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12.09.2022

13:33

Kernkraft

Schweiz verteidigt Entscheidung für Atommüllendlager-Standort

Das geplante Endlager für Atommüll an der Grenze zu Baden-Württemberg hat für scharfe Kritik in Deutschland gesorgt. Die Schweiz hält den Standort für ideal.

Castoren, Einlagerung Atommüll dpa

Castoren

Die Einlagerung des Atommülls soll 2050 beginnen.

Bern Der geplante Standort für das Schweizer Atommüllendlager nahe der Grenze zu Baden-Württemberg ist nach Überzeugung von Schweizer Experten der sicherste Ort für radioaktiven Abfall. Die Region Nördlich Lägern unweit der deutschen Gemeinde Hohentengen sei aus rein geologischen Gründen die beste Wahl unter den drei geprüften Standorten, sagte Matthias Braun, Chef der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), am Montag in Bern. „Es ist ein eindeutiger Entscheid. Die Geologie hat gesprochen.“

Die nötige Gesteinsschicht von Opalinuston liege dort am tiefsten unter der Erdoberfläche, die Schicht sei am dicksten und der mögliche Bereich für das geplante Endlager am größten. In Nördlich Lägern seien in der Gesteinsschicht Spuren des ältesten Wassers gefunden worden: 175 Millionen Jahre alt. Das gebe ihm Vertrauen, auf lange Sicht Prognosen zu machen, sagte Braun. „Das Gestein ist sehr dicht, bindet radioaktive Materialien wie ein Magnet, und sollte es doch einmal brechen, heilt es sich von selber wieder.“

Die Verpackungsstation für die Brennelemente soll am jetzigen Zwischenlager Würenlingen unweit des deutschen Waldshut-Tiengen entstehen, weil dort bereits Bauten vorhanden sind. Sie müssten nur erweitert werden.

Verpackt werden sollen dort die etwa 3,5 bis 4,5 Meter langen und rund zwei Kilogramm schweren Brennstäbe mit einem Durchmesser von gut einem Zentimeter. Etwa einhundert bis knapp dreihundert Brennstäbe sind mit Abstandshaltern zu jeweils einem Brennelement gebündelt.

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Standort erkennen

    Das Bundesamt für Energie und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) wollen die Vorschläge der Nagra im Bewilligungsverfahren prüfen. In der Expertengruppe geologische Tiefenlager des Ensi sind neben vier Schweizern auch vier deutsche Professoren vertreten.

    Entscheidung stößt bei den Grünen auf Kritik

    In dem Lager sollen die radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken, Industrie und Forschung in Hunderten Metern Tiefe eingebettet werden. Über die Bewilligung sei noch nicht entschieden, betonte das Bundesamt. Im günstigsten Fall könnte mit den Bauten 2031 begonnen werden, mit der Einlagerung 2050.

    Grafik

    Die Entscheidung der Schweiz stieß bei den Grünen auf Kritik. Es sei zwar nicht neu, dass Schweizer Atommüll nahe der deutschen Grenze lagern soll, sagte der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, Harald Ebner (Grüne), dem Handelsblatt.

    „Allerdings verwundert, dass das Gebiet Nördlich Lägern, welches vor einigen Jahren als eher nicht geeignet eingestuft wurde, nun der präferierte Standort sein soll“, sagte Ebner. „Dafür braucht es eine transparente und nachvollziehbare Begründung, und es muss auch eine gleichberechtigte Beteiligung der deutschen Umliegergemeinden geben.“

    Ebner betonte: „Sicherheit muss auf beiden Seiten der Grenze oberste Priorität haben, Grundwasserschutz garantiert bleiben.“ Über zu erwartende Belastungen und Auswirkungen müsse es eine „enge grenzübergreifende Einbindung“ geben, die offene Fragen beantworte.

    Das schließt auch die Ankündigung der Schweizer Atombehörde Nagra mit ein, den Standort der Verpackungsstation für die Brennelemente am jetzigen Zwischenlager Würenlingen vorzusehen und nicht am Standort des Endlagers. „Zahlreiche Städte und Gemeinden am Hochrhein sehen sich durch die Atomtransporte in der Region mit einem erhöhten Sicherheitsrisiko konfrontiert“, sagte der Grünen-Politiker.

    „Die Geologie ist entscheidend, nicht die Geographie“

    Die baden-württembergische Landesregierung reagierte zurückhaltend auf die Schweizer Atompläne. „Wir nehmen die Standortvorschläge zur Kenntnis und werden sie im Austausch mit unseren Schweizer Nachbarn prüfen“, sagte eine Regierungssprecherin dem Handelsblatt. „Es ist ja zunächst nur ein Zwischenschritt in einem noch nicht abgeschlossenen Prozess.“

    So müssten etwa der schweizerische Bundesrat und die Bundesversammlung den Vorschlägen noch zustimmen. Die Sprecherin fügte hinzu: „Wie in Deutschland auch muss das Kriterium immer sein: Die Geologie ist entscheidend, nicht die Geographie.“

    Die deutschen Gemeinden reagierten mit Skepsis. Sie wollen genau prüfen, ob die Begründungen der Nagra plausibel sind, zumal der Standort Nördlich Lägern 2015 als zweite Wahl zurückgestellt worden war.

    Atomkraftwerk Isar 2 dpa

    Atomkraftwerk Isar 2

    In dem Lager sollen die radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken, Industrie und Forschung in Hunderten Metern Tiefe eingebettet werden.

    Nach Angaben von Braun waren dafür damals Unsicherheitsfaktoren ausschlaggebend, weil die Opalinuston-Schicht dort so tief liege. Weitere Prüfungen hätten sie aber eines Besseren belehrt: „Es hat sich herausgestellt, dass die Festigkeit des Gesteins etwa doppelt so gut ist wie das damals im vorsichtigen Szenario bewertet wurde“, sagte er.

    Die Frage, ob in das Endlager so nah an der deutschen Grenze nicht auch die deutschen radioaktiven Abfälle entsorgt werden könnten, beantworten die Schweizer mit einem klaren Nein. „Es ist ein anerkanntes Prinzip, dass jedes Land seine eigenen Abfälle bei sich selber entsorgen muss“, sagte Roman Mayer, Vizedirektor des Bundesamts für Energie.

    Die umliegenden Gemeinden sollen Kompensationszahlungen erhalten, bestätigte Monika Stauffer, die Leiterin der Sektion Radioaktive Abfälle beim Bundesamt für Energie. „Die Abgeltungsverhandlungen werden herausfordernd sein“, sagte sie.

    Das Geld solle für regionale Entwicklung eingesetzt werden. Wer wie viel Geld bekomme, müsse ausgehandelt werden. In einem unverbindlichen Kostenszenario waren dafür einmal 800 Millionen Franken (822 Millionen Euro) vorgesehen.

    Das Ensi hat als Rahmenbedingung für das Endlager festgelegt, dass die Strahlung höchstens 0,1 Millisievert im Jahr betragen darf, sagte der Leiter des Aufsichtsbereichs Entsorgung, Felix Altorfer. Bei dem geplanten Lager rechne das Ensi nach den bisher vorliegenden Daten aber nur mit höchstens 0,001 Millisievert Strahlung. Im deutschen Strahlenschutzgesetz ist der Grenzwert für die effektive Dosis zum Schutz von Einzelpersonen auf 1 Millisievert im Jahr festgelegt.

    Die Schweizer Kernkraftwerkbetreiber haben die Kosten für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle im vergangenen Jahr auf 18,2 Milliarden Franken geschätzt. Sie zahlen bereits in einen Fonds, um die Kosten zu decken.

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