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18.06.2019

17:14

Das Containerschiff „Kyoto Express“ der Reederei Hapag-Lloyd wird auf dem Container Terminal Altenwerder (CTA) im Hafen umgeschlagen. dpa

Container Terminal Altenwerder

Das Containerschiff „Kyoto Express“ der Reederei Hapag-Lloyd wird auf dem Container Terminal Altenwerder (CTA) im Hafen umgeschlagen.

Konjunktur

Ifo rechnet mit schwächstem Wachstum seit sechs Jahren

Von: Martin Greive

2019 ist für die Wirtschaft kein Glanzjahr. Das Wachstum fällt mickrig aus. Nach der Exportwirtschaft droht auch die Inlandsnachfrage zu schwächeln.

BerlinIm zehnten Jahr des Aufschwungs geht der deutschen Wirtschaft die Puste aus. Das Münchener Ifo-Institut rechnet für dieses Jahr nur mit einem Wachstum von 0,6 Prozent – das wäre das schwächste Wachstum seit 2013. Das geht aus der neuesten Konjunkturprognose des Wirtschaftsforschungsinstituts hervor. „Damit geht die deutsche Wirtschaft ohne Schwung in das kommende Jahr“, sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen.

Für das nächste Jahr ist das Institut zwar wieder optimistischer und rechnet mit einem Plus von 1,7 Prozent. Allerdings liegt das auch daran, dass viele Feiertage auf Wochenenden fallen. Ohne diesen Effekt läge das Plus nur bei eher durchschnittlichen 1,3 Prozent.

Besonders eine Entwicklung bereitet Sorge. So droht sich nach der Exportwirtschaft nun auch die bislang robuste Inlandsnachfrage abzuschwächen, die zuletzt den Aufschwung trug. Noch verzeichneten die binnenorientierten Dienstleister und die Bauwirtschaft „robuste und teilweise kräftige Zuwächse“, sagte Wollmershäuser. „Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass sich die industrielle Schwäche allmählich über den Arbeitsmarkt und tiefe Wertschöpfungsketten auch auf die Binnenkonjunktur überträgt.“

So verlangsamt sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit spürbar. Die Anzahl der Arbeitslosen dürfte von 2,25 Millionen in diesem Jahr auf 2,19 Millionen im kommenden Jahr sinken. Das sind 4,9 beziehungsweise 4,8 Prozent der Erwerbspersonen. Auch der Beschäftigungsaufbau verliert an Fahrt.

Die exportorientierte deutsche Industrie, die für ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich ist, steckt schon länger in der Krise. Hier macht sich die Abkühlung der Weltkonjunktur bemerkbar. Große Schwellenländer wie China wuchsen zuletzt deutlich schwächer, worunter die deutschen Exporteure besonders leiden.

Ebenfalls verhagelt die protektionistische Wirtschaftspolitik der USA den deutschen Exporteuren das Geschäft. Insbesondere der bereits seit gut einem Jahr andauernde Handelsstreit zwischen China und den USA, den beiden größten Handelsmächten der Welt, hatte sich zuletzt weiter hochgeschaukelt. US-Präsident Donald Trump hatte zuletzt Zölle auf chinesische Importe in die USA im Umfang von 200 Milliarden Dollar in Kraft gesetzt, woraufhin China seinerseits die USA mit Gegenzöllen überzog.

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„Wirtschaftspolitiken, die über Abschottung, Sanktionen und Androhungen versuchen, die globalisierte Wirtschaftsordnung zu verändern, haben die Verunsicherung weltweit steigen, die Industriekonjunktur abkühlen und den Welthandel einbrechen lassen“, sagt Wollmershäuser.

Nur italienische Wirtschaft wächst schwächer

Unter der Annahme, dass die damit verbundenen vielfältigen Risiken nicht eintreten, werden sich die deutschen Ausfuhren im nächsten Jahr wieder normalisieren und um 3,8 Prozent steigen, erwartet das Ifo. Sollte das jedoch nicht der Fall sein, droht das Wachstum auch im nächsten Jahr schwächer auszufallen. Schon in diesem Jahr wächst innerhalb Europas nur die italienische Wirtschaft noch schwächer als die deutsche.

„Die gesenkte Konjunkturprognose zeigt, dass die Zeichen auf Sturm stehen“, sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dem Handelsblatt. Die Gefahr einer Rezession in Deutschland sei real und es müsse alles daran gesetzt werden, die Wirtschaft „wetterfest“ zu machen. Die Bundesregierung solle nicht warten bis der Abschwung eintritt, sondern beherzt entgegensteuern und Trendwenden einleiten. „Dazu braucht es unverzüglich Entlastungen der Wirtschaft bei Steuern und Abgaben“, forderte Theurer. Mit den höchsten Steuern bei einer gleichzeitig schlechten Infrastruktur könne Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht mithalten. „Deshalb muss insbesondere der Soli komplett abgeschafft werden.“

Insgesamt aber steht die deutsche Wirtschaft nach einem Jahrzehnt des Aufschwungs gut da. Die Arbeitslosigkeit liegt auf Rekordtief seit der Wiedervereinigung, die Beschäftigung auf Rekordniveau, die öffentlichen Haushalte verzeichnen Überschüsse. Und sogar die Schwäche der Exportwirtschaft hat zumindest etwas Gutes: Der international so kritisierte hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird laut Ifo-Institut 2020 erstmals seit Jahren wieder unter die Marke von sieben Prozent rutschen.

Auch bei anderen Konjunkturexperten nimmt der Pessimismus zu. Das Barometer für die Erwartungen für das nächste halbe Jahr sackte im Juni um 19 Zähler auf minus 21,1 Punkte ab, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag unter Berufung auf seine monatliche Umfrage unter mehr als 190 Analysten und Anlegern mitteilte.

Dies ist der tiefste Stand seit November 2018 und der dritte Rückgang in Folge. Von Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich mit einem Rückgang auf minus 5,9 Zähler gerechnet. Auch die aktuelle Lage bewerteten die Börsianer schlechter: Der Wert fiel auf plus 7,8 Punkte von plus 8,2 Zählern.

Mehr: Konjunkturexperten des Kieler IfW sehen die deutsche Wirtschaft im Sinkflug. Lesen Sie hier mehr in der Analyse unserer Korrespondentin Donata Riedel.

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