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07.07.2022

13:58

IT-Sicherheit

Wie Deutschland seine Telekomnetze schützen will

Von: Daniel Delhaes

Der russische Angriffskrieg wirkt sich nicht nur auf die Energieversorgung aus. Behörden und Unternehmen wollen sich gegen den Ausfall der Telekommunikationsnetze wappnen.

Die Flut an der Ahr ließ die Stromversorgung zusammenbrechen. Dadurch fielen auch die Telefonnetze aus. dpa

Insul an der Ahr am 15. Juli 2021

Die Flut an der Ahr ließ die Stromversorgung zusammenbrechen. Dadurch fielen auch die Telefonnetze aus.

Berlin Was wäre, wenn in naher Zukunft flächendeckend der Strom ausfällt, wenn es eine Naturkatastrophe wie das Hochwasser 2021 im Ahrtal gibt oder eine Hitzewelle Rechenzentren lahmlegt? Was, wenn wichtige Produkte für die Telekommunikationsnetze nicht mehr importiert werden können, zentrale Zugangspunkte zum Internet ausfallen und damit Cloud-Dienste oder gar das gesamte Internet in Europa nicht mehr zu erreichen sind? Was wäre zu tun bei Sabotage, Cyberattacken oder gar einem atomaren Angriff? In Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gilt nichts mehr als ausgeschlossen.

Um auf die Bedrohungsszenarien vorbereitet zu sein, werden die Telekommunikationsunternehmen in naher Zukunft weit mehr in die Sicherheit ihrer Netze investieren müssen als bisher. Das geht aus dem Entwurf für ein „Strategiepapier: Resilienz der Telekommunikationsnetze“ hervor. Das 21 Seiten umfassende Papier liegt dem Handelsblatt vor.

Erstellt haben es die Beamten der Bundesnetzagentur gemeinsam mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sowie den vier großen Netzbetreibern Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und 1&1 sowie den Branchenverbänden. Sie haben über all die Krisenszenarien diskutiert, die die kritische Infrastruktur bedrohen, und versucht, sich auf Vorsichtsmaßnahmen zu verständigen.

„Es bedarf heute und in Zukunft widerstandsfähiger Telekommunikationsnetze und umfangreicher Notfall- und Sicherheitskonzepte“, heißt es gleich zu Beginn. Dabei geht es gar nicht erst um die Frage, ob wesentliche Komponenten etwa des chinesischen Anbieters Huawei noch in deutschen Mobilfunk- und Festnetzen verbaut sein sollten. Die Netze zu säubern gilt als nahezu unmöglich und würde Jahre dauern. In dem Papier stehen vor allem die Stromversorgung und doppelte Netzstrukturen im Zentrum.

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    Ohne Strom funktioniert weder das Festnetz noch das Mobilfunknetz. Nach Informationen des Handelsblatts aus Branchenkreisen haben die Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten aus wirtschaftlichen Gründen die Notversorgung ihrer Netze vernachlässigt. Dazu gehört etwa, ausreichend Notstromaggregate vorzuhalten. Laut Strategiepapier existieren „nur an sehr wenigen Technik-Standorten“ der Netzbetreiber fest installierte Notstromlösungen. Diese seien „nur für eine begrenzte Zeit einsatzfähig“.

    Im Raum Moosburg wurde die Stromversorgung im Juni nach einem Unwetter zeitweise unterbrochen. dpa

    Unwetter im Landkreis Freising

    Im Raum Moosburg wurde die Stromversorgung im Juni nach einem Unwetter zeitweise unterbrochen.

    Welche Folgen dies haben kann, zeigte sich etwa beim Ahr-Hochwasser vor einem Jahr. Dort fiel mit der Flut der Strom aus – und kurz darauf waren auch die Mobilfunknetze lahmgelegt. Als Konsequenz hatte wenige Wochen später der Digitalminister von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer (SPD), vom Bund gefordert, das neue Netz „ausschließlich auf zukunftsfähigen, redundanten und resilienten Infrastrukturen“ aufzubauen.

