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03.07.2020

13:42

Kampf gegen Corona

Corona-Warn-App: Nutzen der Anwendung nur schwer ermittelbar

Von: Dietmar Neuerer

Bislang sind 300 Corona-Infektionen per Warn-App gemeldet worden. Der tatsächliche Nutzen der Anwendung ist aber nur schwer ermittelbar - aus Datenschutzgründen.

Die offizielle Corona-Warn-App wird inzwischen von über 14 Millionen Menschen in Deutschland verwendet. dpa

Corona-Warn-App

Die offizielle Corona-Warn-App wird inzwischen von über 14 Millionen Menschen in Deutschland verwendet.

Berlin Seit Mitte Juni steht die im Auftrag der Bundesregierung entwickelte Corona-Warn-App zum Download bereit. Schon einen Tag später zog Bundeskanzlerin Angela Merkel eine erste Bilanz. Es sei „ein ganz guter Start, der natürlich noch verstetigt werden muss“, sagte sie. Die App sei „ein Meilenstein in der Corona-Bekämpfung“.

Gemessen an der Zahl der Downloads ist die Aussage der Kanzlerin nachvollziehbar. Seit die App verfügbar ist, wurde sie über 14 Millionen Mal heruntergeladen und installiert. „Die Dimension hat mich schon sehr überrascht“, sagt die Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) dem Handelsblatt. „Die französische App ist nach einer Woche Betrieb gerade mal 1,5 Millionen Mal heruntergeladen worden.“

Jedoch: Die Zahl der Downloads ist mit Vorsicht zu genießen. Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Personen die App auch aktiv nutzen und somit alarmiert werden können, wenn sie sich in der Nähe von Infizierten aufgehalten haben.

Dass die Nutzerzahl im Dunklen bleibt, ist dem Umstand geschuldet, dass bei der Entwicklung der App hohe Anforderungen an den Datenschutz gestellt wurden. „Es gibt keine Daten dazu, wie viele Menschen mithilfe der Corona-Warn-App über eine mögliche Risiko-Begegnung informiert wurden, da die App auf einem dezentralen Ansatz basiert“, heißt es im Robert Koch-Institut (RKI).

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    Das bedeutet: Alle Daten der Nutzer werden verschlüsselt und ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert. Weder das Robert Koch-Institut (RKI) als Herausgeber der App noch Dritte haben Zugriff auf diese Daten.

    „Nützliches Warnsystem“

    Das Bundesgesundheitsministerium geht laut Ressortchef Jens Spahn (CDU) von rund 300 Infektionen aus, die bislang per App gemeldet wurden. Spahn bezieht sich dabei auf die Zahl der Verschlüsselungscodes, die von der zugehörigen Hotline ausgegeben wurden, um andere zu warnen. „Mehr wissen wir aus Datenschutzgründen nicht“, sagte Spahn dem Magazin „Spiegel“.

    Gesundheitsminister Spahn warnte denn auch davor, die neue Anwendung zu überschätzen. „Die App ist ein Werkzeug von vielen, um neue Ausbrüche einzudämmen. Sie ist kein Allheilmittel. Wir müssen trotzdem weiter aufeinander achtgeben, Abstand halten, Alltagsmaske tragen, Hygieneregeln einhalten.“

    Entsprechend zurückhaltend beurteilen Gesundheitsämter die neue App, wie Nachfragen des Handelsblatts bei verschiedenen Behörden ergaben. Im Gesundheitsamt der Region Hannover etwa hat sich nach Angaben einer Sprecherin bislang noch niemand gemeldet, nachdem die Corona-App ihn gewarnt hat. Die Region Hannover rangiert in einer Statistik des RKI auf Platz drei der bisher registrierten Corona-Infizierten.

    Das Gesundheitsamt im Corona-Hotspot Gütersloh sah sich außerstande, den Nutzen der App schon jetzt zu bewerten. „Ich denke, dass das ein Aspekt ist, dem man sich nach der Krise widmen wird“, sagte ein Sprecher. Die Abteilung, die für die Kontaktpersonenverfolgung zuständig sei, müsse derzeit andere Prioritäten setzen.

    Auch in den Hamburger Gesundheitsämtern sind noch keine Personen registriert worden, denen die App ein erhöhtes Infektionsrisiko bescheinigte. Daher könnten die Vorteile der App im praktischen Alltag derzeit noch nicht beurteilt werden, sagte eine Sprecherin der Sozialbehörde.

    Beim Gesundheitsamt in Köln hat sich Ende Juni eine Person gemeldet, die über die App gewarnt wurde. „Sie wurde am selben Tag im Infektionsschutzzentrum getestet, das Ergebnis war negativ“, sagte einer Sprecherin der Stadt.

    Der Gesundheitsamtsleiter Johannes Nießen sieht die App als „nützliches Warnsystem“ in Ergänzung zu den bestehenden Maßnahmen. Die Anwendung könne den Gesundheitsämtern „einen wertvollen Zeitvorteil in der Kontaktnachverfolgung verschaffen und einen Beitrag dazu leisten, dass das Leben wieder in normalen Bahnen verlaufen kann“.

    Irritierende Fehlermeldung

    Auch die Gesundheitsreferentin der Landeshauptstadt München, Stephanie Jacobs, ist überzeugt: „Die App kann uns als Gesellschaft wieder ein Stückchen Normalität zurückgeben und helfen, Lockerungen abzusichern.“

    Der Deutsche Landkreistag dämpfte die Erwartung an die Warn-App. „Noch hat sich die App nicht derart durchgesetzt, dass man von Flächendeckung sprechen kann. Zudem befinden wir uns nach der abgeklungenen ersten Welle in einer Zeit mit geringen Zahlen an Neuinfektionen, weshalb es auch im Rahmen der App nur wenige Alarme geben dürfte“, sagte der Sprecher des kommunalen Spitzenverbands, Markus Mempel, dem Handelsblatt.

    Mempel betonte zugleich, dass es trotz App nach wie vor „entscheidend“ auf die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter zur Durchbrechung von Infektionsketten ankomme. „Die App ist also gerade keine Wunderwaffe“, sagte er. „Dennoch hoffen wir auf eine breite Anwendung mit Blick auf eine drohende zweite Welle.“

    Allerdings läuft die App nicht ganz reibungslos. Eine Fehlermeldung dürfte so manche Nutzer irritiert haben: „Covid-19-Kontaktmitteilungen werden in dieser Region möglicherweise nicht unterstützt“, heißt es auf vielen iPhones. Die Entwickler versichern aber, die Funktionalität der App sei in diesen Fällen nicht beeinträchtigt. Bei der Warnung handele es sich um einen Fehler in Apples Betriebssystem iOS, der voraussichtlich mit dem nächsten iOS-Update behoben sei.

    Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Warn-App auf älteren Smartphones nicht läuft. Es gebe da technische Gründe, „die durch ein politisches Wollen der Bundesregierung nicht wegzuwischen sind“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert.

    Die App nutze neue Techniken und Sicherheitsverfahren, die ältere Smartphones nicht leisteten. Trotz dieser Hürden laufe die Abwendung aber auf mehr als 85 Prozent der in Deutschland vorhandenen Smartphones.

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