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20.01.2022

17:45

Kirche

Missbrauchsgutachten sieht Fehlverhalten Benedikts als Erzbischof – Kardinal Marx räumt Fehler ein

PremiumDie Katholische Kirche im Bistum München soll über Jahre hunderte Missbrauchsfälle vertuscht haben. Im Fokus von Juristen steht nun: der ehemalige deutsche Papst.

Der ehemalige Papst wird nun schwer belastet. (Archivbild)

Ehemaliger Papst Benedikt

Der ehemalige Papst wird nun schwer belastet. (Archivbild)

München Ein Gutachten lastet dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehlverhalten im Umgang mit vier Fällen von sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising an. Das sagte der Jurist Martin Pusch am Donnerstag bei der Vorstellung des vom Erzbistum in Auftrag gegebenen Gutachtens in München. In allen Fällen habe Benedikt – damals Kardinal Joseph Ratzinger – ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

Der emeritierte Papst war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Er habe umfangreich Stellung zu den Vorwürfen genommen, betonte Pusch. Dies sei im Wortlaut Teil des Gutachtens enthalten.

Kritiker werfen Ratzinger schon seit geraumer Zeit Fehlverhalten vor – konkret beim Umgang mit einem Priester aus Nordrhein-Westfalen. Der Mann soll vielfach Jungen missbraucht haben und wurde zur Amtszeit Ratzingers aus NRW nach Bayern versetzt, wo er rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und immer wieder rückfällig geworden sein soll.

Allein dieser Fall macht 370 Seiten des insgesamt mehr als 1700 Seiten starken, vom heutigen Erzbischof Kardinal Reinhard Marx in Auftrag gegebenen Gutachtens aus. Marx selbst halten die Anwälte Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vor.

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    Kardinal Marx gesteht Fehler ein

    Er hat sich als Erzbischof von München und Freising für Missbrauchsfälle in seinem Bistum entschuldigt. „Ich bin erschüttert und beschämt“, sagte er am Donnerstag in München nach der Vorstellung eines Aufsehen erregenden Gutachtens zu sexuellem Missbrauch in der Diözese in den vergangenen Jahrzehnten.

    Gespräche mit Betroffenen hätten bei ihm dazu geführt, seine Kirche heute in einem anderen Licht zu sehen: „Für mich haben die Begegnungen mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs eine Wende bewirkt. Sie haben meine Wahrnehmung der Kirche verändert und verändern diese auch weiterhin“, sagte Marx.

    Seit Jahren sei bekannt, „dass sexueller Missbrauch in der Kirche nicht ernst genommen wurde, dass die Täter oft nicht in rechter Weise zur Rechenschaft gezogen wurden, dass es ein Wegsehen von Verantwortlichen gegeben hat“.

    „Wie ich immer wieder gesagt habe, fühle ich mich als Erzbischof von München und Freising mitverantwortlich für die Institution Kirche in den letzten Jahrzehnten“, betonte er. „Als der amtierende Erzbischof bitte ich deshalb im Namen der Erzdiözese um Entschuldigung für das Leid, das Menschen im Raum der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten zugefügt wurde.“

    In der kommenden Woche wolle er inhaltlich detaillierter Stellung zu dem Gutachten nehmen, das ihm selbst Fehlverhalten in zwei und seinen Vorgängern Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Joseph Ratzinger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI., jeweils in mehreren Fällen vorwirft. „Die Missbrauchskrise ist und bleibt eine tiefe Erschütterung für die Kirche“, sagte Marx. Es müsse künftig um die Erneuerung der Kirche gehen, sagte er auch mit Blick auf den Reformprozess Synodaler Weg.

    Der Kardinal des Bistums München hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben in dem die Missbrauchsfälle aufgearbeitet werden sollten. dpa

    Kardinal Reinhard Marx

    Der Kardinal des Bistums München hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben in dem die Missbrauchsfälle aufgearbeitet werden sollten.

    Aus dem Gutachten, das von mindestens 497 Betroffenen in den Jahren 1945 bis 2019 ausgeht, wolle man Folgerungen ziehen und „Perspektiven aufzeigen“.

    Auch Ratzingers direktem Nachfolger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten, das den Zeitraum zwischen 1945 und 2019 untersucht hat, Fehlverhalten in 21 Fällen vor. Wetter habe die Fälle zwar nicht bestritten, ein Fehlverhalten seinerseits aber schon, sagte Pusch. Sein Kollege, der Anwalt Ulrich Wastl, sprach von einer „Bilanz des Schreckens“.

    Die Studie listet mindestens 497 Opfer auf. Dabei handele es sich überwiegend um männliche Kinder und Jugendliche, die in den Jahrzehnten des Untersuchungszeitraums zu Opfern wurden, teilte die Kanzlei mit. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Studie – darunter 173 Priester und 9 Diakone. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich größeren Dunkelziffer auszugehen.

    Das Gutachten kommt auch zu dem Schluss, dass viele Priester und Diakone auch nach Bekanntwerden entsprechender Vorwürfe weiter eingesetzt worden seien. 40 Kleriker seien ungeachtet dessen wieder in der Seelsorge tätig gewesen beziehungsweise dies sei geduldet worden. Bei 18 davon erfolgte dies sogar nach „einschlägiger Verurteilung“, wie Rechtsanwalt Martin Pusch sagte. Insgesamt seien bei 43 Klerikern „gebotene Maßnahmen mit Sanktionscharakter“ unterblieben.

    Das neue Gutachten stellt der katholischen Diözese ein schlechtes Zeugnis aus. Auch in jüngster Zeit habe kein „Paradigmenwechsel“ mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Pusch. „Bis in die jüngste Vergangenheit und teils auch heute noch begegnen Geschädigte Hürden.“ Ein aktives Zugehen auf die Opfer gebe es nicht. Pusch sieht ein „generelles Geheimhaltungsinteresse“ und den „Wunsch, die Institution Kirche zu schützen“.

    Von

    dpa

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