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04.03.2019

15:17

Kohleausstieg

Ersatzkraftwerke dringend gesucht

Von: Klaus Stratmann

Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission hat einen Pfad für den Ausstieg aus der Kohle entworfen. Aber ohne zusätzliche Gaskraftwerke dürfte es kaum gehen.

Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Irsching 5. Wenn in den kommenden Jahren Kohlekraftwerke in schneller Folge vom Netz gehen, muss die gesicherte Kraftwerksleistung woanders herkommen. dpa

Gaskraftwerk Irsching

Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Irsching 5. Wenn in den kommenden Jahren Kohlekraftwerke in schneller Folge vom Netz gehen, muss die gesicherte Kraftwerksleistung woanders herkommen.

BerlinAuf Seite 67 der finalen Fassung des Abschlussberichts der Kohlekommission findet sich ein interessanter Passus. Er trägt die kryptische Überschrift „Prüfung eines systematischen Investitionsrahmens“ und befasst sich mit der Frage, wie sich die Versorgungssicherheit sicherstellen lässt, wenn in den kommenden Jahren Braun- und Steinkohlekraftwerke abgeschaltet werden und sich gleichzeitig nicht genug neue Kraftwerkskapazitäten im Bau befinden.

Die Kommission empfiehlt für diesen Fall, „rechtzeitig entsprechende Investitionsanreize zu setzen“. Es sei Sorge dafür zu tragen, „dass keine zeitlichen Divergenzen zwischen dem Bedarf an Kraftwerkskapazitäten und der Fertigstellung entstehen“.

Was die Kommissionsmitglieder in schönstem Bürokratendeutsch aufgeschrieben haben, lässt sich kurz so zusammenfassen: Wenn in den kommenden Jahren Kohlekraftwerke in schneller Folge vom Netz gehen, muss die gesicherte Kraftwerksleistung woanders herkommen.

Als Mittel der Wahl gelten Gaskraftwerke, weil sie wesentlich emissionsärmer sind als Kohlekraftwerke. Doch weil die entsprechenden Investitionen nicht in Sicht sind, muss mit Geld nachgeholfen werden. Nichts anderes verbirgt sich hinter dem Begriff des „systematischen Investitionsrahmens“.

Tatsächlich tut sich eine erhebliche Lücke auf. So unterstellt die Bundesnetzagentur in ihrem Netzentwicklungsplan zwar, dass in Deutschland bis 2030 Gaskraftwerkskapazitäten im Umfang von 9,4 Gigawatt (GW) geplant seien. Zur Veranschaulichung: Ein Gigawatt entspricht der Leistung eines großen Kohlekraftwerksblocks.

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In der Branche jedoch wird davon ausgegangen, dass es nicht zu den entsprechenden Investitionen kommt. Denn die Aussichten, mit einem neuen Gaskraftwerk Geld zu verdienen, sind äußerst unsicher. Bei einem insgesamt wachsenden Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung reduzieren sich die Einsatzzeiten für ein Gaskraftwerk oft auf wenige Stunden im Jahr. Das macht einen rentablen Betrieb unwahrscheinlich.

Schon heute ist es daher nicht immer leicht, mit einem Gaskraftwerk Geld zu verdienen. Zuletzt hat sich die Lage zwar etwas entspannt, weil die Strompreise im Großhandel gestiegen sind. Ein Teil dieses Anstiegs wiederum ist darauf zurückzuführen, dass Emissionszertifikate sich verteuert haben. Höhere Zertifikatepreise begünstigen Gas- gegenüber Kohlekraftwerken, weil Gaskraftwerke wegen geringerer CO2-Emissionen auch weniger Zertifikate benötigen.

Dennoch sind potenzielle Investoren beim Bau neuer Gaskraftwerke nach wie vor zurückhaltend. Viele Unternehmen hatten sich nach der Jahrtausendwende verkalkuliert, als sie im großen Stil in Gaskraftwerke investierten, von denen einige inzwischen zu Investitionsruinen wurden.

