Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2021

12:57

Konjunktur

Ifo und IW senken Prognosen – Forscher liegen bei Konsum-Erwartungen weit auseinander

Von: Donata Riedel

Die Coronakrise kostet die Wirtschaft 405 Milliarden Euro, der längere Lockdown wird den Aufschwung wohl verschieben. Aber es gibt auch gute Nachrichten.

Auch der Einzelhandel leidet unter der Coronakrise. Der Wirtschaftsaufschwung ist noch in weiter Ferne. imago images/Ralph Peters

Geschlossene Geschäfte

Auch der Einzelhandel leidet unter der Coronakrise. Der Wirtschaftsaufschwung ist noch in weiter Ferne.

Berlin Alle Konjunkturforscher haben ihre Prognosen für 2021 in diesem Frühjahr nach unten korrigiert. Alle – bis auf das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Unverdrossen, wie schon im Dezember, erwartet das IMK in seiner neuen Prognose in diesem Jahr eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 4,9 Prozent.

Die übrigen Institute, der Sachverständigenrat und die Bundesregierung trauen dem BIP dagegen nur zwischen 2,7 Prozent (Handelsblatt Research Institute) und 3,7 Prozent Wachstum zu. Dabei erwartet die Hälfte eher um die drei Prozent Wachstum wie die Bundesregierung. Die andere Hälfte liegt bei 3,7 Prozent, darunter das Ifo-Institut, das an diesem Mittwoch seine Prognose veröffentlicht hat und zuvor 4,2 Prozent erwartet hatte.  

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) korrigierte am Mittwoch ebenfalls seine Prognose für 2021 von vier Prozent auf drei Prozent, bleibt aber dennoch für die zweite Jahreshälfte optimistisch: „Trotz des verlängerten Lockdowns und steigender Infektionszahlen dürfte sich der Kampf gegen die Pandemie im Laufe des Jahres 2021 zum Guten wenden“, heißt es in der Prognose.

Die Industrie habe sich gut erholt und stütze jetzt den Aufschwung. Dagegen blieben Einzelhändler, Restaurantbetreiberinnen und Hoteliers ohne Perspektive.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Längerer Lockdown, dadurch verspäteter Aufschwung, zudem wachsende Unsicherheit der Konsumenten gegenüber der Corona-Politik: Unterm Strich, so die Mehrheitsmeinung, werde deshalb die Wirtschaftsleistung nicht ganz so kräftig wachsen können wie noch im Dezember erwartet. „Die Coronakrise zieht sich hin und verschiebt den erwarteten kräftigen Aufschwung nach hinten“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

    Sollte der Lockdown auch noch das zweite Quartal über andauern, würde Wollmershäuser weitere 0,3 Prozentpunkte in diesem Jahr abziehen und seine Prognose für 2022 dafür von 3,2 Prozent auf 3,4 Prozent erhöhen.

    Teure Krise für die Wirtschaft

    Die deutsche Wirtschaft kommt laut Wollmershäuser die Krise von 2020 bis 2022 teuer zu stehen: 405 Milliarden Euro fehlen gemessen am BIP in diesen drei Jahren – wenn man unterstellt, dass die Wirtschaft in dieser Zeit um ihre üblichen anderthalb Prozentpunkte gewachsen wäre. Sollte der Lockdown auch das zweite Quartal anhalten, kämen weitere 13 Milliarden Euro BIP-Verlust hinzu. Im ersten Quartal werde die Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent schrumpfen, so Wollmershäuser.

    Ganz grundsätzlich sieht das viel optimistischere IMK die Lage genauso wie die übrigen Institute: Die im Lockdown geschlossenen Branchen leiden, die Industrie boomt, und diese erhält Rückenwind auch vom riesigen Konjunkturprogramm der USA.

