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08.06.2020

17:27

Konfliktmineralien

Zinn, Gold, Wolfram: Unternehmen müssen globale Lieferketten überprüfen

Von: Heike Anger

Eine EU-Verordnung zwingt Unternehmen zu verantwortungsvoller Rohstoffbeschaffung. Die Coronakrise könnte den Wechsel zu sauberen Lieferketten beschleunigen.

Künftig gelten EU-weit verbindliche Sorgfaltspflichten bei der Einfuhr von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus Risikogebieten. dpa

Rohstoffgewinnung im Kongo

Künftig gelten EU-weit verbindliche Sorgfaltspflichten bei der Einfuhr von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus Risikogebieten.

Berlin In der Coronakrise ringen viele Unternehmen noch immer mit gestörten Lieferketten und Materialengpässen. Doch statt im Notfallmodus zu verharren, könnten die Unternehmen die Pandemie als Chance sehen, um ihre globalen Lieferketten zu überprüfen. „Das steht für Konfliktmineralien ohnehin an“, sagt Anahita Thoms von der Wirtschaftskanzlei Baker McKenzie. „Denn künftig gelten EU-weit verbindliche Sorgfaltspflichten bei der Einfuhr von solchen Rohstoffen aus Konflikt- oder Hochrisikogebieten“, erklärt die Handelsexpertin.

Auslöser ist eine EU-Verordnung über die Pflichten der Importeure von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus Risikogebieten. Gerade ist das deutsche Durchführungsgesetz in Kraft getreten. Nun bleiben den betroffenen Unternehmen noch 200 Tage Zeit, um Verfahren einzurichten, mit denen sich die Lieferketten überprüfen und Risiken ermitteln lassen. Ziel ist eine verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung.

Die sogenannten Konfliktmineralien stecken in vielen Geräten, etwa in Smartphones. Die Stoffe stammen häufig aus Ländern, in denen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen wie Kinder- oder Zwangsarbeit bestehen. Die Ausfuhr oder der Transport von Konfliktmaterialen dient auch, um bewaffnete Gruppen zu unterstützen.

Mit der Konfliktmineralienverordnung sollen Unternehmen nun dazu gebracht werden, als kritisch eingestufte Standorte, Lieferanten und Umstände zu ermitteln und „Abhilfemaßnahmen“ einzuleiten. Sprich: Notfalls müssen Geschäfte mit einem Lieferanten beendet werden.

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Standort erkennen

    Nach Schätzungen der EU-Kommission wird die Verordnung für 600 bis 1000 EU-Importeure direkt gelten. Indirekt werden davon etwa 500 Hütten und Raffinerien mit Sitz innerhalb und außerhalb der EU betroffen sein. Auch „nachgelagerte“ Unternehmen, die Konfliktmaterialen verarbeiten, haben bestimmte Berichtspflichten.

    „Mit dem Aufbau eines strategischen Risikomanagementsystems nach den Anforderungen der EU-Konfliktmineralienverordnung sind derzeit viele betroffene Unternehmen befasst“, berichtet Sarah Hillmann, Referentin für Sicherheit und Rohstoffe beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Etliche deutsche Unternehmen sind bereits freiwillig in zertifizierten Unternehmensinitiativen engagiert.“

    Der Maschinenbauverband VDMA geht davon aus, dass insbesondere größere Kunden zukünftig Lieferkettennachweise anfragen. Die EU-Verordnung könne also auch bei weiterverarbeitenden Betrieben zu erheblichem Mehraufwand führen.

    Keine Privatdetektive nötig

    In Deutschland soll die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die Einhaltung der Verordnung überwachen. Bei Verstößen kann sie den Unternehmen Vorgaben machen und Zwangsgelder von bis zu 50.000 Euro verhängen.

    „Konkret müssen die betroffenen Unternehmen solide Managementsysteme schaffen und die Risiken in der Lieferkette ermitteln und bewerten“, erklärt Handelsexpertin Thoms. „Quellen für die Materialien lassen sich aber nicht über Nacht analysieren“, warnt sie. Auch sei das „Lieferketten-Mapping“ keine einmalige Aufgabe. Die Angaben müssten stets aktuell gehalten werden. Jederzeit könnten sich etwa Verletzungen der Menschenrechte „einschleichen“.

    Die Vorgaben dafür, wie die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette erfüllt werden kann, bleiben indes weit gefasst. „Häufig taucht die Frage auf: Müssen wir da einen Privatdetektiv hinschicken?“, berichtet Rechtsexpertin Thoms aus der Beratungspraxis. „Das sagt die Verordnung so konkret nicht. Den Unternehmen wird ein Ermessensspielraum gelassen.“ Denn je nach Art und Größe der Betriebe seien die Risikoprofile sehr unterschiedlich.

    Leitlinien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Förderung verantwortungsvoller Lieferketten für Mineralien aus Konflikt- und Hochrisikogebieten bewerten Audits durch unabhängige Dritte als Nachweis dafür, dass die Sorgfaltspflicht erfüllt wird.

    „Eine Vor-Ort-Prüfung der Lieferketten wird in vielen Fällen erforderlich sein“, meint Thoms. „Die Coronakrise kann jetzt schon den Wechsel hin zu verantwortungsvollen Quellen voranbringen.“

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