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24.08.2019

18:18

Jugendschutz

Grüne fordern Altersbeschränkung für Energydrinks – Bundesregierung gegen vorschnelle Konsequenzen

Von: Dietmar Neuerer

Ein Bundesinstitut warnt vor Energydrinks für Jugendliche. Das zuständige Bundesministerium sieht keinen akuten Handlungsbedarf. Das ruft die Grünen auf den Plan.

Milliardenmarkt Energydrinks: 2017 lag der Gesamtumsatz alleine in Deutschland bei 1,1 Milliarden Euro. AFP

Energydrinks

Milliardenmarkt Energydrinks: 2017 lag der Gesamtumsatz alleine in Deutschland bei 1,1 Milliarden Euro.

Berlin Viele mögen es schon geahnt haben: Der übermäßige Konsum von Energydrinks kann bei Kindern und Jugendlichen gesundheitliche Risiken erhöhen. Vor allem das Herz-Kreislaufsystem sei betroffen, erklärte jüngst das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Studien, auf die sich das Institut beruft, kommen demnach zu dem Ergebnis, dass nach Konsummengen von einem Liter und mehr bei einigen jungen Erwachsenen Folgen wie störendes Herzklopfen, Kurzatmigkeit, unkontrolliertes Muskelzittern, schwere Übelkeit und Angstzustände aufgetreten seien. Ein ernüchternder Befund. Konsequenzen daraus? Fehlanzeige.

Was jedoch nicht am Institut selbst liegt. Denn es hat lediglich eine wissenschaftliche Beratungsfunktion, unterstützt die Bundesregierung in Fragen der Lebensmittelsicherheit und des gesundheitlichen Verbraucherschutzes. Das Institut gibt Empfehlungen. Im Fall der Energydrinks plädieren die Experten dafür, die Aufklärung auszuweiten, um dem übermäßigen Konsum bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Den Grünen reicht das bei weitem nicht aus.

Die ernährungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Renate Künast, wollte es genauer wissen und fragte beim zuständigen Bundesernährungsministerium nach. Die Antwort liegt dem Handelsblatt vor. Der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU) liefert darin allerdings keine konkreten Schlussfolgerungen aus der Risikobewertung des Instituts. Auch die Frage Künasts nach einer möglichen Altersgrenze für die Abgabe von koffeinhaltigen Getränken an Jugendliche lässt er unbeantwortet.

Fuchtel kündigt vielmehr an, aufgrund der BFR-Empfehlung weiteren wissenschaftlichen Sachverstand zu Rate zu ziehen. Das Robert-Koch-Institut sei beauftragt worden, eine „Datenerhebung zur Koffeinaufnahme bei Kindern und Jugendlichen durchzuführen“, erklärte der CDU-Politiker. Der Bericht werde „in Kürze“ veröffentlicht, dann könne über die weiteren Handlungsoptionen, etwa eine mögliche Forschungsförderung, entschieden werden, so Fuchtel.

„Bundesregierung verharmlost gesundheitliche Gefahren“

Künast reagierte verärgert auf die dünne Antwort des Ministeriums: „Die Bundesregierung verharmlost die gesundheitlichen Gefahren durch Energydrinks“, sagte sie. Statt mit einer Altersbeschränkung Jugendliche tatsächlich vor diesen Gefahren zu schützen, setze Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) weiterhin auf Forschung und Warnhinweise. „Forschung, Information und Warnhinweise können Jugendschutz nicht ersetzen.“

Ohne klare Regeln müssen somit Konsumenten selbst entscheiden, ob sie bereit sind die Risiken, die mit Aufputschgetränken verbunden sein können, in Kauf zu nehmen. Theoretisch können nicht wenige davon betroffen sein. Befragungen hätten ergeben, dass unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland jeder Zehnte zu bestimmten Gelegenheiten, wie in Discos oder bei Computerspielpartys, Mengen von einem Liter Energydrink und mehr zu sich nähme, so das BfR.

Pro 250-Milliliter-Dose seien in Energydrinks üblicherweise 80 Milligramm Koffein enthalten, hieß es. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit empfehle, dass Kinder und Jugendliche täglich nicht mehr als drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen sollten.

