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07.04.2021

18:07

IW-Studie

Zahl der Fachkräfte könnte bis 2040 um mehr als vier Millionen sinken

Von: Frank Specht

Die Angst vor dem Fachkräftemangel ist allgegenwärtig. Mit Einwanderung und späterem Renteneintritt ließe sich das Potenzial von heute halten, zeigt eine Studie.

Schon jetzt ist es für Industrie und Mittelstand immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu bekommen. dpa

KFZ-Werkstatt

Schon jetzt ist es für Industrie und Mittelstand immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu bekommen.

Berlin Wo zu Beginn der Coronakrise der Pflegenotstand thematisiert wurde, dominieren im Augenblick eher die Sorgen wegen Entlassungen und steigender Arbeitslosigkeit. Doch der Fachkräftemangel ist nicht etwa verschwunden, sondern im Zuge der dritten Viruswelle nur in den Hintergrund gerückt.

Nach einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnten dem deutschen Arbeitsmarkt im Jahr 2040 im Extremfall 4,2 Millionen oder zwölf Prozent weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen als heute. Das gilt für den Fall, dass nur wenige Zuwanderer aus dem Ausland kommen und die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 69-Jährigen nicht deutlich steigt. In einem optimistischeren Szenario, das Studienautor Wido Geis-Thöne derzeit für plausibler hält, sind es immer noch 3,1 Millionen oder 8,8 Prozent weniger.

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie stand der Fachkräftemangel mit ganz oben auf der Sorgenliste der Wirtschaft. In den regelmäßigen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) nannten ihn in der Spitze 62 Prozent der Unternehmen als Geschäftsrisiko. Das war im Herbst 2018.

Der erste Lockdown rückte dann andere Probleme in den Vordergrund. Im Frühsommer vergangenen Jahres machte der Fachkräftemangel nur noch 26 Prozent der befragten Unternehmen Sorgen. In der aktuellen DIHK-Konjunkturumfrage vom Februar dieses Jahres ist der Wert allerdings wieder auf 38 Prozent angestiegen und liegt damit auf dem Niveau vom Jahresbeginn 2015.

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    IW-Forscher Geis-Thöne definiert als Fachkräftepotenzial jene aktuell rund 35,5 Millionen Personen zwischen 20 und 69 Jahren, die einen beruflichen oder akademischen Abschluss haben. Die Gruppe umfasst nicht nur Erwerbstätige, sondern beispielsweise auch qualifizierte junge Mütter, die wegen der Kinder pausieren, oder Ältere, die mit Erreichen der Regelaltersgrenze oder früher aus dem Arbeitsleben ausgestiegen sind.

    Mehr Zuwanderung und mehr Ältere im Job

    Nur in einem Szenario mit hoher Zuwanderung und deutlich steigender Erwerbsbeteiligung bleibt das Fachkräftepotenzial bis 2040 nahezu unverändert. Dabei geht das IW von der überaus optimistischen Annahme aus, dass der Wanderungssaldo von 386.000 im Jahr 2018 auf 300.000 im Jahr 2030 sinkt und dann bei diesem Wert verbleibt.

    Selbst die beiden Szenarien mit niedrigeren Wanderungssalden dürften aber in der kurzen Frist „deutlich zu optimistisch sein, da sie den in Folge der Grenzschließungen zum Schutz vor der Corona-Pandemie zu erwartenden Einbruch der Wanderungsbewegungen in den Jahren 2020 und 2021 noch nicht berücksichtigen können und vielmehr von einem langsamen Rückgang ausgehen“, heißt es in der Studie.

    Bei der Erwerbsbeteiligung wird für das optimistischste Szenario mit kaum sinkendem Fachkräftepotenzial unter anderem angenommen, dass 2040 in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen noch die Hälfte der beruflich Gebildeten und drei von vier Akademikern im Arbeitsleben stehen. Die Erwerbsbeteiligung Älterer ist in den vergangenen Jahren bereits deutlich gestiegen: Waren von den 60- bis 64-jährigen Männern mit Berufsausbildung im Jahr 1999 nur rund 29 Prozent noch beruflich aktiv, so lag der Wert 20 Jahre später schon bei gut 67 Prozent.

    Die Politik müsse die politischen Rahmenbedingungen schaffen, um insbesondere in der siebten Lebensdekade die Erwerbsbeteiligung deutlich zu erhöhen, heißt es in der Studie. Dazu gehöre, bis zum Abschluss des Übergangs zur Rente mit 67 im Jahre 2031 eine Entscheidung zu fällen, ob die Regelaltersgrenze danach weiter erhöht wird.

    Fachkräfteeinwanderungsgesetz erfüllt die Erwartungen nicht

    Das im März 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz erleichtert zwar den Zugang nach Deutschland, stellt aber weiter hohe Anforderungen an die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Wolle man in größerer Zahl beruflich qualifizierte Migranten anziehen, werde wohl kein Weg daran vorbeiführen, mehr Menschen aus dem Ausland nach deutschen Standards auszubilden oder zumindest in Teilen nachträglich zu qualifizieren, schreibt Geis-Thöne.

    Das Einwanderungsrecht sei nach wie vor viel zu kompliziert, unübersichtlich und erschwere die Einwanderung, kritisiert Dieter Janecek, Sprecher für Industriepolitik und digitale Wirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion.

    Die Bundesregierung müsse dringend handeln, „wenn wir nicht einen starken Rückgang des Fachkräfteangebots in Kauf nehmen wollen“. Schon jetzt sei es für Industrie und Mittelstand immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu bekommen.

    Nach der IW-Studie wird sich bis zum Jahr 2040 voraussichtlich auch die Zusammensetzung des Fachkräftepotenzials deutlich verändern. In allen Szenarien steigt die Zahl der Akademiker weiter stark an, während die Zahl der Personen mit Berufsausbildung kräftiger sinkt als das Fachkräftepotenzial insgesamt.

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