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10.10.2022

19:10

Kritische Infrastruktur

Sicherheitskreise: Bahn-Sabotage das Werk eines ausländischen Staates – Russland im Fokus

Von: Martin Murphy, Jens Koenen

Kein Bekennerschreiben, kein Einsatz von Brandsätzen – Sicherheitsexperten halten einen Anschlag von Linksextremisten aus mehreren Gründen für unwahrscheinlich.

Vieles scheint in dem komplexen Fall weiterhin unklar. Getty Images

Sabotierte Kabel in Hohenschönhausen

Vieles scheint in dem komplexen Fall weiterhin unklar.

Berlin, Frankfurt Der gezielte Angriff auf die Kommunikationsinfrastruktur der Deutschen Bahn, der am Samstag den Bahnverkehr im Norden der Republik für drei Stunden zum Erliegen brachte, gibt Rätsel auf. Zwar zeichnet sich nach Kenntnisstand der Behörden ab, dass es sich um eine „politisch motivierte Tat“ handelt. Sicherheitsexperten vermuten die Täter mittlerweile allerdings nicht im linksextremistischen Lager. Sie gehen nach Informationen des Handelsblatts davon aus, dass ein ausländischer Staat hinter der Tat steckt.

Da es keine Bekennerschreiben gebe, sei ein Anschlag von Linksextremisten unwahrscheinlich, heißt es in Berliner Sicherheitskreisen. Auch die Art des Anschlags spreche gegen Täter aus dieser Gruppierung. Linksextremisten hätten in der Vergangenheit Kabel mit Brandsätzen zerstört. Am Wochenende seien die Kabel aber an zwei unterschiedlichen Orten durchtrennt worden. Dies spreche für zwei eigenständig arbeitende Zellen.

Urheber der Attacke auf die Bahn-Infrastruktur sei daher eher ein ausländischer Staat, ist in Sicherheitskreisen zu hören. Vieles spreche für Russland. Wegen der Unterstützung Deutschlands für die Ukraine sei mit solchen Attacken zu rechnen gewesen. „Gerade nach der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines mussten wir uns darauf einstellen“, sagte eine Person aus dem Sicherheitsapparat. Dies sei im Fall der Deutschen Bahn nun eingetroffen.

Unbekannte Täter hatten zunächst bei Herne in der Nacht zu Samstag einen Kabelschacht geöffnet und eine Leitung durchtrennt, die für die Kommunikation der Deutschen Bahn unverzichtbar ist. Über die Leitungen verständigen sich etwa die Leitstellen mit den Zügen und dem Zugpersonal. Kurze Zeit später wurde dann auch in Berlin-Karow ein Datenkabel gekappt. Es hatte bis dahin als „Umleitung“ für das defekte Kabel in Herne gedient.

Die Folge: Der sogenannte Zugfunk brach zusammen, die Deutsche Bahn stoppte als Vorsichtsmaßnahme den Zugverkehr im Norden. Hunderte Reisende strandeten vorübergehend – vor allem in den großen Umsteigebahnhöfen wie Hamburg und Hannover.

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Staatsschutz: „Politisch motivierte Tat“

Bei der Bahn will man sich mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht zum Tathergang selbst äußern. Der Vorfall habe den Reisenden und den Beschäftigten viel abverlangt, dafür entschuldige er sich, sagte Michael Peterson, im Konzernvorstand für den Fernverkehr zuständig, am Montagvormittag.

Die eigenen Experten hätten die Kommunikation in drei Stunden wiederherstellen können. „Das zeigt, dass unsere Notfallkonzepte gegriffen haben“, sagte Peterson. Kein Zug sei auf freier Strecke stehen geblieben, man habe zudem schnell zehn Aufenthaltszüge bereitgestellt.

Auch der Staatsschutz in Bochum geht von einer politisch motivierten Tat aus. „Wir haben eine größere Ermittlungsgruppe beim Staatsschutz gebildet, die mit Hochdruck daran arbeitet, die Hintergründe der Tat zu klären“, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur dpa. In Berlin ermittelt ebenfalls der Staatsschutz.

Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) schließt nicht aus, dass die Bundesbehörden die Ermittlungen übernehmen könnten – das wäre etwa bei Verdacht auf Terrorismus oder Tätern von ausländischen Geheimdiensten der Fall. Es könne sein, dass auch das BKA und der Generalbundesanwalt sich damit beschäftigen, sagte Spranger am Montag im Ausschuss für Verfassungsschutz. Das könne Berlin aber nicht steuern, es werde allerdings in Zusammenarbeit mit dem Berliner Landeskriminalamt (LKA) entschieden.

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