Vor diesem Hintergrund hält Künast eine gesetzliche Regelung für unabdingbar. „Diese Drinks sind keine Limonaden, sondern für jeden zehnten Jugendlichen in Deutschland eine Gesundheitsgefahr“, betonte die Grünen-Politikerin. Eine Altersbeschränkung sei daher das „wirksamste Mittel“. „Unter 16-Jährige sollten diese Drinks nicht kaufen dürfen.“

Die Vizechefin der Unions-Bundestagsfraktion, Gitta Connemann (CDU), wies die Verbots-Forderung zurück. „Verkaufsverbote sind keine Lösung. Im Gegenteil: diese erhöhen den Reiz. Und springen zu kurz“, sagte Connemann dem Handelsblatt. „Was käme dann als nächstes? Kaffee? Eine Tasse von 150 ml enthalte mehr Koffein als ein Energydrink. Viele Lebensmittel enthielten Koffein. „Das Thema eignet sich nicht für grüne Verbotspolitik“, betonte die CDU-Politikerin. „Auch nicht für Angstmacherei.“

Gleichwohl sieht auch Connemann in übermäßigem Konsum von Energydrinks ein Gesundheitsrisiko. Darauf sei aber schon reagiert worden. „Wir haben die Höchstmenge bei Energydrinks begrenzt“, erläuterte die Bundestagsabgeordnete. Warnhinweise seien Pflicht. „Es gibt also schon ein doppeltes Netz.“ Connemann sieht zudem die Eltern gefordert. Schulen, Sportvereine und Unternehmen könnten das flankieren. „Im Pausenkiosk haben Energydrinks nichts verloren“, betonte die CDU-Politikerin. Und in Kantinen kein Alkohol. „Denn manchmal ist nicht der Energydrink das Problem, sondern der Wodka darin.“

Milliardenmarkt für Getränkehersteller

Zu den bekanntesten Marken von Energydrinks und Energy Shots gehören Red Bull, Monster und Rockstar. 2017 lag der Gesamtumsatz durch Energydrinks alleine in Deutschland bei 1,1 Milliarden Euro. Marktführer ist Red Bull. Der österreichische Konzern machte im Jahr 2017 einen Umsatz von rund 6,28 Milliarden Euro.

Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) konsumieren etwa 60 Prozent der deutschen Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren Energydrinks, 37 Prozent trinken Energydrinks in Kombination mit Alkohol. Der Absatz in Deutschland hat sich von 2005 bis 2012 fast vervierfacht.

In Deutschland haben die Getränkehersteller bislang keine Regulierung zu befürchten. Andere Länder sind da schon weiter. In Litauen etwa dürfen Minderjährigen schon seit einigen Jahren keine aufputschenden Getränke mehr verkauft werden. In Großbritannien haben viele Handelsketten den Verkauf von Energydrinks an Jugendliche unter 16 Jahren eingestellt, weil sich Kreislaufkollaps-Fälle gehäuft hatten. Auch Aldi und Lidl reagierten, wenn auch nicht hierzulande. Im vergangenen Jahr stoppten sie den Verkauf von Energydrinks an Kinder in den Niederlanden.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert schon seit Jahren, dass Energydrinks erst an Erwachsene ab 18 Jahren abgegeben werden dürfen. Und auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) mahnt, diese Drinks seien für Kinder und Jugendliche nicht geeignet.

Immerhin: Laut einer Foodwatch-Umfrage von 2015 haben in Deutschland bisher zwei von 14 befragten Handelsunternehmen – dm und Rossmann – den Verkauf von Energydrinks an Kinder und Jugendliche eingeschränkt: Bei dm gibt es gar keine Energydrinks, bei Rossmann werden sie nicht an unter 16-Jährige abgegeben.

CDU-Staatssekretär Fuchtel verweist hingegen auf eine „ganze Reihe von Maßnahmen“, die zu Energydrinks bereits in die Wege geleitet worden seien. So habe das Ministerium schon im Jahr 2012 eine Höchstmenge an Koffein in Energydrinks und anderen koffeinhaltigen Erfrischungsgetränke („Cola“) festgelegt. Zudem gebe es Warnhinweise auf Verpackungen sowie eine Ende 2015 gestartete Aufklärungskampagne zu koffeinhaltigen Lebensmitteln mit einem besonderen Fokus auf das Thema Energydrinks.

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