Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.07.2022

10:28

Klimawandel

Mehr als 6,6 Milliarden Euro jährlich: So teuer sind Extremwetter für Deutschland

Von: Silke Kersting

Ob Hitzesommer oder Überschwemmungen: Die Bundesregierung hat die Schäden durch die menschgemachte Erderwärmung konkret berechnen lassen. Und diese dürften noch steigen.

Die Flutkatastrophen vor allem an Ahr und Erft im vergangenen Jahr haben für Schäden von mehr als 40 Milliarden Euro gesorgt. dpa

Das Ahrtal nach der Flut

Die Flutkatastrophen vor allem an Ahr und Erft im vergangenen Jahr haben für Schäden von mehr als 40 Milliarden Euro gesorgt.

Berlin Die Schäden in Deutschland durch den menschengemachten Klimawandel belaufen sich seit dem Jahr 2000 auf mindestens 145 Milliarden Euro, das sind durchschnittlich 6,6 Milliarden Euro pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kommen drei Untersuchungen unter dem Titel „Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland“, die das Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) durchgeführt hat.

Das Ministerium veröffentlichte die Studie am Montag kurz bevor Olaf Scholz (SPD) als Bundeskanzler an diesem Montag in Berlin beim Petersberger Klimadialog seine erste klimapolitische Rede hält.

Allein seit 2018 lassen sich die Schäden aufgrund heißer und trockener Sommer sowie durch die Überschwemmungen im Juli 2021 auf mehr als 80 Milliarden Euro beziffern. Der Schaden der Hitze- und Dürresommer 2018 und 2019 liegt nach Angaben der Autorinnen und Autoren bei 34,9 Milliarden Euro, der der Flutkatastrophe vor allem an Ahr und Erft bei 40,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen Schäden durch Hagel und Sturm.

Besonders hohe Schäden der Hitze und Dürre 2018 und 2019 sind den Fachleuten zufolge in der Forst- und in der Landwirtschaft angefallen, aber auch in Industrie und Gewerbe durch hitzebedingte Produktionsausfälle. Die Hitze belastet die Gesundheit der Menschen extrem. Die Folgen sind höhere gesundheitliche Kosten, aber auch viele Todesfälle.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Neben den 183 Menschen, die infolge der Hochwasserkatastrophe 2021 umkamen und damit mehr als bei allen anderen Stürmen, Hochwasserereignissen, Sturzfluten und ähnlichen Katastrophen seit 2000 zusammen, seien insgesamt „mindestens 7500 Todesfälle auf die außergewöhnlich hohe Hitze in den Jahren 2018 und 2019 zurückzuführen“, schreibt Prognos.

    Treten Dürre- und Hitzeschäden vor allem in Land- und Forstwirtschaft auf, so betreffen Sturzfluten und Überschwemmungsereignisse vor allem das Bauwesen sowie Verkehr und Verkehrsinfrastruktur. Industrie und Gewerbe sind von beiden Ereignistypen stark betroffen.

    Baerbock: „Klimakrise das größte Sicherheitsproblem“

    Die Fachleute gehen davon aus, dass die tatsächliche Schadenshöhe noch über den ermittelten Zahlen liegt. Erstens, heißt es, konnten nicht alle Extremereignisse erfasst beziehungsweise betrachtet werden. Zweitens gebe es weiteren Forschungsbedarf zu den hitzebedingten Kosten im Gesundheitssystem oder den Auswirkungen auf die biologische Vielfalt.

    Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) rief die Weltgemeinschaft zu verstärkten Anstrengungen und zum sofortigen Handeln gegen die von Menschen gemachte Erderwärmung auf. „Die Klimakrise ist mittlerweile das größte Sicherheitsproblem für alle Menschen auf dieser Erde“, sagte Baerbock am Montag zum Auftakt des Petersberger Klimadialogs. „Wir haben nicht zehn, 20, 30 Jahre, nein, uns bleiben noch acht Jahre, um die weltweiten Emissionen nahezu um die Hälfte zu senken.“

    Beim inzwischen traditionellen Petersberger Klimadialog in Berlin, benannt nach dem ersten Dialog 2010 im Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn, beraten an diesem Montag und Dienstag Minister und Vertreter aus 40 Ländern darüber, wie es beim Schutz des Klimas international vorangehen muss.

