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02.09.2019

18:02

Jörg Urban und Andreas Kalbitz

Unbeliebt, aber erfolgreich – Die Siegesformel der AfD

Von: Dietmar Neuerer

Die AfD-Spitzenkandidaten sind die Gewinner der Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Doch den Wählern ging es weniger um die Personen als um den Protest.

Die Wahlerfolge der AfD in Sachsen und Brandenburg hatten wenig mit deren Spitzenkandidaten zu tun. Vielen Wählern ging es darum, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu erteilen. AP

Jörg Urban (l.), Andreas Kalbitz

Die Wahlerfolge der AfD in Sachsen und Brandenburg hatten wenig mit deren Spitzenkandidaten zu tun. Vielen Wählern ging es darum, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu erteilen.

Berlin Nun, es wäre ein „Sahnehäubchen“ gewesen, wie Andreas Kalbitz es ausdrückt. Aber dem Spitzenkandidaten der Brandenburger AfD reicht es schon, sein vorgegebenes Wahlziel erreicht zu haben: seine Partei auf „20 plus x“ zu hieven.

Damit ist die AfD zwar nicht stärkste Partei in dem ostdeutschen Bundesland geworden. Aber mit großem Zuwachs und 23,5 Prozent ist sie immerhin die zweitgrößte Kraft hinter der SPD. Die AfD habe sich damit dauerhaft als politische Kraft etabliert, sagt der 46-Jährige: „Jetzt geht es erst richtig los.“

Die Euphorie ist groß – nicht nur bei Kalbitz. Auch der Spitzenkandidat der Sachsen-AfD, Jörg Urban, fühlt sich als Gewinner der Landtagswahlen. Mit ihm konnte die AfD im Freistaat ihr Ergebnis von 2014 fast verdreifachen. Der oft hölzern wirkende 55-Jährige spricht von einem historischen Tag. „Unsere Partei hat die CDU-Hochburg Sachsen gehörig ins Wanken gebracht.“

Die etablierten Parteien traf der AfD-Triumph nicht unvorbereitet. In Umfragen zeichnete sich früh ab, dass die Partei kaum zu bremsen ist, in Brandenburg lag sie in Umfragen zwischendurch sogar auf Platz eins.

Der Erfolg liegt aber weniger an den Kandidaten Urban wie Kalbitz. „Im direkten Vergleich mit anderen Spitzenpolitikern sind sie selbst bei den eigenen Anhängern nicht sonderlich beliebt“, sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Kai Arzheimer.

Der Berliner Politikprofessor Oskar Niedermayer glaubt, Kalbitz und Urban hätten einen „sehr geringen Anteil“ am Aufstieg der AfD. „Urban und vor allem Kalbitz werden von der Gesamtwählerschaft negativ bewertet und haben auch bei den eigenen Anhängern von allen Spitzenkandidaten die niedrigsten Werte.“

Kalbitz‘ politischer Karriere tat dies bisher keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ausgerechnet er, ein ausgewiesener Wessi, reüssiert in Ostdeutschland und schafft es in kürzester Zeit, die noch junge AfD in Brandenburg fast schon zu einer neuen Volkspartei aufzubauen. Im Jahr 2013 tritt der ehemalige Fallschirmjäger in die AfD ein, schon ein Jahr später gelingt dem gebürtigen Münchener, früher CSU-Mitglied, der Einzug in den Potsdamer Landtag.

Dass Kalbitz fast drei Jahrzehnte in der Neonaziszene aktiv war, schert in der AfD niemanden. Co-Parteichef Alexander Gauland, sein politischer „Ziehvater“, hält schützend seine Hand über ihn. Kalbitz selbst räumt kleinlaut ein: Man könne in seiner Vita „Bezüge“ ins rechtsextreme Spektrum finden.

Solche Bekenntnisse lassen viele Wähler weithin kalt. Nicht Kalbitz und Urban sind es in erster Linie, deretwegen sie die AfD wählen. Viele wollen entweder den anderen Parteien einen Denkzettel verpassen, wie eine Analyse zur Brandenburgwahl zeigt. Oder sie wählen die AfD wegen ihrer Inhalte. In Sachsen sagen dies sogar 70 Prozent.

Völkisch-nationalistischer „Flügel“

Wie Kalbitz gehört auch Jörg Urban dem völkisch-nationalistischen „Flügel“ der AfD an. Der in Meißen geborene Diplomingenieur und nebenberufliche Landwirt bedient die gleiche Klaviatur wie andere AfD-Spitzenfunktionäre und malte im Wahlkampf ein düsteres Bild von der Lage Deutschlands und Sachsens.

Urban sagt Sätze wie: „Auch das derzeitige Regime werden wir mithilfe der vernünftig denkenden Menschen zum Einsturz bringen.“ Zugleich gab sich Urban betont heimatverbunden – mit scharfen Tönen gegen „die Politik der offenen Grenzen“.

Ein Thema, das Experten mithin als entscheidend einstufen, warum Wähler ihr Kreuz bei der AfD machten. „Der sogenannte Protest richtet sich primär gegen den weitgehenden Konsens der übrigen Parteien in dieser Frage“, sagt Politikwissenschaftler Arzheimer. Das mobilisierte auch viele Nichtwähler – allein in Sachsen fast eine Viertelmillion.

Kalbitz und Urban, die beide in ihren Wahlkreisen den Kampf um die Direktmandate verloren, macht der Befund Hoffnung für die Zukunft. Urban prognostiziert: Es werde „sicherlich ein ostdeutsches Bundesland sein“, in dem zum ersten Mal eine Regierung aus AfD und CDU gebildet werde.

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