die Infektionen komplett unterbinden, haben wir die Probleme nur verschoben. Dann kommt es irgendwann zu einem neuen Ausbruch. Zu dieser Exit-Strategie fehlen bislang konkrete Aussagen der Bundesregierung.

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