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03.08.2018

18:26

IW-Experte Lesch im Interview

Darum verdienen Ostdeutsche noch immer weniger als Westdeutsche

Von: Markus Reiferscheid

Westdeutsche verdienen mehr als Ostdeutsche. IW-Ökonom Lesch erklärt, warum das so ist, der Mindestlohn daran kaum etwas ändert und die Politik oft machtlos ist.

Der Ökonom ist seit 18 Jahren Experte für Tarifpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Hagen Lesch

Der Ökonom ist seit 18 Jahren Experte für Tarifpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Die Gehaltslücke von Arbeitnehmern in Ost- und Westdeutschland ist immens. Etwa 700 Euro mehr als sein ostdeutscher Kollege verdient ein durchschnittlicher Angestellter im Westen. Mit dem Thema beschäftigt sich Hagen Lesch, Tarifexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Im Interview spricht er über die Komplexität der Situation und erklärt, was die Politik leisten kann.

Herr Lesch, wer in Westdeutschland arbeitet, verdient durchschnittlich rund 700 Euro mehr als Ostdeutsche. Wie bewerten Sie diese Situation?
Bruttolöhne sind nicht die real verfügbaren Einkommen. Zum einen führen die progressive Besteuerung und staatliche Transferzahlungen ja dazu, dass sich die Differenzen nicht so stark auf die Nettolöhne auswirken. Zum anderen sagen Löhne, die nicht kaufkraftbereinigt sind, nicht so viel über die Lebensqualität aus, wie es auf dem ersten Blick scheint.

Arbeitnehmer in Ostdeutschland verdienen im Durchschnitt zwar weniger. Allerdings sind zum Beispiel die Mietpreise in ostdeutschen Regionen nicht so hoch wie im Westen. Zu prüfen wäre auch, inwieweit andere Kosten im Osten des Landes niedriger sind. Hier zeigt sich, dass es schwierig ist, die ökonomische Situation der Menschen alleine durch einen Vergleich der Bruttolöhne zu bewerten.

Die Linken-Arbeitsmarktexpertin Sabine Zimmermann nennt es „beschämend“, dass Ostdeutschland flächendeckend von niedrigen Löhnen gekennzeichnet sei. Sie sagen: Die Zahlen sind nichts wert?
Der bloße Vergleich der Bruttolöhne ist sicherlich interessant, liefert aber keinen belastbaren ökonomischen Befund, aus dem sich etwa politische Forderungen ableiten lassen.

Warum gibt es überhaupt regionale Unterschiede im Lohnniveau?
Dafür sind zum einen regionale Knappheiten verantwortlich. In Ballungsräumen ist es für Unternehmen oft schwieriger, geeignete Arbeitnehmer zu finden. Das führt dazu, dass sie bereit sind, höhere Löhne zu zahlen. Auch die Industriestärke der einzelnen Regionen spielt eine Rolle. Es gibt viele ostdeutsche Regionen, die von Dienstleistungssektoren, wie zum Beispiel dem Tourismus geprägt sind. Dort werden nicht so hohe Gehälter wie in industriellen Großbetrieben gezahlt, die zu einem großen Teil im Westen angesiedelt sind.

Zudem werden in Ostdeutschland weniger Arbeitnehmer nach Tarif bezahlt, weil die Gewerkschaften dort schwächer sind. Auch die unzureichende Mobilität spielt eine Rolle. Wäre es für potenzielle Arbeitnehmer, die in Ostdeutschland leben, einfacher, in wirtschaftsstarke Regionen zu ziehen, würde sich dies auch auf die Löhne in strukturschwachen Gegenden auswirken, weil die Arbeitskräfte dort knapper würden.

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Das müssen Sie genauer erklären.
Arbeitnehmer könnten zum Beispiel von Mecklenburg nach München ziehen. Dann würden die Löhne in Mecklenburg steigen und in München sinken, sich also annähern. Diese zur Angleichung der Löhne nötige Mobilität wird aber durch viele Faktoren wie Wohnraumknappheit verhindert.

Welche Maßnahmen hat die Politik bereits ergriffen, um das Lohnniveau in Ost- und Westdeutschland anzugleichen?
Eine entscheidende Maßnahme war sicherlich der Mindestlohn. Gerade im Niedriglohnsektor haben viele Menschen aus Ostdeutschland von der Einführung des Mindestlohnes profitiert.

Hätte das nicht ein weiteres aufklaffen der Gehaltslücke verhindern müssen?
Da der Mindestlohn nur einen kleinen Teil des Arbeitsmarktes beeinflusst, sind auch seine Auswirkungen begrenzt.

Mehr kann die Politik nicht tun?
Die Politik ist in ihren Maßnahmen eingeschränkt, da sie ja – abgesehen vom gesetzlichen Mindestlohn – nicht in Tarifverhandlungen und Lohnbildung eingreift. Natürlich könnte sie einen Tarifzwang für alle verordnen, etwa indem alle Tarifverträge allgemeinverbindlich werden. Dies wäre aber eine Verabschiedung von der im Grundgesetz verankerten Tarifautonomie. Theoretisch könnte man auch tarifliche Lohnuntergrenzen in allen Branchen einführen.

Ich plädiere jedoch dafür, nicht zu stark in die freie Lohnbildung einzugreifen. Jede Ungerechtigkeit würde dann dem Staat angelastet. Der Staat kann aber indirekt helfen, vor allem durch Maßnahmen in der Regionalpolitik. Die Kommunen müssen attraktive Gewerbeflächen zur Verfügung zu stellen oder mit einer optimalen Infrastruktur werben. Ziel muss dabei sein, mehr Industriebetriebe in der jeweiligen Region anzusiedeln. Das ist auch wichtig, damit gut ausgebildete Fachkräfte nicht abwandern.

Mecklenburg-Vorpommern ist das Land, in dem Vollzeitbeschäftigte mit durchschnittlich 2.391 Euro den niedrigsten Lohn haben. Was hat die Politik dort falsch gemacht?
Ich würde nicht die Politik für die Lohnunterschiede verantwortlich machen. Nach der Wende ist genug Geld nach Ostdeutschland geflossen, die Infrastruktur ist ja heute besser als im Westen. Löhne entstehen nun einmal durch Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die Politik kann höchstens den Strukturwandel unterstützen. Ohne innovative und investitionsfreudige Unternehmen ist aber auch die Politik machtlos.

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Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung der Lohnniveaus in Ost- und Westdeutschland ein?
Ich glaube, dass der Ost-West-Vergleich in Zukunft an Bedeutung verliert. Wir müssen ja heute bereits festhalten, dass die ostdeutsche Wirtschaft keineswegs homogen ist und ebenfalls über Ballungsgebiete mit höheren Lohnniveaus verfügt, dazu zählt zum Beispiel Leipzig. Im Westen gibt es hingegen auch strukturschwache Gegenden, wie Teile des Ruhrgebiets, mit einem entsprechend niedrigeren Gehaltsniveau. Insgesamt werden sich die Löhne in Ost- und Westdeutschland weiter angleichen. In beiden Teilen des Landes wird es jedoch immer Regionen geben, in denen sich das Gehaltsniveau unterscheidet.

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