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14.08.2019

19:13

Konjunktur

Das Ende des zehnjährigen Booms – Deutschland droht eine „technische“ Rezession

Von: Norbert Häring, Jakob Blume, Fabian Ritters

Die Talfahrt der Industrie strahlt zunehmend auf die anderen Wirtschaftszweige aus. Ökonomen und Märkte halten eine Rezession für sehr wahrscheinlich.

Die Exporte der Industrie nehmen immer weiter ab. Bloomberg

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Die Exporte der Industrie nehmen immer weiter ab.

Frankfurt Die Zeichen stehen auf Abschwung: Handelskonflikte und eine schwächere Weltkonjunktur haben die exportabhängige deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal ausgebremst. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte um 0,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch nach vorläufigen Berechnungen mitteilte.

Grund für das Minus war die Entwicklung bei den Exporten, die stärker als die Importe zurückgegangen sind. Nach einer vereinfachenden Faustregel spricht man von einer „technischen“ Rezession, wenn zwei Quartale hintereinander das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal sinkt. Das gab es zuletzt um den Jahreswechsel 2012/13.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte schon einige Stunden vor der Veröffentlichung der Zahlen zu beruhigen. „Ich sehe derzeit keine Notwendigkeit für ein Konjunkturpaket“, sagte sie. Der Vorsitzende des Sachverständigenrat, Christoph Schmidt, erklärte dem Handelsblatt, ein Konjunkturprogramm sei eine „übertriebene Reaktion“. Allerdings fordert der gewerkschaftsnahe Wirtschaftsweise Achim Truger hingegen eine schnelle Reaktion: „Der Bund sollte die schwarze Null aufgeben, öffentliche Investitionen verstärken und mit Ländern und Gemeinden Spielräume für zusätzliche expansive Maßnahmen ausloten.“

„Die Wirtschaft dürfte sich bereits in einer technischen Rezession befinden, da sie sich auch im laufenden dritten Quartal schwach entwickelt“, diagnostizierte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Fast alle Indikatoren deuten darauf hin, dass es im laufenden dritten Quartal noch schlechter kommen könnte.

Commerzbank korrigiert ihre Zahlen

Dann befände sich die deutsche Wirtschaft seit April in einer Rezession. „Die bis zuletzt gefallenen Frühindikatoren legen auch für das zweite Halbjahr kein Wachstum nahe“, sagt Commerzbank Chefvolkswirt Jörg Krämer und spricht von einer „Konjunktur im Graubereich zwischen magerem Wachstum und Rezession“. Die Bank hat deshalb auch ihre Prognose für das kommende Jahr gesenkt. Sie erwartet nun nur noch 0,8 Prozent Wachstum – nach zuvor 1,3 Prozent. Die Bundesregierung geht noch von 1,5 Prozent aus.

Zu den schwachen Frühindikatoren, die Auskunft über das bereits halb abgelaufene dritte Quartal geben, gehören die schwachen Auftragseingänge in der Industrie und Geschäftsklimaumfragen bei Unternehmen, die es bereits für Juli gibt. Das vom Ifo-Institut erhobene Industrieklima sank im Juli von bereits sehr niedrigem Niveau so stark wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr.

Und auch im Dienstleistungsbereich, wo die Geschäfte noch besser laufen, zeigte sich in den letzten Monaten eine zunehmende Abwärtstendenz bei Geschäftslage und Erwartungen. „Die Industrieschwäche strahlt allmählich auf andere Wirtschaftsbereiche aus“, sagte dazu der Konjunkturchef des Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser. Und ein Ende der schon seit einem Jahr anhaltenden Schwäche der Industrie sei nicht zu erkennen.

Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland von Deutsche Bank Research, prognostiziert wegen der schwachen Frühindikatoren Negativwachstum auch für das dritte Quartal. „Eine Stabilisierung im Schlussquartal setzt voraus, dass der amerikanisch-chinesische Handelsstreit nicht weiter eskaliert und beim Brexit Extremszenarien vermieden werden“, fügte er warnend hinzu.

