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Jürgen Stark

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„Wir werden 2012 nicht unter zwei Prozent Inflation liegen“

Wie kommt die EZB aus den vielen krisenbedingten Notmaßnahmen wieder heraus?

Eine Zentralbank muss immer, gerade bei diesen sogenannten Nicht-Standard-Maßnahmen, den Ausstieg mit durchdenken, am besten in verschiedenen Szenarien. Aber bei einer solchen Verpflichtung über drei Jahre wird der Ausstieg schwieriger. Die Frage lautet: Wie bewerkstellige ich eine Schrumpfung der Bilanz, eine Bilanzverkürzung? Es ist nicht allein die Größenordnung, es ist die Struktur, es ist die Laufzeit der Verpflichtung und die Unmöglichkeit für die Zentralbank, diese Liquidität rasch wieder zu absorbieren, die heute enorme Probleme macht. Historisch wissen wir, dass jede besonders starke Expansion der Zentralbankbilanz mittelfristig zu Inflation führt.

Angenommen, die Europäische Zentralbank beendet ihre Notmaßnahmen und normalisiert ihre Zinspolitik. Kann sie sich überhaupt abkoppeln von diesem globalen Trend zur Politik des billigen Geldes?

Sowohl die Politik als auch die Zentralbanken sind der Versuchung erlegen, allen Problemen der Welt durch eine Flutung der Märkte zu begegnen. Da dies nun mal ein globales Phänomen ist, wird die Abkopplung schwierig, wenn es eine Entwicklung in Richtung höherer Preise geben sollte. Im Augenblick zeigt sich diese erhöhte Liquiditätsversorgung noch nicht in den Güter- und Dienstleistungspreisen. Aber sie zeigt sich in den Rohstoffpreisen und den Vermögenspreisen – eindeutig. Und das wirkt durch.

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    Können Sie das belegen?

    Im Moment haben wir eine schwache Konjunktur, aber Inflationspotenzial hat sich aufgebaut. Wir sind nicht in normalen Umständen, wir haben diese ultra-lockere Geldpolitik global plus eine sehr expansive Fiskalpolitik in den meisten entwickelten Volkswirtschaften, so dass sich aus dieser Konstellation eine Änderung der Inflationserwartungen ergeben kann.

    Wie schnell würde uns die höhere Inflation treffen?

    Ich kann hier keine Prognose abgeben. Aber bedenken Sie, dass sowohl die Kommission wie auch der EZB-Stab ihre Inflationsraten für 2012 nach oben revidiert haben. Wir sind in einem Prozess, in dem die Erwartung, dass die Inflationsrate über die nächsten Monate unter zwei Prozent kommt, in immer weitere Ferne rückt. Wir werden 2012 nicht unter zwei Prozent liegen.

    Könnte die Preissteigerung zu einem globalen Problem werden?

    Das Risiko gilt auch für die Schwellenländer. Ich sehe hier ein globales Phänomen.

    Ist der Konsens verloren gegangen, dass Inflationsbekämpfung ein lohnendes Ziel ist? Manche verkünden Inflation schon als die Lösung für die Staatsschuldenkrise.

    Preisstabilität ist aus meiner Sicht eine kulturelle Errungenschaft, die als selbstverständlich gesetzt wird. Wir sind durch eine lange Phase mit niedrigen Inflationsraten gegangen, das mag auch das Verhalten Einzelner verändert haben. Vergleichen Sie heute die kurzfristigen und langfristigen Realzinsen mit der Situation vor zehn oder zwanzig Jahren. Die Realzinsen in Deutschland, den USA und England sind negativ. Und negative Realzinsen – auch im zehnjährigen Bereich – bedeuten ja praktisch schon eine Enteignung. Ist das auf dem kalten Wege bereits die Vorbereitung auf eine Phase, in der wir weiter mit negativen Realzinsen rechnen müssen aufgrund höherer Inflationsraten in der Zukunft? In Anfängen wird dies spürbar – und deshalb auch die Zurückhaltung von Investoren.