    Krisenmanager fordern redundante Netze

    Wie aus dem Strategiepapier hervorgeht, sollen die Netzbetreiber in Zukunft ein „Basis-Netz“ sicherstellen. Mit ihm sollen Menschen Notrufe absetzen können und Warnmeldungen auf dem Mobiltelefon erhalten (Cell-Broadcast-Technologie). Auch einfache Internetdienste soll jeder weiter nutzen können. Um dies sicherzustellen, sei „wichtige Infrastruktur der Netze mit Netzersatzanlagen sowie Technik zur unterbrechungsfreien Stromversorgung auszustatten“. So sollen etwa auch verstärkt regenerative Energien wie Photovoltaikmodule zum Einsatz kommen, die unabhängig Strom erzeugen.

    Weitaus kostspieliger dürfte der Vorschlag sein, doppelte Datenleitungen zu schaffen, um Datenverkehr notfalls auf andere Verbindungen umzuleiten. „Der Staat sollte mit den Netzbetreibern Vereinbarungen zum Aufbau paralleler Infrastrukturen treffen und in diesem Zusammenhang auch die Frage der zu tragenden Kosten klären“, heißt es in dem Dokument.

    Dabei empfehlen die Experten, nicht nur Doppelstrukturen zwischen Netzknotenpunkten und Betreibern in den Blick zu nehmen, sondern auch mehrere Leitungen in die Haushalte. „Parallele Infrastrukturen bis zum Endverbraucher verursachen zwar höhere Investitionen für die Netzbetreiber, führen allerdings auch zu mehr Wettbewerb und gleichzeitig resilienteren Strukturen.“ Die Experten raten ebenso dazu, die Anlagen besser gegen Angriffe und Elementarschäden zu schützen.

    Die Maßnahmen umzusetzen werde „sowohl erhebliche Kosten nach sich ziehen als auch gegebenenfalls die Anpassung rechtlicher Rahmenbedingungen erfordern“. Eine weitere Forderung lautet etwa, Telekommunikationsnetze in einer „Strommangellage“ vorrangig weiter zu versorgen.

    Ein Lage- und Reaktionszentrum – „rund um die Uhr besetzt“

    Um all das sicherzustellen, schlagen Netzbetreiber, Diensteanbieter, Verbände und Bundesnetzagentur vor, „ein gemeinsames Lage- und Reaktionszentrum“ einzurichten. Dort sollen sie regelmäßig Krisenfälle üben und auch vertrauliche Informationen austauschen können. An den Übungen sollen auch kleinere Netzbetreiber und ebenso die Betreiber sogenannter 5G-Campusnetze – Echtzeit-Mobilfunknetze auf Firmengeländen oder an Hochschulen – teilnehmen. Das Lagezentrum soll angesichts der Gefahr großflächiger Cyberangriffe „rund um die Uhr mit Mitarbeitern der relevanten Netzbetreiber und Behörden besetzt sein“.

    Wie es in dem Papier heißt, richten sich die Vorschläge vor allem an das Bundesverkehrsministerium. Es müsse Gesetze ändern und auch klären, ob der Steuerzahler oder der Verbraucher letztlich die Mehrkosten für die Sicherheit trägt. In der „Gigabitstrategie“, die das Bundeskabinett kommende Woche beschließen soll, findet sich zu alldem indes nichts Konkretes. Zwar verweist das Ministerium auf das in Arbeit befindliche Papier der Bundesnetzagentur. Erst im zweiten Quartal 2023 will es „Handlungsempfehlungen“ vorlegen.

    Die Gigabitstrategie konzentriert sich vielmehr darauf, bis 2030 alle Haushalte ans Glasfasernetz anzuschließen und überall das neue 5G-Mobilfunknetz aufzubauen. Auch dem Mobilfunk in Zügen und an Bahnstrecken widmet sich das Papier auf gleich mehreren Seiten.

    Bund und Länder hatten monatelang gestritten, nicht über die Sicherheitsfragen, sondern darüber, wie sie künftig den Netzausbau fördern wollen. Die bisherige Förderung der Vorgängerregierung soll im Wesentlichen erhalten bleiben und optimiert werden. So will der Bund über digitale Genehmigungsverfahren den Ausbau beschleunigen. Entsprechende Pilotprojekte bauen Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Rheinland-Pfalz auf. Ob sie aber wie vorgesehen bereits 2023 flächendeckend zum Einsatz kommen können, bezweifeln Experten. So hatte erst kürzlich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe festgestellt, dass sich die meisten Digitalisierungsprojekte der Verwaltung verzögern werden.

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