Fratzscher dagegen beschwichtigt: „Die deutschen Unternehmen sind international wettbewerbsfähig und erzielen ordentliche Erträge, der Arbeitsmarkt ist stark und der Konsum solide.“

Anleihen liefern weitere Hinweise

Schmidt warnt ebenfalls vor Panik. „Dass sich die Dynamik der deutschen Volkswirtschaft abschwächt, hat sich seit Längerem angedeutet und ist nach einem zehnjährigen Aufschwung noch kein Grund zur übertriebenen Besorgnis“, sagte der Präsident des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Sollten sich die Handelskonflikte zuspitzen, sieht er aber das Risiko einer „anhaltenden Schrumpfung der Wirtschaft“.

An den Anleihemärkten mehren sich jedenfalls die Signale, die auf einen Abschwung hindeuten. Am Mittwoch sind die Renditen für zweijährige US-Staatsanleihen erstmals seit 2007 über die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen gestiegen. Dieses Phänomen bezeichnen Fachleute als Inversion der Zinskurve.

Es gilt als verlässlicher Krisenindikator: In neun von zehn Fällen ist es der Commerzbank zufolge binnen zwei Jahren nach der Umkehr der Zinskurve zu einer Rezession in den USA gekommen. Die Reaktion an den Märkten fiel deutlich aus: Sichere Häfen wie Gold oder langlaufende Staatsanleihen waren gefragt. Der Dax baute seine Verluste auf zwei Prozent aus, der amerikanische Dow-Jones-Index eröffnete 400 Punkte tiefer, und auch beim Ölpreis ging es deutlich bergab.

Der Hintergrund: Üblicherweise verlangen Investoren einen Renditeaufschlag, wenn sie ihr Kapital langfristiger verleihen. Daher werfen zehnjährige US-Staatsanleihen in ruhigeren Marktphasen mehr ab als kürzer laufende Papiere. Doch in Krisenzeiten sind vor allem langlaufende Staatsanleihen gefragt. Das drückt die langfristigen Renditen.

Auch in Deutschland ist es nicht mehr weit bis zu einer Inversion der Zinskurve: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist nur noch einen Viertelprozentpunkt höher als die von zweijährigen. So gering war der Aufschlag zuletzt eine Woche vor der Pleite von Lehman Brothers im September 2008.

Verlässliche Indikatoren

Einige Anleiheexperten zweifeln jedoch an der Aussagekraft der Zinskurve. „Ich wäre vorsichtig, aus der Inversion der Zinskurve einen Automatismus abzuleiten“, sagt Analyst Daniel Lenz von der DZ-Bank. Da viele Indikatoren etwas zur Frage beitragen können, ob wir uns direkt vor oder sogar schon in einer Rezession befinden, gibt es Prognosemodelle, die die verlässlichsten Indikatoren herausfiltern und die Informationen gewichten.

Eines davon, das maschinelles Lernen einsetzt, wurde am Ifo-Institut München und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) entwickelt als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise 2008, die die damaligen Modelle nicht vorgesagt hatten. Aktuell sieht das Modell eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 92 Prozent für Deutschland.

Sehr viel geringer, aber mit 43 Prozent auch schon nahe bei 50 Prozent ist die Rezessionswahrscheinlichkeit nach einem Prognosemodell des Instituts für Makroökonomik und Konjunkturforschung (IMK). „Wir stehen am Rande einer Rezession“, urteilt IMK-Chef Sebastian Dullien.

Es gebe keine Besserungszeichen in der Industrie, und die übrigen Wirtschaftsbereiche würden die Konjunktur erfahrungsgemäß nicht auf Dauer am Laufen halten. Mit der Zeit werde die Schwäche der Industrie über Entlassungen oder geringere Nachfrage nach Vorleistungen diese nach unten ziehen.

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