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Jürgen Stark

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„Ich habe bedauert, dass ich nicht eher gegangen bin“

Wir leiden heute unter den Konsequenzen von Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit. Richtig?

Wir sind mit zu vielen Ländern in den Euro gestartet. Wir haben das Währungsgebiet zu schnell erweitert und damit auch die Heterogenität des Währungsgebiets gefördert. Es hat aufseiten der Mitgliedstaaten unzureichende Anpassungen an die Bedingungen der Währungsunion gegeben. Die Erweiterung um Griechenland im Jahr 2001 – eine kleine Volkswirtschaft, zwei Prozent der Wirtschaftsleistung des gesamten Währungsgebiets –, das ist etwas, was die Währungsunion verkraften kann, hieß es. Wir sehen aber jetzt, wie schwierig es ist, selbst eine solche Volkswirtschaft zu verkraften, wenn sie in ernste Schwierigkeiten gerät.

Hat der damalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet nicht auch zu dem ganzen Unglück beigetragen? Wenn er Nein gegenüber den Regierungen gesagt hätte, wäre es dann nicht anders gekommen?

Trichet hat seine Haltung den europäischen Politikern sehr deutlich gemacht, aber der Druck auf die EZB zum damaligen Zeitpunkt war massiv. Und nicht nur von europäischen Politikern, der Druck war international.

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    Wurde auf Sie Druck ausgeübt?

    Nein, auf mich nicht. Ich war bei dem Treffen der Staats- und Regierungschefs gemeinsam mit Kommission und EZB Anfang Mai 2010 in Brüssel nicht zugegen. Es war eine gewisse Hilflosigkeit da, das Gefühl, irgendetwas müsse man tun. Und vor diesem Hintergrund wurde die Bereitschaft der EZB eingefordert, am Markt zu intervenieren – und das bis Montagmorgen vor Börsenbeginn zu verkünden. Dann wurde dies komplementiert durch die Schaffung des EFSF mit den 750 Milliarden Euro. Dieses Volumen wurde am Montagmorgen als Information in den Markt gebracht, inklusive der Information seitens der EZB: „Wir intervenieren aus geldpolitischen Gründen.“ Das hat natürlich die nächsten Schritte beschleunigt.

    Was bedeutete das für Sie persönlich?

    Ich habe mich damals mit Gedanken an Rücktritt getragen, habe mich konsultiert in der Nacht zum Montag mit mehreren Freunden und früheren Kollegen. Die kamen alle zu dem Ergebnis, das sei kein Grund, bleib! Aber die ganzen anderthalb Jahre danach habe ich diese Entscheidung bereut, dass ich nicht gleich gegangen bin.

    Als es dann so weit war, haben Sie sich dann nochmals mit jemandem konsultiert?
    Nein, mit niemandem außer meiner Frau. Nachdem die Entscheidung für Staatsanleihekäufe im Mai 2010 gefallen war, kam ich in enorme Loyalitätskonflikte. Loyalitätskonflikte zur Institution, Loyalitätskonflikte mir selbst gegenüber, meinen Grundsätzen und Regeln treu zu bleiben. Gleichzeitig musste ich die offizielle Linie der Institution mit vertreten – das halten Sie nicht lange durch. Diese anderthalb Jahre waren für mich sehr, sehr schwierig, so dass für mich klar war: Falls ein Schritt weiter in diese Richtung gegangen wird, dann kommt es für mich zum Schwur, dann muss ich sagen: Nein. Das war Anfang August 2011 der Fall.
     Wie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Ihre Entscheidung regiert?
    Verhalten. Mit dem Hinweis, sie wisse, dass es zwecklos sei, mich umstimmen zu wollen.
    Sie sind mit Ihrem stabilitätsorientierten Ansatz nicht durchgedrungen. Kämpfen nicht alle anderen im EZB-Rat, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, genauso auf verlorenem Posten?
    Die Situation ist heute noch schwieriger geworden. Ich komme zu dem Schluss, dass mittelfristig zwei wesentliche Änderungen in der Art und Weise, wie man das Euro-System lenkt, erfolgen müssen. Einmal halte ich es für längerfristig nicht tragfähig, einen EZB-Rat zu haben mit 23, in Zukunft vielleicht 27 oder 30 oder mehr Mitgliedern. Hier muss es eine Änderung geben. Das ist natürlich sehr schwierig, denn es verlangt eine Änderung der Statuten. 
    Welche Art der Reform bei der Europäischen Zentralbank schwebt Ihnen denn vor?