Möglicherweise ließen sich Investitionen anreizen, wenn man bereits mit dem Bereithalten von Kraftwerksleistung Geld verdienen könnte. Der Stromerzeugungsmarkt fußt auf dem Grundsatz, dass allein der Verkauf des Stroms honoriert wird („Energy-Only-Markt“), nicht jedoch das Bereithalten von Kraftwerkskapazitäten.

Ausnahmen gelten für bestimmte Reserven, die beispielsweise in Engpasssituationen zum Einsatz kommen. Dazu zählen die Kapazitätsreserve, die Sicherheitsbereitschaft und die sogenannte Netzreserve.

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„Wenn alles gut geht, sehen wir in den kommenden Jahren einen Zubau von Gaskraftwerken mit einer installierten Leistung von 2,2 Gigawatt. Darin eingerechnet ist aber bereits eine Anlage im bayerischen Irsching, die als sogenanntes netztechnisches Betriebsmittel nicht Teil des Marktes sein wird“, sagte Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU), dem Handelsblatt.

Reiche war Mitglied der Kohlekommission, die ihre Arbeit Ende Januar abgeschlossen hat. „Wenn der Gesetzgeber Investitionen in neue Gaskraftwerke anreizen will, muss er dem Bereithalten von gesicherter Kraftwerksleistung einen Wert geben“, sagt Reiche.

Das sieht auch Felix Matthes vom Öko-Institut so: „Man wird an einer Debatte über Anreize für den Bau von Gaskraftwerken nicht vorbeikommen“, sagt er dem Handelsblatt. Matthes hat der Kommission ebenfalls angehört. Im Moment laufe noch „das Experiment eines Energy-Only-Markts“.

Man werde aber Modelle entwickeln müssen, mit denen das Bereithalten von Kapazität honoriert werde. „Spätestens ab 2025 müssen die ersten neuen Gaskraftwerke ans Netz gehen. Das heißt, dass wir 2021 oder spätestens 2022 Gewissheit darüber haben müssen, welche Projekte bis dahin ohne Kapazitätsmarkt verwirklicht werden“, sagt er.

Werden die Risiken eines Kohleausstiegs für die Versorgungssicherheit möglicherweise übertrieben? „Der Kohleausstieg muss nicht zwangsläufig zu einer Gefahr für die Versorgungssicherheit werden. Die Frage ist allerdings, wie man die entstehende Lücke volkswirtschaftlich und energiewirtschaftlich sinnvoll ausfüllt“, sagte Catrin Jung, Director Market Development Offshore der Business-Area Wind von Vattenfall, dem Handelsblatt.

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„Es wird nicht ohne zusätzliche Gaskraftwerke gehen. Ich warne allerdings davor, dass Gleiche nur mit etwas Ähnlichem zu ersetzen“, sagte Jung, zugleich Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Offshore-Windpark-Betreiber.

„Die Lücke mit Gaskraftwerken zu flicken wäre allenfalls ein Zwischenschritt, aber nicht zielführend, wenn man das Ziel von 80 Prozent Erneuerbaren erreichen will. Auch ein kluger Mix aus erneuerbaren Energien kann einen erheblichen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten“, sagt Jung.

Kommentare (1)

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Herr Werner r

04.03.2019, 12:20 Uhr

Deutschland benötigt für die "Dunkelflaute" 80 GW gesicherte Leistung. Wenn die Kohle und die Atomenergie wegfallen, müssen diese weitgehend aus Gas kommen. Dabei ist es für die Bereitstellung gleichgültig, ob das Gas aus Russland oder aus der Wasserzerlegung mit Hilfe von Ökostrom und Speicherung in Kavernen kommt. Ein Großteil dieser Gaskraftwerke muss sofort startbereit sein - im Winter die komplette Leistung, im Sommer etwas weniger -. Diese Kraftwerke müssen also mit einer Mindestleistung von heute 30% mitlaufen; dieser Wert mag in der Zukunft noch verringerbar sein. Das wird ganz schön teuer und hilft dem Klima nur wenig, da Deutschland nur einen Anteil von 2,5% an den weltweiten CO2-Emissionen hat.

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