    Kommentare (56)

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    Dr.NorbertLeineweber

    25.03.2012, 14:55 Uhr

    Das Interview von Dr. Stark müsste eigentlich jeder Bürger auswendig lernen. Danach wird er gelernt haben, wie die Politik die EZB unterhöhlt und zu einer Finanzierung von Budgetdefiziten (und Leistungsbilanzdefiziten) gemacht hat. Zu meiner Zeit der Promotion vor 25 Jahren hatte ich gelernt und gelehrt, dass es der Supergau ist, wenn die Notenbank eines Landes eine Abteilung des Finanzministeriums ist und die Budgetdefizite finanziert. Dann erfolgte der explizite Hinweis, dass dies bei der Bundesbank nicht möglich sei. Die monierte Politik gäbe es ausnahmslos in ökonomischen Bananenrepbliken in Afrika und Südamerika. Nun, wir haben Afrika (z.B. Simbabwe) und Südamerika nun den Rang abgelaufen. Wir sind in der ökonomischen Bananenrepublik angelangt. Wahrheitgesgemäß hätte Stark noch sagen müssen, dass er vor lauter Bananen das Kotzen gekriegt hat. Nun, eine akademische Ausdrucksweise lässt das nicht zu. Dass unsere Angie nun die Bananen bekommt, die es damals in der DDR nicht gab, sagt eigentlich alles über unser dekadentes und abgewirtschaftete Parteiensystem. Die Bundeskanzlerin weiß nun, dass Sie ihren Amtseid gebrochen und dem deutschen Volk Schaden eingebrockt hat. Das ist die eigentliche Botschaft des Interviews. Es steht eindeutig zwischen den Zeilen dieses hervorragenden Statements. Stark, Weber und Weidmann gehören jeden Tag auf die erste Seite der Presse, bis Schäule die Fresse hält und Merkel vom Volk zum Rücktritt gezwungen wird. Ich war damals 5 Jahre Assistent an einem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Quellen zu den Bananenrepubliken finden sich unter dem Namen Joachim Jungfer, damls habil. Privatdozent.

    GesunderBlick

    25.03.2012, 15:22 Uhr

    Wer versteht, was gerade passiert mit dem Euro und der EZB, dem wird sehr unwohl sein; für ein "politisches Projekt" wird der gesamte deutsche Wohlstand verzockt. Von allen(!) Blockparteien - es ist denen einfach wurscht. So wie den Nazis die Bevölkerung wurscht war, oder den Sozialisten im Osten die eigene Bevölkerung. Also haben wir wieder einen typische deutschen Willensfanatismus, der die Bevölkerung als Geisel nimmt und bedingungslos bis zum Ende der Katastrophe maschiert.
    Und dann die zum großen Teil gleichgeschaltete Presse, die mithilft, die Bevölkerung in trügerischer Ruhe zu belassen. Das Bundesverfassungsgericht, die Instanz, die solche Katastrophen verhindern soll, versagt vollständig. Das haben sich die Väter des Grundgesetzes so nicht gedacht.
    Die Claquere, die hier weiterhin für dieses "politische Projekt" trommeln laden Verantwortung auf sich, die sich nie werden abtragen können. Und diese verfluchten Visionen von den überholten Nationalstaaten schafft die Bedinungen, dass Europa vollständig zerstört wird.
    Die Historiker werden diesen furchtbaren Irrtum aufschreiben!

    Account gelöscht!

    25.03.2012, 15:36 Uhr

    Ich wuenschte, wir haetten Politiker mit der Denke wie Herr Stark sie hat und auch mit dem Mut diese oeffentlich kundzutun.

    Aber der Satz klingt ja schon so, als ob Frau Merkel froh war Herrn Stark loszuhaben:

    "Wie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Ihre Entscheidung regiert?

    Verhalten. Mit dem Hinweis, sie wisse, dass es zwecklos sei, mich umstimmen zu wollen."

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