    Was mir vorschwebt, ist ein geldpolitisches Gremium, bestehend aus maximal neun Personen, das für das gesamte Euro-Währungsgebiet die geldpolitischen Entscheidungen trifft. Zweitens halte ich es für zunehmend erforderlich, gerade bei so weitreichenden Entscheidungen, wie sie der EZB-Rat getroffen hat, dass man auch die Voten veröffentlicht, wenn diese Entscheidungen nicht einvernehmlich sind. Mit Namen. Das muss transparenter sein, denn Sie können bei so wichtigen Entscheidungen nicht sagen, es hat Konsens gegeben, wenn es keinen wirklichen Konsens gab.

    Das sagt aber meistens EZB-Präsident Mario Draghi. Nach außen wird heile Welt gespielt.

    Konsens heißt, dass es abweichende Meinungen gegeben hat, aber letztendlich unter Zurückstellung von großen Bedenken. Idealerweise sollte die EZB nach außen einheitlich auftreten. Aber im Falle abweichender Meinungen in grundsätzlichen Fragen ist mehr Transparenz geboten.

    Herr Stark, wir danken Ihnen für das Interview.

    Kommentare (56)

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    Dr.NorbertLeineweber

    25.03.2012, 14:55 Uhr

    Das Interview von Dr. Stark müsste eigentlich jeder Bürger auswendig lernen. Danach wird er gelernt haben, wie die Politik die EZB unterhöhlt und zu einer Finanzierung von Budgetdefiziten (und Leistungsbilanzdefiziten) gemacht hat. Zu meiner Zeit der Promotion vor 25 Jahren hatte ich gelernt und gelehrt, dass es der Supergau ist, wenn die Notenbank eines Landes eine Abteilung des Finanzministeriums ist und die Budgetdefizite finanziert. Dann erfolgte der explizite Hinweis, dass dies bei der Bundesbank nicht möglich sei. Die monierte Politik gäbe es ausnahmslos in ökonomischen Bananenrepbliken in Afrika und Südamerika. Nun, wir haben Afrika (z.B. Simbabwe) und Südamerika nun den Rang abgelaufen. Wir sind in der ökonomischen Bananenrepublik angelangt. Wahrheitgesgemäß hätte Stark noch sagen müssen, dass er vor lauter Bananen das Kotzen gekriegt hat. Nun, eine akademische Ausdrucksweise lässt das nicht zu. Dass unsere Angie nun die Bananen bekommt, die es damals in der DDR nicht gab, sagt eigentlich alles über unser dekadentes und abgewirtschaftete Parteiensystem. Die Bundeskanzlerin weiß nun, dass Sie ihren Amtseid gebrochen und dem deutschen Volk Schaden eingebrockt hat. Das ist die eigentliche Botschaft des Interviews. Es steht eindeutig zwischen den Zeilen dieses hervorragenden Statements. Stark, Weber und Weidmann gehören jeden Tag auf die erste Seite der Presse, bis Schäule die Fresse hält und Merkel vom Volk zum Rücktritt gezwungen wird. Ich war damals 5 Jahre Assistent an einem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Quellen zu den Bananenrepubliken finden sich unter dem Namen Joachim Jungfer, damls habil. Privatdozent.

    GesunderBlick

    25.03.2012, 15:22 Uhr

    Wer versteht, was gerade passiert mit dem Euro und der EZB, dem wird sehr unwohl sein; für ein "politisches Projekt" wird der gesamte deutsche Wohlstand verzockt. Von allen(!) Blockparteien - es ist denen einfach wurscht. So wie den Nazis die Bevölkerung wurscht war, oder den Sozialisten im Osten die eigene Bevölkerung. Also haben wir wieder einen typische deutschen Willensfanatismus, der die Bevölkerung als Geisel nimmt und bedingungslos bis zum Ende der Katastrophe maschiert.
    Und dann die zum großen Teil gleichgeschaltete Presse, die mithilft, die Bevölkerung in trügerischer Ruhe zu belassen. Das Bundesverfassungsgericht, die Instanz, die solche Katastrophen verhindern soll, versagt vollständig. Das haben sich die Väter des Grundgesetzes so nicht gedacht.
    Die Claquere, die hier weiterhin für dieses "politische Projekt" trommeln laden Verantwortung auf sich, die sich nie werden abtragen können. Und diese verfluchten Visionen von den überholten Nationalstaaten schafft die Bedinungen, dass Europa vollständig zerstört wird.
    Die Historiker werden diesen furchtbaren Irrtum aufschreiben!

    Account gelöscht!

    25.03.2012, 15:36 Uhr

    Ich wuenschte, wir haetten Politiker mit der Denke wie Herr Stark sie hat und auch mit dem Mut diese oeffentlich kundzutun.

    Aber der Satz klingt ja schon so, als ob Frau Merkel froh war Herrn Stark loszuhaben:

    "Wie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Ihre Entscheidung regiert?

    Verhalten. Mit dem Hinweis, sie wisse, dass es zwecklos sei, mich umstimmen zu wollen."

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