    Klimapolitik

    Baerbock: „Krieg ist Booster für Ausbau der erneuerbaren Energien“

    Klimapolitik: Baerbock: „Krieg ist Booster für Ausbau der erneuerbaren Energien“

    Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

    Mit dem Start der Ampelregierung hatte das Auswärtige Amt die Steuerung und Koordination der internationalen Klimapolitik vom Umweltministerium übernommen; die Konferenz findet also erstmals im Außenministerium statt.

    Der Klimadialog soll vorrangig als Diskussionsplattform dienen, um im internationalen Klimaverhandlungsprozess Vertrauen aufzubauen, um trotz globaler Krisen beim Kampf gegen die Erderwärmung voranzukommen. Für November ist die nächste Weltklimakonferenz anberaumt, in diesem Jahr in Ägypten.

    Industrieländer in der Pflicht

    Baerbock sagte weiter: „Die Industrieländer tragen eine ganz besondere Verantwortung. Denn wir sind führend im Emissionsausstoß.“ Sie versicherte, dass die Bundesregierung keine Abstriche beim Klimaschutz wegen des Ukrainekriegs und der daraus folgenden Energiekrise machen werde.

    Vielmehr verstärke Deutschland seine Anstrengungen zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Zwar müsse man für einen kurzen Zeitraum Kohlekraftwerke reaktivieren – „aber nur als Notreserve“.

    Neben Baerbock steht nach Einschätzung der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch vor allem Kanzler Scholz unter besonderem Zugzwang. „Bundeskanzler Scholz hat zuletzt in der Klimapolitik nicht gerade geglänzt“, sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch. Der Petersberger Klimadialog biete ihm die Chance, Deutschlands klimapolitische Glaubwürdigkeit zu unterstreichen.

    Bals sagte: „Es geht nun darum, international zu zeigen, dass die neue Bundesregierung die Energiewende als Reaktion auf den russischen Krieg gegen die Ukraine beschleunigt.“ Zusätzliche Mittel für die internationale Klimafinanzierung sowie auch Gelder für die Umsetzung von Klimapartnerschaften hält er für unumgänglich.

    Internationale Klimapartnerschaften zum beschleunigten Kohleausstieg und zum Ausbau von erneuerbaren Energien gelten als ein zentrales Instrument von Baerbocks Klimaaußenpolitik. Eine Partnerschaft mit Südafrika wurde im vergangenen Jahr noch von der früheren Bundesregierung und weiteren G7-Ländern beschlossen. Aktuell arbeitet Deutschland zusammen mit den wichtigsten sieben Industriestaaten am Aufbau von weiteren Partnerschaften, etwa mit Indonesien, Vietnam, Indien und dem Senegal.

    Konkrete Finanzierungspläne gibt es aber noch nicht, kritisiert Germanwatch. „Wenn diese Initiativen nur Lippenbekenntnisse bleiben sollten, würden sie das Vertrauen der Partner im Globalen Süden zerstören und uns der vielleicht letzten Chance berauben, das 1,5-Grad-Limit noch einzuhalten“, sagte Bals.

    Eine globale Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius im vorindustriellen Vergleich gilt als Limit, um die Folgen des Klimawandels überhaupt noch beherrschen zu können. Geht es darüber hinaus, wird die Welt zunehmend mit Veränderungen konfrontiert sein, an die sich Mensch und Natur nicht anpassen können, mahnt der Weltklimarat.

    Doch selbst wenn es gelingen sollte, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, lassen sich viele Risiken nicht mehr abwenden. Bisher hat sich die Welt um 1,1 Grad erwärmt – und die Folgen sind international spürbar.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×