    Womöglich ist der Industrieboom deshalb bereits stärker, als die Institute aktuell sehen können: Nach der neuesten Einkaufsmanagerumfrage von IHS Markit, ebenfalls von Mittwoch, wächst die Industrie im März rekordverdächtig. „Zahlreiche Industriebetriebe konnten im März mit der Nachfrage nicht Schritt halten“, so die IHS-Markit-Ökonomen. Der Gesamtauftragseingang wies das höchste Plus seit sechs Monaten aus. 

    IMK-Direktor Sebastian Dullien glaubt anders als die übrigen Forscher zusätzlich an eine schnellere Erholung des Konsums. „Erstens funktioniert die Stabilisierungspolitik der Bundesregierung weiterhin recht gut – bei aller berechtigten Kritik an teilweise schleppenden Hilfszahlungen“, sagte er.

    Und zweitens profitiere die deutsche Industrie von der kräftigen Nachfrage aus Asien, den USA und vielen EU-Staaten. „Die Lieferketten halten, und offensichtlich sind die Corona-Schutzkonzepte in den meisten Betrieben wirkungsvoll“, so Dullien.

    Gewerkschaftsinstitut vertraut auf den Konsum

    Die Verbraucher hätten während der Lockdowns viel Geld gespart, von dem in der zweiten Jahreshälfte viel ausgegeben werde. Dullien rechnet ab April zudem mit einer deutlich beschleunigten Impfkampagne: Ab dann werde erheblich mehr Impfstoff geliefert. Das IMK hat ausgerechnet, dass – wenn die zugelassenen Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astra-Zeneca und Johnson & Johnson wie geplant geliefert werden – bis zum 31. Juli alle impfwilligen Erwachsenen geimpft sein können.

    Grafik

    Wegen der weitgehenden Abschaffung des Solidaritätszuschlags, des höheren Kindergelds, Steuersenkungen durch das Familienentlastungsgesetz und der Grundrente hätten viele Menschen zudem mehr Geld zur Verfügung.

    Für den Konsum bedeute dies: „Auf den tiefsten Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik 2020 folgen zwei Jahre mit sehr dynamischer Konsumentwicklung“, sagt Dullien. 2021 werde der Konsum um 4,6 Prozent und 2022 um sechs Prozent zulegen.

    Wollmershäuser glaubt dagegen nicht so recht an den bald wieder unbeschwerten Konsum. „Vieles deutet darauf hin, dass hohe Unsicherheit und vorsichtiges Verhalten der Konsumenten maßgeblichen Einfluss auf die Konjunktur haben werden“, sagt er. Je länger ganze Wirtschaftszweige im Lockdown sind, desto mehr greife bei vielen Menschen auch Angst um den Job um sich, zumal sich Insolvenzen irgendwann wohl nicht mehr werden verhindern lassen.

    Als Risiko sieht allerdings auch Dullien weitere Rückschläge bei der Pandemiebekämpfung – und dass die Bundesregierung zu früh auf Sparkurs umschaltet. „Investitionen müssen jetzt absoluten Vorrang haben, um den Aufschwung zu stützen“, sagt er.

    Die Gefahr des zu frühen Sparens scheint allerdings gebannt: An diesem Mittwoch will das Kabinett mit dem Haushalt 2022 beschließen, die Schuldenbremse auch 2022 ein weiteres Mal auszusetzen und die kreditfinanzierten Ausgaben erneut zu erhöhen.

    Beim Arbeitsmarkt gehen die Erwartungen von IMK und Ifo ebenfalls leicht auseinander. Während das Ifo wegen der schwierigen Lage der personennahen Dienstleister eine leichte Zunahme der Arbeitslosigkeit in diesem Jahr erwartet, rechnet das Gewerkschaftsinstitut IMK bereits 2021 mit leicht sinkenden Arbeitslosenzahlen: Im Jahresmittel wären noch 2,66 Millionen Menschen ohne Job, die Arbeitslosenquote würde von 5,9 auf 5,8 Prozent sinken. Im nächsten Jahr erwartet das IMK dann, dass die Arbeitslosenquote auf 5,3 Prozent sinkt – und die Zahl der Arbeitslosen um 220.000 Personen.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×